Coronavirus

Grazer Familienstudie zu Auswirkungen von Corona

Das Institut für Psychologie der Universität Graz hat eine Familienstudie zu Auswirkungen von Corona durchgeführt. Das Ergebnis: Es gibt eine drastische Zunahme an pathologischen Angst- und Depressionssymptomen bei Jugendlichen.

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„Die Corona-Pandemie stellt uns alle nach wie vor vor große Herausforderungen. Dass insbesondere Kinder, Jugendliche und Familien immer wieder als besonders stark Betroffene ausgemacht werden, ist allgemein bekannt. Es gibt auch bereits einige Studien dazu“, erklärt Bildungs-, Jugend- und Familienstadtrat Kurt Hohensinner, „mit dieser groß angelegten Grazer Familienstudie wollten wir darüber hinaus eine umfassende Bestandsaufnahme über die Situation in Graz machen und auch die möglichen Einwirkungen und Schlussfolgerungen auf die Kinder- und Jugendhilfe mitbetrachten.“ Die Studie wurde vom Institut für Psychologie der Universität Graz unter Leitung von ao. Univ.-Prof. Dr. Paulino Jimenez in enger Abstimmung mit dem Amt für Jugend und Familie erarbeitet. „Keine Überraschung war, dass am häufigsten von Eltern und Jugendlichen in der Befragung genannt wurde: `Ich habe das Gefühl, dass diese Pandemie kein Ende nimmt´“, erläutert auch Studienautor Jimenez, „sehr wohl überrascht hat die Deutlichkeit der Zunahme an pathologischen Angst- und Depressionssymptomen bei Jugendlichen, auch das veränderte Essverhalten und die suchtähnliche Nutzung digitaler Medien von jungen Menschen sind besorgniserregend!“ Insgesamt haben an der Studie 1.494 Personen teilgenommen, davon 908 Erwachsene und 586 Jugendliche.

Richtschnur für Arbeit der kommenden Jahre

Die Erhebungen für die Studie fanden zwischen 2. September und 15. November statt. Ziel war es, das aktuelle Befinden, die psychosozialen Belastungen und Herausforderungen von Grazer Familien zu erheben, die in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stehen. „Diese Familienstudie ist für uns nicht nur eine Bestätigung der Belastung der Familien in den vergangenen Jahren, sondern ein Handlungsauftrag für die Zukunft“, so Hohensinner, „die Ergebnisse werden uns als Richtschnur für die Arbeit der kommenden Jahre dienen. Für mich geht daraus auch ganz klar hervor, dass wir im kommenden Jahr ein Kinder- und Jugendjahr brauchen, um gerade diese Gruppe stärker in den Fokus zu rücken. Die Ergebnisse werden dabei natürlich als Grundlage für die Konzeption dieses Themenjahres dienen.“ Darüber hinaus will Hohensinner die Ergebnisse auch breit im zuständigen Gemeinderatsausschuss sowie in einer der nächsten Stadtregierungssitzungen debattieren: „Viele Ergebnisse betreffen nicht nur das Familienressort an sich, sondern sollten sich in der gesamten Arbeit der Stadt niederschlagen.“

Das sind die wesentlichen Ergebnisse der Studie:

1. Das Gefühl, dass die Pandemie kein Ende nimmt, ist bei Eltern wie auch bei Jugendlichen die Belastung, die am häufigsten genannt wird.

Jugendliche im Allgemeinen, Frauen, Personen mit Migrationshintergrund bzw. nicht deutschsprachiger Staatsangehörigkeit, Mädchen im Jugendalter sowie Familien mit geringen finanziellen Mitteln und Alleinerziehende sind in Zusammenhang mit der Pandemie als besonders vulnerabel und belastet zu sehen. Gleichzeitig zeigt sich in diesem Zusammenhang laut Studienautor Paulino Jimenez auch ein positiver Effekt: „Dies ist der Zuwachs an Selbstwirksamkeit: Der Zuwachs an Selbsthilfe während der Pandemie-Zeiten, sowohl bei Eltern wie auch bei Jugendlichen – und erstaunlicherweise noch stärker bei jenen Gruppen, die besonders häufig Belastungen ausgesetzt sind, wie etwa Menschen mit Migrationshintergrund oder auch in schlechterer finanzieller Situation.“

2. Die hohe Bedeutung sozialer Ressourcen muss genannt werden.

Betreuungs- und Therapieangebote sind für besonders belastete Gruppen ein wichtiger Puffer. Trotz der Rahmenbedingungen der Pandemie sollte auf die Aufrechterhaltung und Ermöglichung sozialer Kontakte geachtet werden, da diese für Eltern, Jugendliche und Kinder wirksame Ressourcen zur Bewältigung der Belastungen darstellen. „Auch sozialer Austausch und Kontakt mit anderen Menschen sowie eine gute Tagessstruktur und Bewegungsangebote helfen Grazer Familien, den Alltag in der Pandemie leichter zu bewältigen“, führt Jimenez aus.

3. Väter werden deutlicher in der Familie.

Generell zeigen sich sowohl bei Vätern als auch bei Müttern eine Zunahme der Verantwortung und Aufgaben in Zusammenhang mit der Erziehungsarbeit. Vor allem die Väter nehmen im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie eine bedeutendere Rolle in der Erziehung der Kinder ein. So geben Männer signifikant häufiger als Frauen an, dass sie seit Beginn der Pandemie mehr Zeit für die Erziehung haben (34,9% vs. 26%). Auch die Zufriedenheit mit der Aufgabenverteilung steigt bei den Vätern mit einem Zuwachs der wahrgenommenen Aufgaben und Verantwortung in der Erziehung. „Als zweifacher Familienvater freut mich diese Entwicklung. Unser Angebot der Väterrunden bzw. ähnlicher Initiativen werden wir vor diesem Hintergrund weiter ausbauen“, sagt der Familienstadtrat.

4. Jugendliche leiden deutlich unter der Pandemie.

Besonders häufig leiden Jugendliche seit Beginn der Pandemie vermehrt unter Symptomen (z.B. pathologische Angst- und Depressionssymptome, verändertes Essverhalten, suchtähnliche Nutzung digitaler Medien, etc.)

Vereinsamung, Sport und die Bereitschaft Hilfe anzunehmen

Für Hohensinner zeigen sich in der Studie auch wesentliche Handlungsfelder für die Zukunft bzw. auch Bestätigung für bereits umgesetzte Initiativen. So etwa im Bereich Vereinsamung: In der Studie sagen 23,3 Prozent der befragten Eltern, dass sie sich seit Beginn der Pandemie öfters einsam fühlen. 26,6 Prozent der Eltern geben an, dass sich Kinder seit der Pandemie öfters einsam fühlen. Seit Beginn der Pandemie fühlen sich 41,3 Prozent der befragten Jugendlichen öfters einsam. Hohensinner: „In den vergangenen Jahren haben wir im Sozialressort einen besonderen Schwerpunkt auf dieses aktuelle Thema Vereinsamung gelegt, etwa mit einem eigenen Aktionsplan. Diese Ergebnisse sind ein klarer Auftrag, diesen Weg fortzusetzen und ressortübergreifend an Strategien gegen Einsamkeit zu arbeiten.“

Eine Zukunftschance sieht Hohensinner im Sport: So zeigt die Studie klar, dass Sport hilft, mit schwierigen Situationen besser umzugehen. Auf die Frage, welche Dinge in einer Ausnahmesituation hilfreich sind, um mit einer Belastung umzugehen, wird Sport als sehr hilfreich angesehen. (Eltern mit 88,6%, Jugendliche mit 79,3%, Kinder mit 94,8%). „Das zeigt, dass wir mit unserem Sportjahr goldrichtig liegen“, schlägt Hohensinner eine Brücke zu einem weiteren seiner Ressorts, „mehr Menschen für Sport zu begeistern ist dahingehend gesehen Teil einer erfolgreichen Präventionsarbeit. Initiativen wie niederschwellige Mitmachangebote, der Grazer Sportgutschein oder die Gratis-Mitgliedschaft in Sportvereinen für SozialCard-Inhaber müssen deshalb unbedingt fortgesetzt werden.“

Abschließend sieht Hohensinner eine weitere positive Entwicklung: So geht aus der Studie ebenfalls hervor, dass Eltern in Graz offen sind, Unterstützungs- und Bildungsangebote anzunehmen: „Wir haben hier etwa mit ‚Klein hats fein‘ bzw. unserem IBOBB-Cafe tolle Vorzeigeprojekte geschaffen und werden diese Strategie weiter forcieren.“

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