Lernen für ein Leben mit KI
Wo, wenn nicht in der Schule, soll man einen offenen und gleichermaßen kritischen Umgang mit KI lernen, wie man sie zum Vorteil nutzt und sich vor ihren Gefahren schützt?

Künstliche Intelligenz verändert gerade mit einer nicht gekannten und auch nicht immer erkennbaren Geschwindigkeit alle Lebensbereiche. So auch die Schule – die ein Ort sein sollte, in dem der Umgang mit der Technologie geübt und gelernt werden kann. Bernhard Gmeiner unterrichtet an einer Wiener AHS Englisch und Geografie, organisiert die Schmelzgespräche, bei denen Schüler:innen mit Persönlichkeiten aus Medien und Politik zusammentreffen und diesen Fragen stellen können, und er bloggt und hält Keynotes. Häufig zum Thema KI und das so interessiert, offen und verständlich, dass Leser:innen seines Blogs „KI im Klassenzimmer“ auf derstandard.at viel über KI lernen und verstehen, auch wenn sie gar nichts mit Schule zu tun haben. Für Gmeiner ist die Etablierung von KI im Alltag eine sich extrem schnell entwickelnde und vieles verändernde Tatsache, „die nicht mehr weggehen wird“. Und je mehr wir darüber wissen, desto besser können wir sie nutzen – und auch die einhergehenden Gefahren zumindest teilweise entschärfen: „Kinder sehen KI nicht als Revolution, es ist für sie der nächste logische Schritt, die nächste App, sie benutzen sie als Abkürzung, um zu Ergebnissen zu kommen“, beobachtet er im Alltag.
Inoffizielle Nutzung
Alexander Pfeiffer leitet an der Universität für Weiterbildung Krems das MBA-Programm Emerging Technologies am Department für Sicherheitsforschung. Inhalte seiner Arbeit sind Technologien wie Künstliche Intelligenz, Blockchain, Virtual Reality oder Adaptive Manufacturing, die unsere Welt und Arbeitsweisen radikal verändern. Er geht davon aus, dass Schüler:innen und wohl auch Lehrer:innen neben den offiziell lizenzierten und den Datenschutznormen entsprechenden KI-Anwendungen inoffiziell noch eine Menge anderer Anwendungen nutzen.Schüler:innen nutzen KI in der Beobachtung von Bernhard Gmeiner spätestens ab zwölf oder 13, und es ist wichtig, dass sie dabei begleitet werden. Derzeit braucht es dazu die Eigeninitiative der Lehrer:innen. Gmeiner nutzt dafür Programme wie Fellofish: Er lässt die Kinder im Unterricht Texte schreiben, diese von der KI verbessern und die Veränderungen bewerten: „Es ist wichtig, dass die Kinder den Prozess sehen und dass ich als Lehrer die verschiedenen Versionen kenne und ebenfalls den Prozess bewerten kann.“ Er gibt keine Schreibaufgaben als Hausübungen mehr auf, weil er nicht bewerten kann, wie diese zustande kommen. Das verändert für ihn auch die schulischen Bewertungssysteme: „Wir sind es seit Jahrzehnten gewohnt, Endprodukte zu bewerten, das macht im Zeitalter von KI keinen Sinn mehr. Gemeinsam mit den Kindern mit KI zu arbeiten und die Prozesse kennenzulernen, halte ich für wertvoll“, erklärt er seinen Zugang. KI erspart den Kindern, Fehler zu machen, und verunmöglicht ihnen so, aus solchen zu lernen.
Die KI erzählt mit
Für Pfeiffer bietet beispielsweise der Geschichtsunterricht viele Anknüpfungspunkte für den Einsatz von KI: „Geschichte ist ja nie nur Man kann etwa anhand der Türkenbelagerung Wiens untersuchen, wie diese in europäischen Geschichtsbüchern dargestellt wird und wie von einem KI-System, das mit überwiegend englischsprachigen oder gar türkischsprachigen Quellen trainiert wurde. „Schüler:innen sehen so: KI gibt nicht einfach die eine Wahrheit aus – sondern das, was in den Trainingsdaten steckt. Genau das wird zum Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit Geschichte. Wenn das als Projekt verpackt wird – die Schüler:innen werden zu „Geschichtsdetektiv:innen“ – dann ist auch Gamebased Learning dabei.Alexander Pfeiffer hält es für wesentlich, „dass Pädagog:innen und Schüler:innen Zugang zu KI-Anwendungsfeldern bekommen, gerade im Bereich der generativen KI. Denn dort entstehen aktuell neue kreative, produktive und reflexive Möglichkeiten, die für den Unterricht enorm spannend sein können.“ Neben den bereits bestehenden Angeboten des Bildungsministeriums wünscht er sich ein öffentlich zugängliches Format, in dem regelmäßig neue Entwicklungen vorgestellt werden. Lehrpersonen könnten darin Updates zu neuen KI-Tools geben oder Best-Practice-Beispiele aus dem Unterricht teilen. Wichtig wäre dabei, dass die Beiträge aus allen Schultypen kommen, damit ein echter Querschnitt entsteht. Pädagog:innen haben eine Vorbildrolle: „Wenn KI im Unterricht verwendet wird – etwa bei der Erstellung von Materialien oder in Projekten – muss das offengelegt werden. Schüler:innen brauchen Erwachsene, die diesen Weg verantwortungsvoll mitgehen. Nur so kann eine kritische, aber gleichzeitig produktive Haltung gegenüber dieser Technologie entstehen.“Nachdem KI alles mit großer Rasanz verändert, „müssen wir nicht nur lernen, KI zu verwenden, sondern vor allem, sie richtig einzusetzen und zu verstehen, was da eigentlich passiert. Wichtig ist dabei ein grundlegendes Verständnis – nicht im technischen Detail, aber als informierte Anwender:innenkompetenz“, sagt Pfeiffer. Das Feld, in dem Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt, ist inzwischen kaum mehr beschreibbar: „Generative KI ist in Wahrheit nur ein kleines Pünktchen im großen KI-Kosmos. Umso wichtiger ist es, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie diese Systeme funktionieren – was sie mit den zur Verfügung gestellten Daten machen, wie sie trainiert wurden, wo die Verantwortung liegt. Auch die Kennzeichnungspflicht gehört dazu – gerade im pädagogischen Kontext“, gibt er zu bedenken.
Künstliche Intelligenz verändert gerade mit einer nicht gekannten und auch nicht immer erkennbaren Geschwindigkeit alle Lebensbereiche. So auch die Schule – die ein Ort sein sollte, in dem der Umgang mit der Technologie geübt und gelernt werden kann. Bernhard Gmeiner unterrichtet an einer Wiener AHS Englisch und Geografie, organisiert die Schmelzgespräche, bei denen Schüler:innen mit Persönlichkeiten aus Medien und Politik zusammentreffen und diesen Fragen stellen können, und er bloggt und hält Keynotes. Häufig zum Thema KI und das so interessiert, offen und verständlich, dass Leser:innen seines Blogs „KI im Klassenzimmer“ auf derstandard.at viel über KI lernen und verstehen, auch wenn sie gar nichts mit Schule zu tun haben. Für Gmeiner ist die Etablierung von KI im Alltag eine sich extrem schnell entwickelnde und vieles verändernde Tatsache, „die nicht mehr weggehen wird“. Und je mehr wir darüber wissen, desto die chronologische Aufzählung von Fakten – es geht immer auch um die Fragen: Wer erzählt Geschichte? Aus welcher Perspektive? Und mit welchem Ziel? In Verbindung mit KI lassen sich diese Fragen sehr lebendig aufgreifen.“

Ernstzunehmende Gefahren
Es gibt weitere ernst zu nehmende Gefahren, die KI mit sich bringt: „Dazu gehören Deepfakes und Deepnudes – wir hatten hier erst kürzlich einen Fall in der Schule. Es ist aber auch wirklich wichtig, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was ein Bias ist. Und bildungspolitisch muss man sich damit auseinandersetzen, wie man feststellen kann, ob Kompetenzen simuliert werden“, sind laut Bernhard Gmeiner die diesbezüglich größten Herausforderungen. Pfeiffer beschäftigt sich beruflich aus der Perspektive des Sicherheitsaspekts mit den Gefahren durch KI im Bereich Mobbing und Deepfakes: „Wir erleben gerade, dass Deepfakes – also künstlich erzeugte, aber täuschend echte Inhalte – in wenigen Jahren von einem Forschungsthema für Spezialist:innen zu einem Alltagstool geworden sind. Heute kann jede Person mit einer simplen App ein realistisches Video erzeugen. Mit bestimmten Tools lassen sich auch pornografische Inhalte erstellen. Das ist eine völlig neue Dimension von Risiko.“ Manchmal werden die Fotos und Videos mit böser Absicht erstellt, manchmal aber auch aus Unbedachtheit – sie haben aber oft schwerwiegende emotionale Folgen. Das ist bereits Alltag, zwischen Schüler:innen, Lehrer:innen und auch Eltern: Eine weitere Ebene betrifft KI-Avatare und Chatbots, mit denen Schüler:innen Gespräche führen. „Hier erzählen Jugendliche oft sehr persönliche Dinge, und die KI-Systeme spiegeln Empathie oder Zustimmung vor, ohne Verantwortung zu tragen.
Das kann gefährlich werden – im schlimmsten Fall führen solche Interaktionen zu emotionaler Abhängigkeit oder Selbstschädigung. ‚KI-unterstützter Suizid‘ ist leider keine theoretische Kategorie mehr“, kennt Pfeiffer die internationalen Extremfelder. Nicht zuletzt aufgrund solcher Risiken werden die Jugendschutzeinstellungen einiger Anbieter von KI-Chats derzeit diskutiert und adaptiert. Die grundlegenden Anhaltspunkte zur Erkennung und zum Umgang mit Suizidgefährdung behalten auch im Zeitalter von KI Gültigkeit (suizidpraevention.at).
Nicht wegsehen!
Für den Umgang mit den mutmaßlichen Ergebnissen ungekennzeichneter KI und anderen schwierigen Situationen empfiehlt Pfeiffer Pädagog:Innen und Eltern einen Ansatz aus den USA: See something, say something! „Wenn man etwas bemerkt, das mit KI zu tun hat – sei es ein Deepfake, ein auffälliger Chatverlauf oder einfach eine Veränderung im Medienverhalten – dann geht es nicht darum, zu rügen oder zu strafen, sondern im Gegenteil: emphatisch, ruhig und liebevoll mit den Kindern und Jugendlichen zu sprechen“, rät er: „Ich finde, wir müssen das Thema KI-Nutzung viel stärker in den Alltag integrieren.“ Diese Haltung der gemeinsamen Neugier ist wertvoll. „Wir sehen eine klare Entwicklung: von den Onlinespielen über Social Media bis hin zur KI – und jetzt verschmilzt alles miteinander. Das ist ein digitaler Tsunami, der jeden Tag größer wird. KI-Funktionen sind mittlerweile in fast jeder App integriert, oft ohne Kennzeichnung. Genau deshalb brauchen wir Aufklärung, Gespräche und Verständnis statt Angst.“ Und er ergänzt: „Das Thema Umwelt und KI gehört in jede Medienbildung. Jede generierte Grafik, jedes KI-Video braucht enorme Rechenleistung und Energie. “

Sinnvolle Assistenz
KI kann aber auch abseits des Unterrichts in Schulen eine Rolle spielen: In der Verwaltung oder der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts kann KI für die Lehrenden viel vereinfachen und Arbeit abnehmen. „Ich nutze das viel, es ist sehr spannend. Ein klassisches Beispiel ist, die KI aus einem Inhalt ein Quiz erstellen zu lassen“, erzählt Gmeiner. Und: „Diese Perspektive, Aufgaben für Lehrer:innen zu vereinfachen, ist eine wichtige, wenn es darum geht, diese Gruppe für das Thema zu öffnen. Und die, die sich damit beschäftigen, nutzen sie dann auch oft im Unterricht gemeinsam mit den Schüler:innen.“ Derzeit muss dies auf Eigeninitiative der Lehrenden passieren, es gibt aber Fortbildungen. Offiziell dürfen Schulen nur lizenzierte Produkte mit entsprechendem Datenschutz verwenden – Gmeiner hofft darauf, dass das abgelaufene Pilotprojekt des Ministeriums wieder aufgenommen wird und Schulen einen Zugang zu KI-Werkzeugen bekommen. Inklusive der dafür benötigten Lizenzen, die entsprechende Kosten verursachen. Auch Alexander Pfeiffer hält diese Unterstützung im Alltag für unterschätzt: „Ich habe selbst gerade die administrative Organisation einer großen Fachkonferenz zum Thema Spiele mit KI-Unterstützung begleitet – und da merkt man sofort, wie viele Abläufe sich deutlich erleichtern lassen. Vom Terminmanagement über die Texterstellung bis hin zur Datenauswertung kann KI viel abfedern – wenn man sie richtig einsetzt.“ Gerade im Schulbereich müssen für ihn rechtliche und ethische Rahmenbedingungen eingehalten werden:
Haltung und digitale Resilienz
Alexander Pfeiffer hat sich an der Universität für Weiterbildung Krems schon vor der Beschäftigung mit Sicherheit im Bereich Games mit ähnlichen Fragen beschäftigt: „Ich habe schon vor über zehn Jahren gemeinsam mit Thomas-Gabriel Rüdiger, einem ehemaligen Polizisten und heute Leiter des Instituts für Cyberkriminologie an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg, Seminare zu Kriminalität und Jugendschutz in Online-Spielwelten gehalten – und heute sind die Themen genau dieselben, nur eben von KI-befeuert.“ Für ihn geht es beim sicheren Einsatz von KI nicht nur um Technik, sondern um Haltung, Kontextbewusstsein und digitale Resilienz: „Wir müssen gemeinsam mit den Kindern lernen – nicht über sie hinweg. Oft sind sie uns in der Bedienung überlegen, aber nicht in der Bewertung.“
Interessierten Lehrer:innen und Stakeholdern im Bildungsbereich empfiehlt er, sich tiefer mit diesen Fragen auseinanderzusetzen – zum Beispiel im Rahmen seiner Seminare oder durch den Austausch auf seinem privaten Blog (www.emtech-lab.at). Dieser sowie die Online-Beiträge von Bernhard Gmeiner bieten einen verständlichen Zugang, der die Qualitäten von KI erkennt – und kritisch und klar die Probleme und Gefahren benennt. Gerade für Eltern, die in ihrem Alltag wenig mit den Hintergründen von KI zu tun haben, bieten sie einen brauchbaren Einstieg, um mehr darüber zu erfahren, womit ihre Kinder ganz alltäglich konfrontiert sind.
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