Familienleben

Handy weg – und dann?

Welche Auswirkungen hat das Handyverbot an Schulen? Und: Wie zufrieden sind Lehrer:innen?

 

Durchwegs positiv, sagt Manfred Kling, seien die Rückmeldungen in persönlichen Gesprächen. Als Sprecher des Bildungsministers gibt es genügend Gelegenheiten für Lehrer:innen, Schüler:innen und Eltern, ihm und seinem Vorgesetzten direktes Feedback zu geben, hin und wieder vermutlich auch unverblümtes. Konkreteres als diesen positiven Gesamteindruck ist derzeit aus dem Ministerium über das Handyverbot, das Christoph Wiederkehr (Neos) mit 1. Mai 2025 eingeführt hat, aber – noch –nicht zu hören. Fragen gäbe es zur Genüge: Ob das Verbot des „Konzentrationskillers Handy“ zu messbar besseren Verbesserungen der schulischen Leistungen geführt hat, beispielsweise. Ob sich die Einschränkung der Handynutzung im Unterricht, in Pausen und auf Schulveranstaltungen außerhalb des eigentlichen Schulgebäudes auch auf das außerschulische Nutzungsverhalten der Kinder und Jugendlichen auswirkt. Oder ob es noch Bedarf zu Nachschärfungen gibt. Auf Antworten muss man noch warten. „Wir planen, ein Jahr nach der Einführung – also im Mai 2026 – eine Evaluierungsstudie zu machen, die diese Fragen beantworten wird. Derzeit gibt es noch keine Daten dazu“, sagt Kling. „Ob auch für die Oberstufe ein Handyverbot kommen sollen, wird ebenfalls auf Basis der Evaluierungsstudie diskutiert werden.“

Lehrer:innen zufrieden

An den Schulen selbst scheint man mit dem Handyverbot – es gilt bis zur achten Schulstufe, also für Schüler:innen im Alter von sechs bis 14 Jahren – zufrieden sein. Das legen zumindest stichprobenartige Nachfragen bei einzelnen Lehrer:innen nahe. Als „uneingeschränkt positiv“ bezeichnet Harald Hirsch seine Eindrücke. Der unterrichtet Geschichte und Geographie am Gymnasium in Groß Enzersdorf und ist Klassenvorstand einer 6. Klasse. Bis zu diesem Schuljahr sei „der Drang mancher Schüler:innen auch während der Unterrichtszeit auf das Handy zu schauen, größer gewesen, als die Sorgen um Ermahnungen, Klassenbucheinträge, das Abholen des Handys im Sekretariat oder ähnlich mühsame disziplinäre Maßnahmen.“ Solche leeren pädagogischen Kilometer spare man sich als Lehrkraft nun fast zur Gänze, sagt Hirsch. Denn: Das Handyverbot werde weitestgehend eingehalten. Den Nutzen für die Schüler:innen könne er nur abschätzen und nicht empirisch belegen. „Aber die soziale Interaktion in den Pausen scheint mir doch bedeutend gestiegen zu sein und die Aufmerksamkeit im Unterricht ist wieder wie „früher“ – also es wird jetzt auch wieder aus dem Fenster geschaut und getratscht.“ Der AHS-Lehrer lässt sich auch zu einer Mutmaßung hinreißen: „Wenn die Schüler:innen einmal akzeptiert haben, dass sie in der Unterrichtszeit keinen Zugriff auf das Handy haben, dann sinkt der Stresspegel, irgendetwas zu versäumen, wenn man gerade keinen Blick darauf riskieren kann.“ Kritische Selbsteinschätzung Hirschs: „Geht mir ja im Prinzip mit dem Teufelsding auch nicht anders.“

 

 

Weniger leere Kilometer für Pädagog*innen

Am Gymnasium in Wolkersdorf, ebenfalls in Niederösterreich, hat das Handyverbot eigentlich kaum Veränderungen gebracht. „Bei uns war schon zuvor die Handynutzung für die Unterstufenklassen am Vormittag untersagt und die Handys wurden in der ersten Stunde eingesammelt und versperrt aufbewahrt“, berichtet Christian Höfer, Lehrer für Mathematik und Physik und aktuell Klassenvorstand einer 4. Klasse. „Sollten die Handys für den Unterricht gebraucht werden, konnte die jeweilige Lehrperson die Handys ausgeben. Vor dem Unterricht und zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht durften die Unterstufenstufenschüler*innen die Handy in definierten Bereichen verwenden. Eine missbräuchliche Verwendung war – und ist – in der Hausordnung explizit untersagt.“ Im Zuge des „neuen“, bundesweit geregelten Handyverbots habe man an der Schule lediglich bestehende Richtlinien verschärft. „Die Unterstufenschüler*innen müssen nun vor dem Unterricht das Handy in der Schultasche verwahren. Davor wurde von vielen vor dem Unterricht gezockt bzw. Videos geschaut. 

Das wollten wir unterbinden, um die Kommunikation zwischen den Schüler*innen zu fördern. Außerdem steht nun explizit in der Hausordnung, dass die Lehrperson aus gegebenem Anlass auch in Oberstufenklassen die Handys absammeln kann, was auch in manchen Klassen von einzelnen Lehrer*innen praktiziert wird“, so Höfer. In der Praxis sei der Hauptunterschied, dass nun die Unterstufenschüler*innen nicht mehr bereits 20 Minuten vor Unterrichtsbeginn im Pausenraum sitzen und zocken und dass ab und zu von der Frühaufsicht einem/einer unbelehrbaren Schüler*in das Handy abgenommen und dem Klassenvorstand übergeben werde. „Die theoretische „Höchststrafe“ ist im diesem Fall, dass das Handy dem Direktor übergeben wird, der es nur den Eltern aushändigt, die dafür extra in die Schule kommen werden müssen. Das ist allerdings eher die „ultima ratio“, die nur selten zur Anwendung kommt.“

 

 

In Vorbereitung: ein Social-Media-Verbot für Jugendliche

Ob sich diese Maßnahmen messbar auf schulische Leistungen, Konzentrationsfähigkeit und das Sozialverhalten der Schüler*innen auswirken, wird die vom Ministerium angekündigte Evaluierung zeigen. Derweil kündigt sich bereits der nächste gravierende Eingriff in das Handyverhalten von Kindern und Jugendlichen an: ein generelles Social-Media-Verbot für Jugendliche. Ein solches ist freilich nicht nur in Österreich Thema. Die französische Nationalversammlung hat einem Gesetz, das Kindern unter 15 Jahren den Zugang zu sozialen Netzwerken untersagen soll, bereits zugestimmt. Ein politisches Signal mit europäischer Strahlkraft. Zuletzt hat das Bundeskanzleramt (ÖVP) bereits positiv auf eine Initiative des Staatssekretärs Jörg Leichtfried (SPÖ) reagiert und eine vergleichbare Regelung auch für Österreich angekündigt. Auch im – freilich nicht unmittelbar zuständigen – Bildungsministerium hält man das für eine gute Idee und setzt auf ein gemeinsames Vorgehen auf europäischer Ebene, um ein Verbot wirkungsvoll umsetzen zu können. „Um Minderjährige vor dem Suchtpotenzial und negativer Einflussnahme auf Online-Plattformen zu schützen, ist ein Social-Media-Verbot für Unter-15-Jährige grundsätzlich sinnvoll“, sagt Ministersprecher Manfred Kling.

 

„Die Droge im Kinderzimmer“

Aus dem Westen Österreichs gibt es dafür bereits aktive Unterstützung von Lehrer:innen. In Vorarlberg schlug ein Kommentar des AHS-Lehrers Martin Hartmann über „asoziale Medien“ in der „Kulturzeitschrift“ Wellen. Darin berichtet der engagierte Quereinsteiger aus dem Alltag seiner Schüler:innen: „schlechter Schlaf, Stress, Angststörungen, depressive Symptome, abnehmende Empathie, ein negatives Körperbild, schulische Probleme“. Und: „In WhatsApp-Gruppen spielen sich besonders in Unterstufenklassen aus Scham der Betroffenen regelmäßig, teils wochenlang unentdeckte, Dramen ab. Wüste Beschimpfungen und Beleidigungen werden „geteilt“.“ Der von Dutzenden Eltern und anderen Lehrer:innen mitunterzeichnete Kommentar (der Text ist online unter www.kulturzeitschrift.at) schließt mit dem Appell: „Wir brauchen ein Verbot asozialer Medien. Bis mindestens 16. So schnell wie möglich.“

Was ein Social-Verbot mit sich bringt, zeigen jedenfalls erste – unerwartete – Erkenntnisse aus Australien. Dort führte der Social-Media-Entzug plötzlich zu einem starken Anstieg der Buchverkäufe.

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