Erziehung

„Kinder brauchen stabile, authentische und keinesfalls perfekte Eltern!“

Familienberaterin Margit Dechel erklärt, warum unsere Ohnmacht oft so schnell in Wut kippt, was wir dagegen tun können und auch was zu tun ist, wenn die Situation bereits nicht mehr zu retten ist.

Hilflosigkeit und Ohnmacht kommen meistens erst dann, wenn alle wohlwollenden Ideen der Konfliktlösung ausgeschöpft sind. Was versetzt uns denn bei Kindern so oft in Wut?

Im Grunde ist es die Ausweglosigkeit, also das nicht mehr weiter wissen, das unser Gehirn als unmittelbare Gefährdung erachtet. Unser Gehirn ist so gebaut, dass Gefühle blitzschnell entstehen, weil sie in akuten Gefahrensituationen unser Überleben sichern müssen. Während die Kontrolle durch unseren Verstand erst später einsetzen kann. In Situationen der Ohnmacht stellt unser Gehirn auf „Gefährdung“ und da passiert es schnell, dass wir aus- rasten. Außerdem kommen im Umgang mit unseren Kindern viele Gefühle zusammen. Oft fürchten wir uns davor, eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater zu sein. Weil wir glauben zu versagen oder wir sorgen uns darüber, dass unser Kind nicht konform ist. Da spielen auch überhöhte Ansprüche an uns selbst eine große Rolle.

Was können Eltern tun, damit es erst gar nicht zu Hilflosigkeit kommt?

Ich muss zu allererst wissen, wer ich selbst bin, was ich will und wo meine eigenen Grenzen sind. Dadurch, dass ich meinen Kindern vorlebe, als stabile, authentische und keinesfalls perfekte Persönlichkeit zu agieren, bin ich meinen Kindern ein gutes Vorbild. Eine gute Bindung zu meinem Kind kann erst entstehen, wenn ich eine gute Beziehung zu mir selber lebe. Kinder agieren nämlich nicht, sondern sie reagieren. Insofern ist es auch entscheidend, wie und in welchem Tonfall ich grundsätzlich mit meinen Kindern rede. Spreche ich mein Kind im „Du-Modus“ an? Spreche ich von mir als „ich“ und tätige entsprechend klare Ich-Aussagen, oder sage ich eher „wir ziehen uns jetzt die Schuhe an“ oder „die Mama ist jetzt wütend“.

Inwiefern dürfen Eltern überhaupt hilflos sein?

Kinder tun sich schwer, mit einem instabilen, zögerlichen, schwammigen Gegenüber. Sie brauchen Vorbilder, die sich im Klaren sind, wie weit man bei sich selber gehen darf, Menschen, die wissen, wer sie sind und was sie wollen. Das heißt aber nicht, dass ich alles perfekt machen muss. Im Gegenteil: Wenn alles zu viel ist, dann müssen Eltern imstande sein, das auch zu kommunizieren und rechtzeitig zu reagieren. Insofern darf man sich Hilflosigkeit auf je- den Fall zugestehen. Wir müssen nicht immer stark sein. Kriegen Kinder mit, dass auch ihre Eltern Schwächen haben, zu denen sie stehen, lernen sie auch, dass es o. k. ist, die eigene Verletzlichkeit zu zeigen. Spielen wir ihnen hingegen etwas vor, spüren Kinder das, weil ihre gefühlte Wahrnehmung nicht stimmig mit unserem Handeln oder unseren Worten ist. Das ist verwirrend für sie und kann negative Folgen für den kindlichen Lernprozess im Umgang mit der eigenen Wahrnehmung haben.

Was können wir tun, wenn aus der Hilflosigkeit Wut wird – also die Situation nicht mehr zu retten ist?

Wenn es schon passiert ist, gilt es, die Situation zu akzeptieren. Sich selbst zu verurteilen oder vielleicht sogar auf sich selbst wütend zu werden verschlimmert alles nur. Sobald die Wut abgeflacht ist, sollte ich mit meinem Kind in Dialog treten, mich bei ihm entschuldigen, wenn ich grob zu ihm war. Je verständnisvoller ich mit mir selbst und meinen eigenen Fehlern umgehen kann, desto mehr Verständnis habe ich automatisch auch für die Fehler meiner Kinder. Wenn sich alles wieder beruhigt hat, ist es wichtig, klar zu kommunizieren, wo meine Grenzen sind, also was ich brauche, möchte und/oder nicht haben will und das am besten in der Ich- Form und nicht in der Du-Form als Anweisung an die Kinder.

Was tun, wenn es immer wieder ausartet?

Oft ist das ein Zeichen dafür, dass ich zu wenig auf mich schaue und zu wenig achtsam und fürsorglich mit mir selber umgehe. Insofern darauf schauen, dass mein Energiehaushalt stimmt, damit ich gerade auch in schwierigen Zeiten gut über die Runden komme.

Margit Dechel

ist diplomierte Familienberaterin und Expertin für die Lösung von familiären Konfliktsituationen.

www.bewusste-eltern.at

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