Gesundheit

Warum TikTok und Co. unglücklich machen

Kinder brauchen ein Gegengewicht zur Scheinwelt von Tik Tok und Co. Dort finden keine echten Dialoge und auch keine wirkliche Anerkennung statt, sondern eher eine Gier nach Likes ohne Substanz.

Kinder und Jugendliche beim Handygaming

Soziale Medien wie TikTok vernetzen, fördern die Kommunikation untereinander, lassen einen Wertschätzung von Gleichaltrigen erfahren … so lauten einige der Argumente pro Social Media für Kinder und Jugendliche. Florian Buschmann, Experte für Medienkompetenz und Berater bei Mediensucht, hält dem entgegen: „Auf diesen Plattformen zeigen Menschen nur ausgewählte Details aus ihrem Leben. Von der Realität ist das weit entfernt.“ Zudem gebe es keine echten Dialoge und auch keine wirkliche Anerkennung, sondern eher eine Gier nach Likes ohne Substanz. Buschmann, der als Jugendlicher selbst fast den ganzen Tag mit dem Handy verbracht hat, gründete aufgrund seiner eigenen Erfahrungen die Initiative „OFFLINE HELDEN“. Deren Ziel: Kinder wieder zu einem analogen Leben zu verhelfen, das Spaß macht, ihr Selbstbewusstsein stärkt und ihre soziale Kompetenz fördert. Bereits über 1.500 Veranstaltungen an Schulen mit mehr als 50.000 Teilnehmern zeigen für Buschmann, wie relevant das Thema ist – und wie dankbar Anregungen für einen Weg raus aus der Mediensucht aufgegriffen werden.

Doch warum genau sind gerade Social Media wie TikTok so gefährlich, warum machen sie unglücklich? Das liege an einem ganzen Konglomerat von Gründen, so Buschmann:

Punkt 1: Unser Gehirn verallgemeinert

Wir sind so veranlagt, dass wir dazu neigen, aufgenommene Informationen sozusagen hochzurechnen. Das bedeutet: Sehen Kinder überwiegend positive Ausschnitte aus dem angeblichen Alltag etwa von Influencern, meinen sie, diese würden immer glücklich, sorgenlos, gesund sein. Sie vergleichen das mit ihrer eigenen Situation – und schneiden dabei natürlich meist schlecht ab. Dabei wissen sie überhaupt nicht, wie es den Personen, die sich in den sozialen Medien präsentieren, tatsächlich geht. Welche Probleme haben sie, welche Fragen quälen sie, sind sie auch mal unsicher? All das wird ausgeblendet und stattdessen ein Leben vorgeführt, das ein künstliches ist.

Punkt 2: Neidgefühle werden geweckt

Die Inhalte auf Social Media sind häufig das Ergebnis von Beauty-Filtern und Inszenierung. Bei Kindern und Jugendlichen, die das sehen, ohne über die Entstehung nachzudenken, erzeugt das den Druck zur Selbstoptimierung. Den haben heute also nicht nur Erwachsene! Buschmann: „Die Kids bekommen etwas vorgesetzt, das für sie unerreichbar ist. Das Vergleichen läuft weitgehend unbewusst ab, aber das Gefühl, die anderen hätten etwas, was einem selbst fehlt, ist sehr stark spürbar!“ Die Folgen: Unzufriedenheit, Selbstzweifel und die Überzeugung, selbst nicht gut genug zu sein. Unser Gehirn, so Buschmann, sei einfach nicht dafür geschaffen, permanent mit lauter scheinbar perfekten Leben konfrontiert zu werden. Früher seien wir nur von wenigen Menschen umgeben gewesen, heute sind es Hunderte und mehr – wenn auch nur virtuell.

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Die Inhalte auf Social Media sind häufig das Ergebnis von Beauty-Filtern und Inszenierung.

Punkt 3. Überforderung durch ständige Reizwechsel

Die Kurzvideo-Formate, die Social Media dominieren, sorgen für eine extrem rasche Abfolge von Reizen. Das erschwert es, bei sich selbst zu bleiben, Langeweile auszuhalten. Viele Menschen fühlen sich erst im Nachhinein, so die Beobachtung Buschmanns, leer, unruhig oder gereizt fühlen – also nicht währenddessen der Nutzung von Social Media, sondern dann, wenn sie das Smartphone mal abschalten. „Wissenschaftliche Studien zeigen eindeutig die Korrelation einer hohe Nutzungsdauer von Social Media mit depressiven Symptomen.“

Natürlich sei dieser negative Einfluss auf die mentale Gesundheit nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen vorhanden. Nur: Sehr junge Menschen reflektieren das weniger und sind süchtiger nach dem nächsten Dopamin-Kick. Ihr Frontallappen ist noch nicht vollständig ausgebildet, was heißt: Es hapert an der Impulskontrolle und am Abwägen langfristiger Folgen.

Verbieten ist keine Lösung

Es gehe nicht darum, Social Media völlig zu untersagen oder absolute Perfektion bei der Nutzung anzustreben, betont Buschmann. Entscheidend sei ein bewusster, reflektierter Umgang mit den eigenen Bedürfnissen. Und in diesem Zusammenhang sollte man sich klarmachen: Schon etwa 2,5 Stunden tägliche Nutzung von Kurzvideo-Plattformen summieren sich im Laufe eines Lebens zu rund acht Jahren reiner Bildschirmzeit, die definitiv besser genutzt werden könnten. Um das zu erkennen, helfe es, nicht nur die mit Social Media verbrachte Zeit zu registrieren, sondern sich zu fragen: „Wie fühle ich mich danach?“ Und: Da Kinder das kaum von allein tun, seien Eltern in der Pflicht, sie aktiv dabei zu begleiten.

Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv.

Über Florian Buschmann

Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.

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