Erziehung

I feel you!

Kinder fühlen intensiv. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen helfen, mit ihren Gefühlen umzugehen. So werden sie emotional kompetent.

Große Gefühle gibt es nicht nur im Kino. Man muss sich morgens einfach in eine Kindergartengarderobe setzen um zu erleben, was es heißt, zu lieben, sich zu freuen und manchmal auch nicht so glücklich zu sein. Da klopfen kleine Herzen vor Aufregung schneller, Kinderarme schlingen sich zum Abschied fest um Mamas Bauch oder halten sich an Papas Hosenbein fest, Tränen fließen. Kinder winken fröhlich, hüpfen gut gelaunt in den Gruppenraum oder bleiben schüchtern an dessen Schwelle stehen. Aber nicht nur im Kindergarten: Kinder haben intensive Gefühle, die sie auf ihre ganz persönliche Art ausdrücken. Laut oder leise, mit großer Geste oder fast unmerklich. Und: Sie brauchen Erwachsene, die ihnen helfen, mit ihren Emotionen umzugehen. Erwachsene wie Lisa Pöttinger, inklusive Elementarpädagogin in der Nikolausstiftung in Wien, die weiß, dass es im Alltag eines Kindes unzählige emotionale Momente gibt, in denen Feinfühligkeit gefragt ist. Zum Beispiel wenn der Schmerz beim Verabschieden von Mama und Papa in der Früh groß ist. „Dann nehme ich das Kind in den Arm, tröste es, schenke ihm Zuwendung. Und ich benenne, was ich sehe: ‚Du bist traurig, weil die Mama jetzt geht, oder? Was können wir tun, damit es dir besser geht?‘“

Emotional kompetent

Über Emotionen und den Umgang mit diesen, spricht Lisa Pöttinger mit den Kindern am liebsten ausgehend von Alltagserlebnissen. „Natürlich gibt es auch ein breites Repertoire an sehr guten pädagogischen Methoden – Lieder, Fingerspiele, Bilderbücher –, anhand derer man Gefühle thematisieren kann. Gerade Bilderbücher eignen sich dafür sehr gut. Wichtiger ist aber, die kleinen Situationen im Alltag zu nutzen, um die Kinder in ihren Emotionen zu begleiten.“ Das kann bedeuten: aufmerksam zuhören, wenn ein Kind begeistert erzählt, nahe sein, wenn es sich lautstark ärgert, Wutanfälle aushalten oder mitfreuen, wenn etwas gelingt. Indem Erwachsene – Eltern, PädagogInnen, LehrerInnen – ein Kind dabei unterstützen, seine Gefühle wahrzunehmen, würden sie dessen emotionale Kompetenz fördern, sagt die Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin Doris Koller-Zazworka von der Nikolausstiftung. „Emotional kompetent ist jemand, der sich selbst spürt, der weiß, wie es ihm geht. Und der auch beantworten kann: Woher kommt die Emotion?“ Im besten Fall können die Kinder bereits vor Schuleintritt ihre Gefühle ausreichend regulieren und sozial adäquat ausdrücken.

„Am Wichtigsten ist es, da zu sein und das Kind mit seinen Gefühlen nicht alleine zu lassen.“

Maga Doris Koller-Zazworka

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin, Nikolausstiftung

Jedes Gefühl ist ein Signal

Stress, Mobbing, psychische Probleme: Für den Emotionsforscher und Psychologen Marc Brackett von der Universität Yale sind das die Folgen, wenn Menschen ihre Gefühle unterdrücken und nicht regulieren können. In seinem Buch „Die Kraft der Gefühle“ beschreibt Brackett fünf emotionale Kompetenzen: Emotional kompetente Menschen erkennen ein Gefühl bei sich und anderen, sie verstehen, woher es kommt und können es benennen. Sie wissen, in welcher Weise sie es ausdrücken können und schaffen es schließlich, ihre emotionalen Regungen zu regulieren, ohne sie zu unterdrücken. Brackett ist überzeugt: Erwachsene tun Kindern einen großen Gefallen, wenn sie Gefühlen im Zusammenleben Raum geben, denen ihrer Kinder und ihren eigenen. Die einfache Frage „Wie fühlst du dich?“ sei dafür ein guter Anfang. „Eltern sollten ihren Kindern vermitteln: Gefühle dürfen sein und sind wichtig“, betont auch Doris Koller-Zazworka. Denn: „Wären sie nicht wichtig, hätte sich die Menschheit schon längst aus ihnen heraus entwickelt.“ Jedes Gefühl sei ein Signal und habe eine Bedeutung. „Wut beispielsweise brauchen wir zur Selbstbehauptung. Sie bringt die Energie mit sich, die mir hilft, mich zu schützen.“

Emotionen ernst nehmen

Gefühle anzuerkennen bedeutet nicht, ihnen in jedem Fall nachzugeben und jegliche Entscheidung aufgrund der momentanen Emotionslage zu treffen. Erwachsene wissen das: Wenn der Wecker in der Früh läutet, stehen sie auch dann auf, wenn sie dazu gar keine Lust haben. Kinder lernen erst, ihre Emotionen zu regulieren und dass es sinnvoll sein kann, sich bewusst für eine Vorgehensweise zu entscheiden, die dem unmittelbaren Empfinden widerspricht: Das Kicken auf später verschieben, weil zuerst die Hausübung zu machen ist. Den Pudding teilen, auch wenn man ihn am liebsten alleine essen würde. Die Müslischüssel trotz Frust nicht auf den Boden pfeffern. Was Kinder aber immer erleben sollen: dass man sie in ihrer emotionalen Befindlichkeit ernst nimmt. Die Psychologin Doris Koller-Zazworka schildert das an einem Beispiel: „Einem Kind, das nicht aufräumen möchte, kann ich als Erwachsene sagen: Ich sehe, dass du dazu gar keine Lust hast. Ich verstehe auch, dass du das jetzt blöd findest. Aber komm, wir schauen, wie wir das gemeinsam hinkriegen.“

„Man kann die kleinen Situationen im Alltag zu weg nutzen, um Kinder in ihren Emotionen zu begleiten.“

Lisa Pöttinger

inklusive Elementarpädagogin, Nikolausstiftung.

Nicht perfekt, sondern ausreichend gut

Auch andere negative Gefühle wie Traurigkeit oder Frust sollen Erwachsene wahrnehmen und benennen. Auf keinen Fall sofort zu eliminieren versuchen, indem sie das Kind ablenken oder die innere Not kleinreden. „Am Wichtigsten ist es, da zu sein und das Kind mit seinen Gefühlen nicht alleine zu lassen“, sagt Koller-Zazworka. Das allein, so die Psychologin, erleichtere es für das Kind, starke Emotionen zu regulieren. Wie sie kompetent mit ihren Gefühlen umgehen, lernt ein Kind am meisten durch das Vorbild der Erwachsenen, mit denen es lebt. Eltern können darauf achten, dass sie über ihre Emotionen sprechen, dass sie verbal ausdrücken, wenn sie sich ärgern, von etwas begeistert oder frustriert sind und auch sagen, warum das so ist. Darüber hinaus sollten sie sich ihrer Regulationsstrategien bewusst werden. „Kreise ich ständig um meine Probleme? Reagiere ich mit Rückzug, wenn es mir schlecht geht? Was mache ich, damit ich mich besser fühle?“ Erwachsene müssen im Umgang mit Gefühlen nicht perfekt sein, betont Koller-Zazworka. „Auch den liebevollsten Eltern rutscht einmal ein ‚Stell dich nicht so an!‘, heraus. Es geht nicht darum perfekt, sondern gut genug zu sein.“

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