Erziehung

Mehr Härte beim Handy

In der realen Welt neigen wir zur Überbehütung, in der Onlinewelt hingegen bewegen sich unsere Kinder oft noch weitgehend ungeschützt. Gleichzeitig nehmen die Gefahren im Netz zu, während Eltern und Schulen mit der Verantwortung oft allein bleiben. Warum wir klare, verbindliche Handyregeln brauchen – und Erwachsene, die den Kids echte Orientierung geben.

 

Das erste Handy unterm Christbaum. Als Geschenk zur Erstkommunion. Oder quasi als digitaler „Ritterschlag“ beim Übertritt von der Volks- in die weiterführende Schule. Dass Kinder oft schon früh ein Smartphone bekommen, ist heute so selbstverständlich wie in früherer Zeit einmal das erste Fahrrad. Laut der Initiative saferinternet.at erhalten Kinder hierzulande oft schon mit rund sieben oder acht Jahren ihr erstes Mobiltelefon. Etwa die Hälfte der 8- bis 10-Jährigen ist bereits im Besitz eines eigenen Geräts. Keine Frage: Eine frühe Nutzung von Smartphones & Co spiegelt unsere digitalisierte Welt wider, die wir unseren Kindern nicht vorenthalten können und sollen. Nachdem wir eine digital kompetente Gesellschaft brauchen, geht es auch längst nicht mehr um die Frage „Ja oder Nein“ zu den Geräten, sondern wie ein guter Umgang damit aussieht und wie Kinder diesen lernen können. Und genau da setzt auch die Debatte rund um strengere Regeln und mehr Beschränkungen an.

Real überbehütet, virtuell zu wenig geschützt

Gefahren für den Nachwuchs hat es freilich zu allen Zeiten gegeben. Mit Handy und Internet sei aber – und da sind sich Expert:innen einig – eine neue Dimension dazu gekommen. Reale Spielerfahrungen, Risikoabwägungen sowie soziale Erfahrungen verlagern sich durch digitale Medien von der „echten“ Welt da draußen immer mehr ins Virtuelle. Ob Gewalt, pornografische Inhalte, radikalisierte Gruppen oder Fake News – Tatsache ist, das Kinder vielfach auch schon sehr früh mit Inhalten in Berührung kommen, die für sie ungeeignet sind, die verstörend wirken und die sie noch nicht einordnen können. Überprüfen Eltern das Handyverhalten ihrer Kinder nur selten oder checken nur oberflächlich, etwa welche Apps, Messengerdienste oder Games ihre Kinder nutzen, welche Kontakte sie haben oder welche Inhalte sie generell konsumieren, laufen die Kids Gefahr, sich nicht nur ungeschützt unangemessenen Inhalten auszusetzen. Sie sind auch einem erhöhten Risiko für Cybermobbing ausgesetzt. Oder kommen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit potentiell gefährlichen Personen in Kontakt (Grooming). 

Der US-Sozialpsychologe Jonathan Haid beschreibt in diesem Zusammenhang eine „überbehütete“ reale und eine „unterbehütete“ digitale Kindheit. Kinder hätten heute weniger Freiheiten draußen, würden aber oft ohne ausreichende Anleitung in die Onlinewelt entlassen, warnt der Psychologe und Buch-Autor. In seinem viel diskutierten Werk „Generation Angst“ plädiert Haid daher für strengere Regeln: etwa Handyverbote in Schulen, Smartphones erst ab 14 oder Social Media ab 16. In der frühen, unregulierten Nutzung sieht er nicht nur ein Risiko für Suchtverhalten, sondern auch eine Ursache für verschiedene psychische Belastungen bei Jugendlichen. Viele Forschende halten Haids Diagnose für zu einseitig. Denn was aus der Forschung klar hervorgeht: Verbote oder rein technische Maßnahmen wie Filter oder Zeitlimits greifen zu kurz. Altersgrenzen können eine wichtige Orientierung darstellen, schützen die Kinder aber auch nur dann, wenn sie gesellschaftlich getragen werden und nicht allein auf die Familien abgewälzt werden.

 

 

Kollektives Wegsehen – Woran es bei der Begleitung ofthappert

Bestens zeigt sich das am Beispiel WhatsApp. Offiziell dürfen Kinder dieApp erst ab 13 nutzen. Zwischen 13 und 16 Jahren nur mit Zustimmung derEltern. Und wie sieht es in der Praxis aus? Das Alter wird kaum überprüft.10-Jährige erzählen offen, dass „eh alle“ WhatsApp verwenden. Viele Elternwissen nicht, dass es diese Altersgrenzen gibt. Andere ignorieren sie, weiles „die anderen“ aus dem sozialen Umfeld auch tun. Forschende sprechenhier von einem Systemfehler: Eine Altersregel, die niemand einfordertoder technisch kontrolliert, verliert zwangsläufig ihre Wirkung. Die meisten Expert:innen sind sich einig: Weder Verbote noch eine völlig unkontrollierteNutzung führen zu einem gesunden Umgang mit Handy & Co. Entscheidendist eine aktive und altersgerechte Begleitung. Und genau daran happertes häufig. Während die Kids online vorpreschen, bleiben viele Erwachsenebei der Medienbegleitung zurück – oft aus Überforderung. Viele Eltern sindberuflich stark eingebunden, selber unsicher im Umgang mit Medien oderwissen schlichtwegs nicht, was ihre Kinder mit diesem kleinen Computeralles anstellen. „Ich hab’ ehrlich gesagt keine Ahnung, welche Apps meineTochter nutzt“, gibt der Vater einer 11-Jährigen offen zu. Eine Studie vonsaferinternet.at zeigt: Schon Kinder zwischen sechs und neun nutzen Smartphones und Tablets oft ohne ständige Aufsicht. Gleichzeitig geben laut derDatenplattform Statista rund 50 Prozent der Eltern an, ihre Kinder würdendigitale Medien nie unbegleitet nutzen. Was aber auch bedeutet: Bei deranderen Hälfte existiert kaum oder keine konsequente digitale Begleitung.Unterm Strich sind viele Kinder im digitalen Alltag „alleine“ unterwegs. Undviele Eltern wiederum fühlen sich allein gelassen. Mit der ganzen Verantwortung, mit der Technik und mit der Frage, wie moderne Medienerziehungüberhaupt aussehen soll.

Mit vereinten Kräften: Kids durch Stärkung schützen

Expert:innen wie Markus Appel von der Universität Würzburg oder auch diebritische Medienforscherin Sonia Livingstone heben eine doppelte Vorgehensweise hervor: Begleitung, wo immer es möglich ist – und Regulierungdort, wo sie notwendig wird. Kinder sollen vor allem lernen, sich sicher,kritisch und selbstbestimmt in der digitalen Welt zu bewegen. StrengereRegeln oder Verbote wirken nur dann, wenn sie durch Bildung unterstützt werden. Dafür müssen alle Beteiligten Verantwortung übernehmen:Schulen, Plattformbetreiber, Politik – und nicht zuletzt die Familien. Nichtumsonst fordern Medienforscher:innen verbindlichen Medienunterricht,altersgerechte Plattform-Designsund leicht zugängliche, staatlichgeförderte Unterstützungsangebotefür Eltern. Womöglich braucht esauch klare gesetzliche Vorgaben.Wesentlich ist jedoch die Zielsetzung: Die Kinder nicht mit strengeren Kontrollen zu vergrämen,sondern sie für einen bewusstenUmgang mit dem Handy zuempowern. Denn echte Elternbegleitung bedeutet echteMedienbildung – mit gemeinsam erarbeiteten Regeln undregelmäßigen Gesprächen.

Letztendlich ist es wie inder Erziehung im Allgemeinen: Kinder brauchen klarverständliche und verlässliche Grenzen. Und Erwachsene, die ihnen dabei helfen, diese einzuhalten.

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