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Hilfe, ich weiß nicht mehr weiter!

Die Kinder hören nicht zu und machen was sie wollen. Die Folge: Mütter und Väter verzweifeln und fühlen sich hilflos. Wie gehen Eltern mit dieser Hilflosigkeit um? Wie kann verhindert werden, dass die Ohnmacht nicht in Wut umkippt? Und dürfen Eltern überhaupt hilflos sein?

Von Sätzen wie diesen können viele Eltern ein Lied singen: „Rede ich mit den Kindern, habe ich das Gefühl, ich rede gegen eine Wand!“ Oder: „Fünfmal sage ich, die Kinder sollen sich fertig machen, aber sie hören nicht und trödeln weiter!“ Oder auch: „Verlange ich, dass das Zimmer aufgeräumt wird oder Schluss mit Zocken ist, reagieren die Kinder nicht – ich weiß nicht, was ich noch machen soll!“ Situationen, in denen die Kinder nicht zuhören, sich protestierend quer stellen oder einfach machen, was sie wollen, lösen oft Wut und Hilflosigkeit aus. Sind die Anläufe mit wohlwollenden Ermahnungen und Erklärungen ausgeschöpft, kommt meistens der Punkt, wo Eltern der Kragen platzt. Die Kinder werden angeschrien, verflucht und beschimpft. Hinterher tut es den meisten Eltern furchtbar leid, denn letztendlich ist kaum jemand stolz auf die gegen den Nachwuchs gerichteten Beschimpfungen, Beleidigungen oder gar Grobheiten. „Ich fühle mich einfach nur hilflos und ohnmächtig! Was habe ich denn für eine andere Wahl, als mein Kind anzubrüllen?“, fragt eine verzweifelte Mutter. Gute Frage. Denn welche Alternativen gibt es? Wie können Eltern mit diesen herausfordernden Situationen umgehen? Dürfen Mama oder Papa überhaupt hilflos sein?

Was die Wissenschaft über Wut sagt

„Es geht gar nicht ohne die Wut!“, weiß Familienberaterin Margit Dechel. „Weil sie eine automatische Reaktion unseres Gehirns ist“. Die Natur hat unser Gehirn nun einmal so geschaffen, dass wir auf Hilf- und Ausweglosigkeit mit Wut reagieren. Wie alle Emotionen entsteht sie blitzschnell im limbischen System, viel schneller als uns die bewusste Kontrolle durch unser Großhirn möglich ist. Dass Emotionen uns erlauben, umgehend zu reagieren, hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte durchaus bewährt. Die Hirnforschung spricht vom Kampf-oder-Flucht-Mechanismus als überlebenswichtige Stressreaktion in Gefahrensituationen. Droht nämlich akute Gefahr, kriegen wir entweder Panik und fliehen oder das schlagartig freigesetzte Adrenalin mobilisiert uns zum Angriff. Dass unser Gehirn nicht zwischen der Gefahr eines plötzlich aus dem Gebüsch springenden Löwen und trotzigen Kindern unterscheidet, mag erstaunlich klingen. Unser Hirn tickt aber so. Weil es eben gelernt hat bei Hilflosigkeit und in uns ausweglos scheinenden Situationen auf Gefährdung zu schalten. „Da das Gehirn „Gefahr ja oder nein“ in Millisekunden entscheiden muss, kann es nicht differenzieren, ob ein brüllender Löwe vor uns steht oder unser brüllendes Kind. Es erkennt auch nicht den Unterschied, ob uns ein Räuber angreift oder ob unser Kind seit einer gefühlten halben Stunde nicht weitertut, obwohl wir morgens pünktlich aus dem Haus müssen“, erklärt Dechel. Nachdem unser Gehirn tatsächlich nicht anders kann, stellt sich die Frage, was wir tun können, damit es überhaupt gar nicht so weit kommt – also soweit, dass wir uns so hilflos fühlen.

Das Gefühl von Ohnmacht

Dass Kinder uns immer wieder auf die Palme bringen, ist eine Tatsache. Warum das so ist? Weil sie uns regelrecht provozieren, heißt es oft. Margit Dechel will diese gern getätigte Pauschalantwort keinesfalls gelten lassen. Vielmehr habe unser Gefühl der Ohnmacht etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun, und zwar vor allem damit, dass wir schlichtweg übersehen, dass Kinderhirne nun mal anders funktionieren als jene von Großen. „Kinder wollen uns niemals schaden. Sie sind durch und durch emotional gesteuerte Wesen, weil sich jener limbische Bereich im Gehirn, also die Zentrale der Emotionen, als Erstes entwickelt“. Das sei auch der Grund, warum Kinder erst im Laufe der Jahre Impulskontrolle lernen und bei allem was sie tun, ihre Emotionen in vollem Maße ausleben. Frei nach dem Motto: Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt. Jeder, der mit Kindern zu tun hat, weiß, dass Gefühle gerade bei kleinen Kindern oft besonders heftig gelebt werden: grenzenlose Freude im einen Moment, das totale Wut-Drama im nächsten. „Weil Kinder also nicht die Kontrolle über ihre Gefühle und daraus resultierenden Taten haben können, werden sie sich auch niemals so perfekt verhalten wie wir es gerne hätten – was uns übrigens oft selbst nicht gelingt, sonst würden wir ja die Kinder nicht anschreien“, erklärt Dechel. Dieses Wissen helfe Eltern dabei, ihrem Kind keine böse Absicht zu unterstellen. „Es handelt nie gegen mich, sondern nur für sich und das ist ein riesen Unterschied“, versichert Margit Dechel.

Was bei Hilflosigkeit hilft

Wegen der ungefilterten Heftigkeit sind die Gefühlsausbrüche von Kindern leider besonders ansteckend. So überträgt sich Kinderwut sehr schnell auf die Eltern und diese laufen Gefahr, dass sich ihre Wut wiederum in unkontrollierte Reaktionen entlädt. Die mit den Gefühlsstürmen typisch einhergehenden Machtkämpfe und Wortgefechte könne man sich allerdings sparen, weil sie keinesfalls zielführend sind. Damit es soweit gar nicht kommt, müssen wir laut Dechel unser „Notfallprogramm“ kennen. „Sobald ich merke, dass ich kippe, kann ich ein klares Stopp dazwischen schieben und mein System runterfahren“. Soll heißen, dass die Großen in brenzligen Situationen Impuls- und Emotionskontrolle üben können, damit sie in der Lage sind, mit ihrem entwickelten Verstand den kleinen impulsgesteuerten Menschen in stürmischen Gefühlssituationen beizustehen. Das ist anstrengend, gehört aber zum Leben und daher auch zum Lernprozess der Erziehung dazu. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass Kinder durch das gelebte Vorbild gleich lernen, wie sie selber konstruktiv mit Wut & Co umgehen können. Gefragt ist also ein bewusster Umgang mit der eigenen Gefühlswelt, aber auch die Akzeptanz der eigenen Verletzlichkeit, indem sich Eltern ihre Hilfslosigkeit eingestehen und sich auch erlauben, nicht immer perfekt zu sein. „Das Kind sollte mitkriegen, dass die Mama und der Papa fehlbare Menschen sind, ausgestattet mit der gesamten Gefühlspalette“, sagt Dechel. Deshalb solle man auch damit aufhören, sich selbst abzuwerten oder an den erzieherischen Fähigkeiten zu zweifeln, wenn es wieder mal nicht gelungen ist, in der Hektik des Alltags ruhig und gelassen zu bleiben. „Ich muss wissen, wer ich bin, was mir wichtig ist und wo meine Grenzen sind“, sagt Margit Dechel. So könne es gelingen, im Umgang mit den Gefühlseskapaden der Kids die eigenen Gefühle immer öfter im Griff zu haben. Denn das ist letztendlich eine der wesentlichen und wohl auch herausforderndsten Aufgaben des Eltern-Seins.

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