Erziehung

Werte für die werten Kids

Wie hoch ist der Himmel? Warum streiten Menschen? Wie schauen wir aus, wenn wir tot sind? Kinder stellen nicht nur alltägliche Warum-Fragen, sondern wollen auch über existentielle Dinge Bescheid wissen. Welche Rolle spielen Eltern-Antworten in der Erziehung? Und welche Werte kristallisieren sich durch Kinderfragen heraus, nach denen es sich zu leben lohnt.

Meistens beginnt es ab dem zweiten oder dritten Lebensjahr. Kinder wollen die Welt um sich herum begreifen und fangen an zu fragen. Woher kommt das Wasser? Warum sind im Kindergarten nur Frauen? Warum müssen wir schlafen? Gibt es Geister in echt? Fragen über Fragen. Zum einen ganz typische Warum-Fragen zu alltäglichen Dingen. Zum anderen geht’s bei vielen existentiellen Fragen schnell einmal ans Eingemachte. Wo war ich vor meiner Geburt? Was passiert, wenn wir sterben? Was ist Liebe? Basierend auf dem Wissen der Neurowissenschaft beantwortet der Psychiater Hans-Otto Thomashoff in seinem neuen Buch „Was ist wirklich wichtig im Leben?“ exemplarisch genau solche übergeordnete Fragen. Dabei geht der Bestseller-Autor („Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden“) davon aus, dass alle Erklärungen gegenüber unseren Kindern immer etwas über uns selbst aussagen. Und freilich darüber, welche Werte wir weitergeben wollen. Während in früheren Zeiten Kinderfragen vielfach keine Daseinsberechtigung hatten und der rege Wissensdrang der Kleinen oftmals mit schnöden Ansagen („das hat dich nichts anzugehen“ oder „weil es so ist“) zunichte gemacht wurde, geht die Gesellschaft mit Kinderfragen heutzutage in der Regel deutlich aufgeschlossener um. „Es gibt keine dummen Fragen. Nur dumme Antworten.“ Diesem bekannten Zitat eines Informatikers stimmen wahrscheinlich viele Eltern zu. Weil sie spüren, dass es Sinn macht, die schier unendliche Neugierde ihrer Sprösslinge zu befriedigen. Weil sie mit ihren ehrlichen Antworten nicht nur ein Vorbild vorleben, sondern mit den Inhalten ihrer Erklärungen bestimmen wollen, welches Wissen sie ihren Kindern weitergeben. Gescheite Antworten parat zu haben, ist deswegen aber noch lange kein Kinderspiel. Damit all’ die weitergereichten Puzzle-Teile am Ende ein schönes Ganzes ergeben, nämlich das Rüstzeug für ein gelungenes Leben, müssen Eltern erst einmal selber wissen, wofür es sich zu leben lohnt.

Fit fürs Leben – doch womit?

Buchautor und Psychoanalytiker Thomashoff geht von vier Grundwerten für ein gelungenes Leben aus, die für ihn auch die natürliche Grundlage
für Kindererziehung darstellen: sichere Bindung, Gerechtigkeit, aktives Bewirken und Stimmigkeit. Warum ist etwa Bindung so essentiell? „Aus der Hirnforschung weiß man, dass gelebte Beziehungen lebenswichtig für das menschliche Wohlbefinden sind; insofern sollten wir unsere Beziehungen tatsächlich leben, uns also Zeit nehmen, Energie aufwenden für unsere Partnerschaft, für unsere Kinder“, sagt Thomashoff. Die Erziehung vergangener Generationen habe hinsichtlich der Bindung oft in bester Absicht „vieles grundfalsch gemacht“. Stichwort: Kinder sollten schon sehr früh alleine schlafen oder überhaupt nicht mit körperlicher Nähe „verwöhnt“ werden. „Wer allerdings keine gute Bindung erfahren hat, dem fehlen nicht nur Sicherheit und Urvertrauen, sondern erwiesenermaßen auch die Fähigkeit zur Stresskontrolle“, weiß Thomashoff. Ein Kind ohne sichere Bindung handle nämlich quasi unter Alarmbereitschaft, weil der sichere Halt seitens der Eltern fehlt. Diese Menschen sind im Erwachsenenalter meist unsicherer, stressempfindlicher, haben ihre Gefühle weniger gut unter Kontrolle und würden häufiger zu heftigen Wutausbrüchen neigen.

Gerechtigkeit ist ein Grundpfeiler der Erziehung

So wie Bindung sei auch die Gerechtigkeit ein Grundpfeiler in der Erziehung, weil es sich um ein weiteres, wesentliches Grundbedürfnis von Menschen handle. Und zwar Gerechtigkeit nicht im Sinne von kompletter Gleichbehandlung, sondern im Sinne von Fairness und unter Berücksichtigung des Gleichgewichts zwischen Leistung und Gegenleistung. Etwas aktiv zu bewirken ist der dritte, von Thomashoff genannte, wesentliche Grundwert von Menschen, den zu vermitteln es sich lohne. „Dabei geht es um das Bedürfnis eines jeden Menschen, etwas aus eigener Kraft zu schaffen, sich Ziele zu stecken, sich selbst immer wieder zu motivieren.“ Kinder sollten demnach unbedingt etwas alleine schaffen (dürfen), damit sie diese Selbstwirksamkeit erfahren können. „Kinder wollen zum Beispiel im Haushalt mithelfen und vieles im Alltag selbst erledigen. Sie wollen alleine gehen, alleine essen, sich anziehen und so weiter“, so Thomashoff. Der vierte essentielle Grundwert, den Eltern im Rahmen ihrer Erziehung weitergeben sollten, ist das Streben nach Stimmigkeit. „Menschen suchen permanent nach Erklärungen und brauchen Orientierung im Leben. Haben wir eine Erklärung gefunden, belohnt uns das Gehirn“, erklärt Thomashoff. „Nehmen Sie die Corona-Krise: Es ist normal, dass Menschen in so einer Krise Ängste und Sorgen haben. Deshalb suchen wir auch ständig nach Erklärungen, wir wollen uns auskennen, die Dinge einordnen, um uns zu beruhigen. Das viele Erklärungen mitunter haltlos sind, sei dahin gestellt.“

Selbsterfahrung durch Kinderfragen

Bindung, Gerechtigkeit, Bewirken und Stimmigkeit sind Werte, die uns die Evolution dankenswerterweise mitgegeben hat. Alle anderen Werte würden wir laut Thomashoff unserem jeweiligen Kulturerbe verdanken. Eltern entscheiden also abhängig vom kulturellen Umfeld, welche Werte sie neben den vier grundlegenden vermitteln wollen. Die gute Nachricht hierbei: Viele dieser Werte sind kein starres Regelwerk. Es liegt also an uns, zu entscheiden, was letztendlich weiterzugeben und was hingegen über Bord zu werfen ist. „Kindererziehung fordert Eltern dazu auf, sich selbst zu kennen und damit sich selbst und die eigenen Werte bewusst zu hinterfragen“, sagt Thomashoff. Klingt herausfordernd. Darf es auch sein. So wie Kinderfragen. Und am Ende lernen auch Mama und Papa fürs Leben, weil sie herausfinden müssen, wer sie selber sind und was im Leben wirklich zählt.

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