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Home » Buben in der Schule – das benachteiligte Geschlecht?
Bildung

Buben in der Schule – das benachteiligte Geschlecht?

Daniela JaschVon Daniela JaschMärz 14, 20226 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Buben können nicht mehr Buben sein. Bubenfeindlich und ungerecht sei die Schule. Das behaupten zumindest manche Bildungsforscher:innen und auch viele Eltern. Werden Buben in der Schule tatsächlich benachteiligt oder warum haben Mädchen meist die besseren Noten?

Viele Volksschullehrer:innen kennen es: Die Mädchen sitzen ruhig auf ihren Stühlen und malen eifrig Buchstaben, punkten oftmals mit einer ordentlicheren Heftführung, einer schö- neren Schrift und am Ende auch mit besseren Noten, während die Buben auf ihren Sitzen unruhig hin und her wetzen und öfters einmal nicht so recht bei der Sache sind. Das viele Stillsitzen, das Konzentrieren über längere Phasen hinweg scheint laut Forschungsuntersuchungen tatsächlich etwas zu sein, womit Buben in der Schule vielfach hadern. Nicht von ungefähr flammt seit Jahren regelmäßig die Debatte auf, wie bubenfeindlich und ungerecht die Schule für Schüler sei. Manche Studien weisen Buben gar als gegenwärtige „Bildungsverlierer“ aus. Der renommierte und im vergangenen Jahr verstor- bene Erziehungsexperte Remo Largo äußerte sich zu diesem Thema in einem Interview einmal mit folgenden Worten: „Der gute Schüler von heute ist ein Mädchen. Das liegt aber nicht an seiner Kompetenz, sondern an seinem Verhalten.“

Der Salzburger Bildungsforscher Ferdinand Eder hat in einer Studie herausgefunden, dass gerade bei Mädchen mit den Noten oft auch das soziale Verhalten belohnt wird. „Mädchen sind tenden- ziell kooperativer im Unterricht. Sie bringen Lehrpersonen damit auch in eine Art Schuldposition, was dazu führen kann, dass sie einen Bonus bei der Benotung bekommen“, behauptet der Erziehungswissenschaftler. Weil das Unterrichtspersonal eben oft zu zwei Drittel ihrer Aufmerksamkeit den eher „rabaukigeren“ Buben widmen müsste, würden Mädchen mit besseren Noten sozusagen „entschädigt“. Eder betont, dass ihm bewusst sei, dass er mit solchen allgemeinen Aussagen über „die Mädchen“ und „die Jungs“ pauschaliert. Denn freilich bergen sie die Gefahr, dass das Klischee von „den schlimmen Buben“ und „den braven Mädchen“ unreflektiert weitertransportiert wird. Freilich gäbe es auch unter den Mädchen die „Unangepassten“ und bei den Jungen die „Stillen, Sanften“. Auch könne man sich stundenlang darüber streiten, woher dieses „typisch männ- lich“ oder „typisch weiblich“ komme. Ob von den Genen, den Hormonen oder dem sozialen Umfeld und der Erziehung. Durch seine Studienergebnisse kommt Eder jedenfalls zu einer recht eindeutigen Schlussfolgerung: „Buben und Mädchen werden aufgrund ihres unterschiedlichen sozialen Anpassungsverhaltens in der Schule oft anders behandelt und letztlich auch unterschiedlich benotet. Bei Buben sind Noten oftmals zugleich Sanktionen für unerwünschtes Benehmen.“

Mit ein Grund für diese tendenzielle Bevorzu- gung von Mädchen sei laut Eder auch die Tatsache, dass Schulen und Pädagogik mittlerweile von Frauen dominiert werden. „Gerade Lehre- rinnen legen oft viel Wert auf Zurückhaltung, Sanftmut, Fleiß sowie Disziplin und diese Kriterien fließen häufig auch in ihre Benotung ein.“ Erziehungswissenschaftliche Studien in Deutsch- land und der Schweiz bestätigen eine gewisse Benachteiligung von Buben wegen des massiven Mangels an männlichen Lehrpersonen in der Unterstufe. Doch dass Lehrerinnen Mädchen generell bevorzugen, wurde auch mehrfach widerlegt. So verweisen andere Untersuchungen darauf, dass Lehrer nicht anders als Lehre- rinnen benoten und das Geschlecht weder bei Buben noch bei Mädchen Einfluss auf die schulische Leistung hat. Einig sind sich die meisten Expert:innen darin, dass Buben sich generell in der Schule oft schwerer tun als Mädchen, was wiederum auch viele Eltern und Lehrpersonen bestätigen. Zu diesem Schluss kommt auch der deutsche Bildungspsychologe Allan Guggenbühl. Er geht soweit zu sagen, dass die Schule Buben heutzutage teilweise gar nicht mehr so richtig Buben sein lasse. „Buben haben mehr Mühe, stillzusitzen. Mädchen hingegen realisieren schneller, was von ihnen verlangt wird und sind kommunikativer, was ihnen zugute kommt“, sagt Guggenbühl. Der bei Buben oft ausgeprägtere Bewegungsdrang werde vielfach als Widerstand wahrgenommen. Die häufige Unruhe von Buben fälschlicherweise als Problem empfunden, weshalb Schüler schnell einmal schlichtweg als sozial inkompetent gelten würden. Unser Schulsystem würde laut Guggenbühl einen neuen „männlichen Schultypus“ prägen, der sich häufig dazu genötigt fühle, in „weibliche Verhaltensmuster zu schlüpfen, um schulisch einigermaßen über die Runden zu kommen.“

In ihrem Buch „Artgerechte Haltung“ geht die Schweizer Autorin und Leiterin einer Grundschule Birgit Gegier Steiner davon aus, dass sich entscheidende Dinge in der Schule ändern müssten, damit der Unterricht Buben – und damit im Grunde Kindern insgesamt – besser gerecht werde. Steiner verweist dabei unter anderem auf Studien des Hamburger Bildungsforschers Peter Struck, nach denen nur zehn Prozent der Buben durch Lesen, Zuhören und Zusehen lernen, während 90 Prozent der Jungen durch Handeln, Ausprobieren und Fehler- machen lernen. Anders bei Mädchen: immerhin 40 Prozent lernen durch Lesen, Zuhören und Zusehen. Außerdem ist die durchschnittliche Muskelmasse eines Grundschuljungen doppelt so hoch wie bei einem gleichaltrigen Mädchen. Gleichzeitig verfügen Buben über eine 20 Prozent höhere Lungenkapazität, während sich ihre auditive Kompetenz langsamer und später entwickelt. Nicht umsonst besitzen Mädchen in der Regel mehr Sitzfleisch und verhalten sich in der Klasse generell konformer. Das erklärt zum Teil, weshalb sie meist auch allgemein besser mit dem Schulsystem klarkommen als ihre männlichen Kommilitonen. Schule könnte diese Ungleichheiten etwa dadurch ausgleichen, dass verstärkt über verschiedene Sinneskanäle gelernt werden kann. Steiner führt dabei differenzierte Zugänge wie die Beschäftigung mit Naturphänomenen, Experimenten sowie dem vermehrten Einsatz von Erlebnispädagogik an. Außerdem müsse Schule deutlich bewegungsorientierter werden, wovon beide Geschlechter enorm profitieren. „Ein wichtiges Element der Schulentwicklung ist für mich die Sport- und Bewegungsorientierung als didaktisches Prinzip anzuerkennen und zu nutzen“, sagt Steiner. Wenn es gang und gäbe ist, an den Grundschulen eigene Werklehrerinnen zu engagie- ren, könne man sich auch die Frage stellen, warum es in den ersten vier Schuljahren eigentlich keine eigenen Turnlehrer(innen) gibt? Bewegungsorientierte Schulen berichten immerhin von großen Erfolgen hinsichtlich Konzentration und Leistung durch den Sportfokus. Vermehrte Möglichkeiten des „sich Abreagierens und Austobens“ komme letztendlich nicht nur Buben zu Gute.

Schule, Gender, Kinder: Weil die Themen hierbei oft schnell vermischt werden und schon für sich genommen recht komplex und emotional sind, plädieren viele Forscher für eine differenzierte Sichtweise. „Zweifellos gibt es Buben, die sich in unserem Schulsystem schwertun. Die Gründe dafür sind vielfältig“, bekräftigt etwa Marcel Helbig. Eine pauschalierte Aussage, dass Buben benachteiligt oder gar Bildungsverlierer seien, lässt der Sozialwissenschaftler aber nicht gelten. Selbst wenn schulische Settings für Mädchen oft vorteilhafter sind – Buben schlagen auch abseits von Gymnasien mit Lehre, Berufsmatura oder den Fachhochschulen immer noch attraktive Ausbildungswege mit guten Karrierechancen ein. Wirkliche Bildungsungerechtigkeiten gäbe es laut Bildungssoziolog:innen eher im Bezug auf die soziale Herkunft, die für den Schulerfolg letztendlich entscheidender sei als das Geschlecht. So haben es Kinder aus bildungsarmen Schichten im gesamten deutschen Sprach- raum schwer – egal ob Bub oder Mädchen. Das Geschlecht – in diesem Fall männlich – könne jedoch tatsächlich bereits existieren- de Bildungsungleichheit verstärken.

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Daniela Jasch

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