Bildung

Ungleiche Kindheit – ungleiche Chancen?

Welche Rolle spielt das Elternhaus für die Bildung? Werden Bildungschancen tatsächlich „vererbt“? Und welchen Einfluss kann die Schule überhaupt noch nehmen? Ein kleiner Einblick in das große Thema Bildungschancen in Österreich.

Hat Papa die Hauptschule abgeschlossen oder ein Studium? In welchem Beruf arbeitet Mama und wie viel Geld steht der Familie zur Verfügung? Wie viele Bücher gibt es im Haushalt und ist ein Computer verfügbar? Diese und zahlreiche andere Kriterien werden herangezogen um ein kompliziertes Thema in Zahlen zu packen und um ein Bild davon zu bekommen, wie es um die Chancen für Bildung je nach familiärer Prägung steht. Eines haben die Kriterien gemein: Für das Kind sind sie zufällig, weil sie hineingeboren werden in bestimmte Verhältnisse. Es soll erwähnt werden, dass nichts absolut verallgemeinerbar ist und es immer Gegenbeispiele in die eine oder in die andere Richtung gibt. Dennoch, die Zahlen sprechen eine sehr deutliche Sprache: Bildungschancen werden in Österreich nach wie vor zu einem großen Teil vererbt. In zahlreichen Studien zum Thema Bildungsvererbung zeigt sich, dass Kinder von Eltern mit einem höheren Bildungsstand viel häufiger ebenfalls einen höheren Bildungsabschluss erhalten, als Kinder aus bildungsfernen Haushalten. Das unterstreicht ein Bericht der Statistik Austria zur „Vererbung von Bildungschancen“ aus dem Jahr 2018. Demnach hätten zwar immer weniger Personen Eltern mit nur einem Pflichtschulabschluss, allerdings erreichten nur 7 % der 25- bis 44-Jährigen einen Hochschulabschluss, deren Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben. In derselben Gruppe erreichten 57 % einen Hochschulabschluss, die selbst aus einer Akademikerfamilie stammen. Und die Studie „Chancengleichheit in der Bildung“, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, dass die Ungleichheit der Bildungschancen in Österreich im internationalen Vergleich besonders stark ausgeprägt ist. Das heißt, dass hierzulande die Leistungen der Schüler stärker vom sozioökonomischen Hintergrund abhängig sind als im OECD Schnitt.

Wer bereits ganz früh mit den Kindern spricht und sich ihnen aktiv zuwendet, erhöht ihre Bildungschancen.

Der Einfluss der ersten Jahre

Man könnte meinen, dass sich die unter- schiedlichen Bildungsniveaus mit dem Übertritt vom Kindergarten in die Volksschule erstmals zeigen und sich in der weiteren Schullaufbahn jedoch anpassen ließen. Der Schluss daraus würde lauten, dass die Schulen hauptverantwortlich für die Bildungsbiographie der Kinder sind und demnach in der Lage sein müssten, den sozialen Aufstieg von Kindern entscheidend zu fördern. In einem Artikel in der Zeitung „Die Zeit“ wird eine Studie zitiert, die zu anderen Erkenntnissen kommt. Demnach bestimme die familiäre Herkunft eines Kindes und der Bildungsgrad seiner Eltern seine Leistung vom ersten Tag des Lebens und der Einfluss der Schule sei nur mehr als gering einzuschätzen. Schon wenige Monate nach der Geburt würden Kinder sich deutlich unterscheiden, in dem was sie können. Großen Einfluss hätten dabei unterschiedliche Erziehungsstile. Kinder, die aus einem förderlichen und bildungsnahen Umfeld kommen, wären eher schon früh mit unterschiedlichen Reizen konfrontiert, als Kinder aus bildungs- ferneren Schichten. Häufiges Vorlesen, gemeinsames Spielen, herausfordernde Aktivitäten und vor allem das kontinuierliche Sprechen mit Babys und Kindern sei der Grundstein für eine erfolgreiche Schullaufbahn. So zeigen verschiedene Studien zum Bildungsverhalten ab dem Säuglingsalter, dass sich etwa die Zahl der Wörter, mit welchen die Kinder in den ersten Lebensjahren konfrontiert sind, deutlich unterscheidet. In ihrer Studie „Early Catastrophe“ publizierten die Amerikaner Betty Hard und Todd Risley, dass Kinder aus Akademikerfamilien in den ersten vier Lebensjahren rund 45 Millionen Wörter verarbeiten müssen. Kinder aus weniger gebildeten Haushalten dagegen 10 bis 15 Millionen. Das würde sich signifikant auf den Wortschatz zum Zeitpunkt der Einschulung auswirken und eine Kluft bilden, die die Schule später nur selten ausgleichen könne. Dieser „Herkunftsspalt“ aus der familiären Prägung heraus reiße demnach kontinuierlich auf, bis die Kinder eingeschult werden. Nach dem ersten Schuljahr würde die Entwicklung stoppen und die Unterschiede in der Leistung würden sich auf dem fast ähnlichen Abstandsniveau bis in Jugendalter bewegen. Diese Leistungslinien könnten von der Schule nur mehr am Auseinanderstreben gehindert werden. Die Leistungskompetenzen zusammenzuführen schaffe die Institution Schule derzeit noch nicht.

Die Schule als Ausgleich?

Der Ruf nach einem Ausgleich für herkunftsbedingte Unterschiede ist groß. Auszüge aus dem österreichischen Regierungsprogramm zum Thema Bildung würden sicher wertvolle Ansätze für den schulischen Bereich liefern. Wie etwa der Ausbau der Ganztagesschulen, die Sprachförderung von Kindern mit nicht deutscher Muttersprache oder die Digitalisierung der Schulen mit dem Ziel, digitale Endgeräte für alle ab der zweiten Sekundarstufe zur Verfügung zu stellen. Weiters die Aufstockung von schulischem Unterstützungspersonal, das die PädagogInnen entlasten soll, die Implementierung von Förderstunden und der Ausbau von Ferienbetreuung und Sommerunterricht. Und nicht zuletzt die Etablierung von Entscheidungshilfen für den Bildungsweg. So soll die Entscheidung über die weitere Bildungslaufbahn nicht mehr nur von der klassischen Leistungsfeststellung, also den Noten, abhängig gemacht werden, sondern auf Basis einer Kompetenzfeststellung. Also der Feststellung von individuellen Fähigkeiten anstatt sich lediglich auf die Noten zu konzentrieren, die alle Kinder in ein gleichmachendes Konzept zwingt. Es würde sich wahrscheinlich lohnen, die Standards der Beurteilung zumindest kritisch in Frage zu stellen und nach Ergänzungen zu suchen. Stellt sich die Frage, inwieweit diese und andere Maßnahmen, sollten sie komplett umgesetzt werden, einen Einfluss auf die Chancengleichheit in der Bildung haben. In seiner von der Wochenzeitung „Die Zeit“ zitierten Studie ist Jan Skopek skeptisch und misst dem Einfluss der Schule wie gesagt nur eine geringe Bedeutung zu. Die Bedeutsamkeit der Schule in diesem Zusammenhang sieht er eher in der Standardisierung und Homogenisierung. Sicher eine unkonventionelle Sichtweise in einer Zeit, in der das individuelle Lernen gerade sehr im Trend liegt. Seine These lautet, dass Kinder, anders als in ihren Familien, in ihrem Klassenraum dieselben Lehrkräfte, denselben Lehrplan, ebenso strukturierte Zeitpläne und dieselben schuleigenen Ressourcen zur Verfügung haben. Schule sei also ein standardisiertes Milieu, das bewirke, dass die Schule die Kinder zumindest zusammenhält und die Lernkluft nicht noch größer wird. Die Ungleichheit könne in der Schule trotzdem nicht überwunden werden. Wenn die Kinder nach dem gefördert werden, was sie von Zuhause mitbringen, können vielleicht die Schwächen der benachteiligten Schüler ausgeglichen werden – die Stärken der privilegierten Kinder würden aber potenziert werden. Was bedeutet, dass die Leistungsunterschiede bestehen bleiben oder weiter auseinanderdriften.

Corona und die Bildungsschere

Besonders deutlich wurden die ungleichen Chancen, als die Schule in ihrer Funktion als Zusammenhalt der Kinder wegfiel. In der Coronazeit waren alle Schüler mit einer komplett neuen Situation konfrontiert. Sie waren plötzlich auf sich allein gestellt und wurden sozusagen von der Schule in ihre Familien „zurückgeworfen“. Welchen Einfluss diese Umstände auf die Bildungsgerechtigkeit hatte ist derzeit schwer abzuschätzen. Experten gehen aber davon aus, dass die Bildungsschere in dieser Zeit deutlich aufgegangen ist. Viele LehrerInnen berichteten, dass manche SchülerInnen für sie nur mehr schwer zu erreichen waren und einige im Lockdown sogar ganz aus dem Radar gefallen sind. Das waren hauptsächlich Schüler, die von ihren Eltern kaum unterstützt wurden oder unterstützt werden konnten und jene aus Familien, in denen die technischen Möglichkeiten, wie Laptops oder Internetzugang, schlicht fehlten.

Früher ansetzen

Wie aber könnten Lösungen aussehen, wenn in der Schule die Bildungsschere nur vom Auseinandergehen bewahrt werden kann, allerdings nicht vermag diese zu schließen? Viele ExpertInnen sind sich einig: Es muss früher angesetzt werden. In den Jahren vor der Schule, in denen sich die meisten Nervenverbindungen im Gehirn verknüpfen. Eine Investition in frühe Förderung würde Sinn machen. Damit ist nicht der Englischkurs für ohnehin privilegierte Kinder gemeint, sondern Maßnahmen, die gezielt jene Kinder erreichen, die in benachteiligte Familien hineingeboren wurden. Das verpflichtende letzte Kindergartenjahr ist in Österreich eine davon. Studien zeigen allerdings, dass sich etwa die Vorteile im Spracherwerb erst nach zwei Jahren Kindergarten zeigen. Hier nachzuschärfen wird diskutiert. Es gibt noch viel zu tun.

Quellen:

OECD (2020). Education at a Glance 2020. OECD Publishing Paris.

STATISTIK AUSTRIA (2018). Statistics Brief. Vererbung von Bildungschancen. Wien.

DIE ZEIT (Juni 2021) Ungerecht von Anfang an. Mit Informationen aus der Studie: Socioeconomic Inequality in Children ́s Achievement from Infancy to Adolescence. Jan Skopek.

B. HART, T. RISLEY (2003). The early catastrophe. American Federation of teachers.

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