Nachhaltigkeit

ÖSTERREICH IN DER CORONAKRISE: Wir schauen aufeinander

Eine große Welle der Hilfsbereitschaft hat unser Land erfasst. Menschen spüren: Die Krise können wir nur gemeinsam bewältigen.

Nein, so richtig alt ist sie nicht, die Nachbarin. Eine Best Agerin, noch weit entfernt von gebrechlich oder dement. Aber sie lebt allein. Kein Grund zur Beunruhigung in normalen Zeiten. In Zeiten des ‚social distancing‘ mitten in der Coronakrise kann das anders aussehen. Ist sie einsam? Braucht sie Unterstützung? Zählt sie zu einer Corona-Risikogruppe? Die Familie in der Wohnung gegenüber will’s wissen und legt der Nachbarin einen Brief vor die Tür. Dazu eine Zeichnung des Achtjährigen und eine Blume. Sie freut sich sehr, die Nachbarin, schreibt ihrerseits eine Karte und bedankt sich herzlichst für die netten Grüße.

Szenen wie diese spielen sich derzeit vielerorts in unserem Land ab. Menschen schauen aufeinander. Es ist schon paradox: Da ist so viel wie noch nie von Distanz die Rede. Man darf einander nicht nahe kommen, Besuche sind tabu, Freunde und Verwandte sieht man bloß auf dem Bildschirm, am Handy oder Computer – je nach Qualität der Internetverbindung mehr oder weniger scharf. Gleichzeitig scheinen die Menschen in der Krise zusammenzurücken. Zwar nicht physisch – Stichwort: Abstand halten! –, dafür emotional.

Hinzu kommt das Bewusstsein, dass eine Krise wie diese nur zu bewältigen ist, wenn jeder seinen Beitrag leistet. Ob im systemrelevanten Beruf oder schlicht, indem man zu Hause bleibt. Das Verhalten des Einzelnen zählt.

Einander Anerkennung schenken

Das Virus, das unser Leben quasi von heute auf morgen auf den Kopf gestellt hat, verlangt viel. Von Eltern, die versuchen, Beruf und Homeschooling unter einen Hut zu bringen, Jugendlichen, die auf die für sie so wichtigen Treffen mit Freunden verzichten, Großeltern, die ihre Enkelkinder lange Zeit nicht sehen. Viele Menschen seien aktuell stark gefordert, da sei es durchaus angebracht, einander Anerkennung für die momentanen (Über)Anstrengungen auszudrücken, sagt Wolfgang Mazal, Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung. Eine Heroisierung bestimmter Personen- und Berufsgruppen findet Mazal nicht notwendig. „Mir hat eine Krankenschwester gesagt: ‚Alles schön und gut, aber das, was wir tun, ist einfach unsere Arbeit.‘ Natürlich leisten viele Unheimliches, wie Supermarktverkäufer oder das Krankenhauspersonal. Aber jeder ist in dieser Situation belastet, und jeder gehört wertgeschätzt.“

Körperliche Distanz halten Menschen eine Zeitlang aus, soziales Abgeschnittensein nicht.

Wolfgang Mazal, Österreichisches Institut für Familienforschung

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Physische Distanz, keine soziale

Die Anforderungen an Familien seien besonders groß. „Viele Eltern machen den Spagat mit Homeoffice und Kinderbetreuung und zersprageln sich“, sagt Mazal. Er vermisst die Wertschätzung für das, was Familien in der Krise alles zu bewältigen haben. „In 90 Prozent aller Familien funktioniert es gut. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung kommen Familien fast nur negativ vor, mit dem, was nicht klappt.“ Das sei schade. Denn Familien bräuchten Mut und Zuspruch und jemanden, der ihnen sagt: ‚Ihr macht das toll unter den gegebenen Bedingungen!‘ Mazal plädiert dafür, nicht vom ‚social distancing‘, sondern vom ‚physical distancing‘ zu sprechen. Körperliche Distanz würden Menschen eine Zeitlang aushalten, soziales Abgeschnittensein nicht.

Der Mensch, sagt er, sei auf Gemeinschaft ausgelegt und brauche Austauschbeziehungen mit anderen. „Menschen sind als Einzelwesen nicht komplett.“ Von der Vielzahl der Initiativen, die die Coronakrise ausgelöst hat, zeigt sich der Familienforscher beeindruckt. „Es ist immer schön, wenn jemand seinen eigenen Erfahrungskreis übersteigt und auf andere zugeht.“

Kinder malen für alte Menschen und bereiten ihnen damit eine Freude.

Große Welle an Hilfsbereitschaft

Dass Distanz und Zusammenhalt kein Widerspruch ist, zeigt die enorme Hilfsbereitschaft, die Organisationen wie der Caritas entgegenschlägt. „Viele fragen uns, wie sie helfen können“, berichtet Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien. „In den vergangenen sechs Wochen waren es über viertausend Freiwillige, die sich gemeldet haben und die das Bedürfnis haben, etwas zu tun. Wir zeigen ihnen, wie das auch von zu Hause aus möglich ist.“ Mit der Initiative Füreinand’ bietet die Caritas zusammen mit der Kronen Zeitung eine Plattform für Mitmenschlichkeit, „bei der jeder, so wie es seinen Möglichkeiten und Interessen entspricht, unkompliziert mitmachen kann.“

Wer weiß, wie man eine Nähmaschine bedient, kann Gesichtsmasken für sich und andere herstellen.
Über viertausend Freiwillige haben sich in den vergangenen Wochen bei der Caritas gemeldet und wollen helfen.
Viele fragen uns, wie sie helfen können. Wir zeigen ihnen, wie man von zu Hause aus Gutes tun kann.

Klaus Schwertner, Caritas

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Plaudern und zeichnen

Ein Telefon und ein offenes Ohr, mehr braucht es nicht, um zum Beispiel Teil des ‚Plaudernetzes‘ zu sein. Das Prinzip ist einfach: Menschen, die mit jemandem reden wollen, rufen unter 05 17 76 100 an und werden nach Zufallsprinzip mit einem Freiwilligen verbunden. „Sehr berührend war für mich eine Frau, die am Anfang Scheu hatte, die Nummer anzurufen. Man kennt ja das Gegenüber nicht, hat sie gemeint. Nach wenigen Minuten Plaudern hatte sie bereits das Gefühl, dass der, der ihr zuerst fremd war, es nicht mehr ist.“ Nicht nur alte, auch viele junge Menschen würden beim Plaudernetz anrufen. Das Bedürfnis mit jemandem zu reden, wenn man alleine in der Wohnung sitzt, sei groß, niemand solle sich einsam fühlen, sagt Schwertner. Füreinand’ will außerdem Nachbarschaftsinitiativen anstoßen, wie die Unterstützung beim Einkauf oder das Nähen von Gesichtsmasken. Und: „Wir haben Kinder dazu aufgerufen, für ältere Menschen zu zeichnen und ihnen die Zeichnungen direkt in den Postkasten zu werfen oder an uns zu schicken, damit wir sie verteilen.“ Gemeinsame Erfahrung verbindet Der Familienforscher Wolfgang Mazal macht außerdem auf eine weitere Dimension des Gemeinsamen, die die Coronakrise in sich birgt, aufmerksam. Alle in unserer Gesellschaft machen momentan die gleiche Erfahrung – so etwas habe es in der jüngeren Vergangenheit nicht gegeben. „In meiner Jugend gab es diese Gemeinsamkeiten wie zum Beispiel bei bestimmten Fernsehsendungen, die alle geschaut haben. In dieser Generation haben diese Gemeinsamkeiten bisher gefehlt.“ Jetzt gebe es seit langem und für lange eine kollektive Dauererfahrung. „In ein paar Jahren wird man einander fragen: Wie hast du diese Zeit denn damals erlebt? Sowas verbindet auch.“

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