Sarah hat braune lange Locken, ist neun Jahre alt und besitzt zehn Skincare-Produkte. In einem TikTok-Video hält sie die bunten Fläschchen nacheinander in die Kamera. Sie benutzt sie, stellt sie klar, natürlich nicht alle auf einmal. Je nachdem welche Pläne sie hat, kommen entweder die einen oder die anderen auf ihre Gesichtshaut. Am Wochenende, wenn sie mehr Zeit hat, fällt ihre Skincare-Routine aufwendiger aus, an Schultagen muss es schneller gehen. Jeden Morgen aber, sagt Sarah und hält eine hellrosa Flasche in die Kamera, brauche sie dieses Tonic, sonst sehe ihr Gesicht furchtbar aus. Sarah ist eines von tausenden Kindern und jungen Teenagern, die in den sozialen Medien über ihre Skincare-Routine sprechen. Neun-, Zehn- und Elfjährige schwärmen davon, wie weich, rein und strahlend ihre Haut aussieht, weil sie sich in der Früh und am Abend Zeit für ausgiebige Reinigung und Pflege nehmen. In ‚Product Hauls‘ präsentieren sie die Ausbeute vom letzten Kosmetik- und Hautpflegeeinkauf. Junge Teenager zeigen in Tutorials auf Youtube oder TikTok, wie sie ihre Haut pflegen und wie sie Make-Up auftragen. Zuerst Foundation, dann Concealer, dann Make-Up. Und ihre Followerinnen und Follower machen es ihnen nach.
Junge Haut ist empfindlicher
Neunjährige mit ausgeklügelter Skincare-Routine, Zwölfjährige, die sich bestens mit Make-Up-Produkten auskennen und das Haus nicht verlassen, bevor sie sich nicht aufwendig geschminkt haben: Das ist Trend, den es in dieser Form vor wenigen Jahren noch nicht gab und dem mittlerweile Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt folgen. Auch Dr. Birgit Arbacher-Stöger, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten mit eigener Praxis in 1140 Wien, nimmt ihn wahr. „Ich sehe das durchaus in meiner Praxis und habe auch selbst zwei Töchter im Teenager-Alter“, sagt die Dermatologin. Sie sieht den Trend kritisch. „Junge Haut in diesem Alter ist empfindlicher als die von Erwachsenen. Vor allem weil es zu diesem Zeitpunkt zur hormonellen Umstellung kommt und die Haut sich deswegen verändert. Durch zu viele Produkte wird sie leichter aus dem Gleichgewicht gebracht.“ Gesunde Kinder- und Teenagerhaut brauche keine mehrstufige Reinigungs- und Pflegeroutine. „Reinigung mit Wasser ist meistens ausreichend. Nicht einmal für Erwachsene ist eine solche Vielfalt an Produkten sinnvoll.“ Bei trockener Gesichtshaut empfiehlt die Dermatologin eine Feuchtigkeitscreme, und wenn die Sonne scheint morgens Sonnenschutz – der abends mit einem sanften Pflegeschaum wieder entfernt wird.

Pflege ohne aktive Inhaltstoffe
Gesichtshaut kann leicht ‚überpflegt‘ werden, was möglicherweise zu Rötungen und Brennen oder Ausschlag führt. Wenn sie ohnehin zu Pickeln neigt, könnte sich die Akne verschlimmern. Auch die periorale Dermatitis, ein Hautauschlag rund um den Mund, sei eine häufige Folge von zu viel Pflege, sagt Arbacher-Stöger. „Reagiert die Haut so, sollten die Produkte sofort abgesetzt werden und nicht gleich durch neue ersetzt werden.“ Zu viel Produktwechsel sei ohnehin nicht ratsam.
Worauf die Kinder und Jugendlichen bzw. deren Eltern achten sollten: „Junge Haut braucht keine wirkstoffhältige Hautpflege.“ Aktive Inhaltstoffe wie Retinol oder Fruchtsäuren seien in diesem Alter weder notwendig noch gesund. Auch von Produkten mit Vitamin C rät die Dermatologin ab, weil diese Akne oft verstärken würden. Ist Naturkosmetik automatisch die bessere Alternative? Nicht unbedingt. „Man muss sich die Inhaltsstoffe genau anschauen. Oft enthält Naturkosmetik Inhaltstoffe, die Kontaktallergien auslösen können.“
Wertschätzen, nicht alles verdammen
Grundsätzlich gelte: Eher Produkte kaufen, die ausdrücklich für empfindliche Haut geeignet sind, mit wenigen Inhaltsstoffen und wenigen bis keinen Duftstoffen. Es müsse auch nicht unbedingt das Teuerste sein, gegen Hautpflegeprodukte aus der Drogerie sei prinzipiell nichts einzuwenden. Wenn an Make-up kein Weg vorbei führt, sollten die Kinder und Teenies eher zu getönten Tagescremen als zu deckendem Make-Up greifen. Gegen Mascara und Lipgloss sei aus dermatologischer Sicht nichts einzuwenden. „Eines ist noch wichtig: Werden zum Auftragen Schwämmchen verwendet, müssen diese regelmäßig gereinigt werden.“
Als Mutter von zwei Töchter weiß Hautärztin Birgit Arbacher-Stöger, wie wichtig es ist, den Kindern und Jugendlichen, die ihren Idolen in den sozialen Medien nacheifern, mit Wertschätzung zu begegnen – und nicht pauschal alles zu verdammen. Lieber gemeinsam Wege finden, wie ein sinnvoller Umgang mit Pflege- und Kosmetikprodukten aussehen kann. Das könne zum Beispiel die Vereinbarung sein, Make-up-freie Tage einzuführen, damit sich die Haut erholen kann. „Wichtig wäre, ihnen zu vermitteln, dass es ganz normal ist, dass die Haut Härchen und Poren hat.“ Und natürlich, dass sie schön sind, so wie sie sind – auch ganz ohne mehrstufige Reinigungs- und Make-Up-Routine.

Sephora-Kids
Schon mal von ‚Sephora-Kids‘ gehört? So heißt ein Trend in den sozialen Medien: Kinder zwischen acht und zwölf Jahren zeigen auf TikTok oder YouTube, wie sie hochpreisige Hautpflegeprodukte, die eigentlich für Erwachsene gedacht sind, kaufen und anwenden. Der Name geht auf die Luxuskosmetikkette ‚Sephora‘ zurück, deren Filialen häufig als Ort in den Videos dienen, die ‚Sephora-Kids‘ online posten.
„Wichtig wäre, den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass es ganz normal ist, dass die Haut Härchen und Poren hat.“ Dr. Birgit Arbacher-Stöger, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten mit eigener Praxis in 1140 Wien.
