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Endlich weniger am Handy hängen

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Beim aktuell meist ungemütlichen Wetter ist das Problem noch dringender: Kinder bewegen sich kaum noch vor die Tür, viele sitzen fast 24/7 in ihrem Zimmer – und starren dort auf ihr Smartphone. Wie man sie effektiv davon abhält, das ist wohl eine der derzeit am meisten diskutierten Fragen. Strikte Verbote seien wirkungslos, sagt Florian Buschmann. Es brauche attraktive Alternativen, klare Absprachen, Konsequenz und Vertrauen, so der Experte und Berater für Medienkompetenz und Prävention von Mediensucht.

Erstens: Konsequenz und Klarheit

Unerlässlich für eine wirkliche Änderung des Verhaltens sind laut Buschmann Konsequenz. Zunächst einmal sollten altersabhängige Limits für die Nutzung digitaler Medien festlegt werden. Beispielsweise eine Stunde pro Tag für Zehnjährige, oder zwei bis zweieinhalb Stunden für Fünfzehnjährige. Dauert ein Film länger als die ausgemachte Zeit, ist das in Ordnung. Grundsätzlich schätzen es Kids jedoch, wenn sie Klarheit haben, statt lediglich schwammige Aussagen wie „Spiele doch bitte ein bisschen weniger am Handy“ zu hören. Und: Keine Vereinbarung bringt etwas, wenn sie nicht eingehalten wird. Buschmann: „Auf keinen Fall dürfen Eltern sich ständig fünf Minuten extra abringen lassen, denn das konterkariert die eindeutigen Regeln.“

Zweitens: Analoge Alternativen anbieten

Wie bei jeder Sucht reicht es zudem nicht, einfach nur die mit dem Suchtmittel verbrachte Zeit zu begrenzen. Die so frei werdenden Stunden wollen gefüllt werden! Eltern müssen daher Alternativen anbieten – und zwar solche, die für ihre Töchter und Söhne attraktiv sind. Buschmann empfiehlt, wieder mehr Abenteuer zu wagen. Heute würden Kinder häufig überkontrolliert, während sie früher viel mehr Freiheiten genossen. Zwar seien die Bedingungen andere als einst, aber trotzdem sollte man ihnen vertrauen und nicht jeden Schritt beobachten. Denn: „Nur dann macht es Spaß, draußen Neues zu entdecken.“

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Alternativen wie Sport sind für Kinder attraktiv und wichtig.

Drittens: Bedürfnisse erkennen und erfüllen

Hoch im Kurs stehen bei Kindern auch gemeinsame Aktivitäten mit ihren Eltern. Heute kommen diese nach den Erfahrungen von Buschmann häufig zu kurz. Beruflicher Stress oder Zeitmangel aus anderen Gründen führe dazu, dass viele Mamas und Papas anfangs gar nichts dagegen haben, wenn sich ihr Nachwuchs mit dem Handy beschäftigt. Das Smartphone aber erfüllt keine Basis-Bedürfnisse wie echte Nähe zu vertrauten Personen oder Anerkennung von diesen zu bekommen. Zwar versprechen Social Media Likes und damit sofortige Wertschätzung, doch so etwas wirke nur kurz – und es erfordere Anpassung, behindere aber eine individuelle Entwicklung.

Dass Kinder gar kein Offline-Leben mehr wollen und immer das Handy vorziehen würden, hält Buschmann für Unsinn. In vielen Familien, die er betreut, wünschen sich die Kinder ewigen Sommer. Aussagen wie „Dann könnte ich rausgehen, mich mit Freunden treffen und Fußball spielen“ seien typisch. Im Winter wüssten dagegen wissen die Kids nicht, was sie machen sollen und fühlen sich allein. Für den Experten ein Appell an die Eltern, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern und mehr Zeit gemeinsam mit ihnen zu verbringen.

Begleitung unverzichtbar

Fazit: Kinder brauchen klare Regeln für die Nutzung digitaler Medien, deren Einhaltung konsequent umgesetzt wird. Sie brauchen ebenso alternative analoge Angebote. Sie brauchen den engen Kontakt mit ihren Eltern und natürlich auch mit Gleichaltrigen in der realen Welt. Ist all das gegeben, dann sei die Chance groß, dass Kinder verstehen, warum sie weniger Zeit am Handy verbringen sollen. Dennoch müssen Kinder bei einer gesunden Mediennutzung begleitet werden. „Von ihnen zu erwarten, dass sie da zu dieser selbst imstande sind, ist zumindest bei den meisten illusorisch“, so Buschmann.

Über Florian Buschmann

Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.

Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit.

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