SMARTPHONE FRÜHESTENS AB 14: Geht das?
Für viele Eltern klingt es nach einem frommen Wunsch: Ein Smartphone nicht vor 14. Ist das heute überhaupt durchzusetzen?

In der dritten und vierten Klasse Volkschule besitzen rund die Hälfte der Kinder ein eigenes Smartphone. Ab der ersten Klasse in der Sekundarstufe die meisten. Und unter den 14-Jährigen? Da sind Jugendliche ohne Smartphone eine absolute Ausnahmeerscheinung.
Wenn es nach Stephanie Blase geht, sollte das die Norm sein. Blase ist Gründerin und Obfrau der Initiative „Smartphone freie Kindheit Österreich‘ und setzt sich dafür ein, den Zeitpunkt für ein eigenes Smartphone so weit wie möglich nach hinten zu verschieben. Nach den 14. Geburtstag, am besten noch weiter. Gründe dafür fallen ihr viele ein: Kinder verbringen im Schnitt viel zu viel Zeit mit dem Handy. Das wirkt sich auf ihre Gehirnentwicklung, ihr Selbstwertgefühl und ihre schulischen Leistungen aus. Das Smartphone hat Suchtpotential, setzt Kinder Gefahren wie Cybermobbing oder Cybergrooming aus und sorgt nicht zuletzt für Streit in der Familie. Viele Eltern würden Blase in ihrer Analyse beipflichten – das eigene Smartphone erst ab 14 klingt für sie aber maximal nach einem frommen Wunsch. Ist das tatsächlich umzusetzen?
Gute Argumente notwendig
Valerie und ihr Mann, Eltern eines 14- und 17-Jährigen, haben sich für diesen Weg entschieden. „Wir glauben, dass wir unseren Kindern dadurch mehr Freiheit schenken“, erzählt Valerie. Ihre Söhne haben viel Zeit für ihre Hobbys, fürs Fußballspielen und Pizzabacken – und würden nicht ständig den Drang verspüren, aufs Handy zu schauen. „Natürlich gibt es auch Diskussionen und wir Eltern müssen gute Argumente haben. Wir glauben aber, dass die Kinder dadurch zu stärkeren Persönlichkeiten werden.“
Auch Stephanie Blase ist Mutter – und fest entschlossen, ihrem elfjährigen Sohn erst in einigen Jahren ein Smartphone auszuhändigen. In letzter Zeit ortet sie in der Bevölkerung ein Umdenken. „Unsere Community wächst rasant“, erzählt sie. „Engagierte Eltern setzen sich inzwischen auch an weiterführenden Schulen dafür ein, Kinder ohne eigenes Smartphone gezielt zusammenzuführen – bis hin zu vollständig smartphonefreien Klassen. Wir unterstützen diese Eltern intensiv, nicht nur durch Vernetzung untereinander, sondern auch mit erprobten Best-Practice-Beispielen, Leitfäden und konkreten Handlungshilfen.“
Kontrollapps bieten keine absolute Sicherheit
Daneben gebe es aber immer noch haufenweise Eltern, denen nicht bewusst sei, welche Gefahren vom Smartphone ausgehen können. „Es ist absurd: Kinder werden aus Sicherheitsgründen mit dem Auto bis vor die Schule gebracht, bekommen aber ein Smartphone in die Hand gedrückt.“ Viele Erwachsene würden sich auf Kontrollapps verlassen – ein Fehler. Keine Sicherheitseinstellungen am Handy würden zu hundert Prozent schützen und Kinder und Jugendliche fänden schnell heraus, wie sie diese umgehen können.
Eines der wichtigsten Argumente für das Smartphone ist die Erreichbarkeit im Notfall. Ein Kind, das den Bus verpasst, kann seine Eltern anrufen. Die wiederum können sich bei ihrem Kind melden, wenn es nicht zum vereinbarten Zeitpunkt daheim ist. Das mag praktisch sein, ist für Stephanie Blase aber noch lange kein Grund für ein eigenes Smartphone. Es gebe zum Beispiel ‚Simple-Phones‘, Handys zum Texten und Telefonieren, aber ohne die Gefahren des Internets.Medienkompetenz lernt man nicht am Handy.
Wie aber sollen Kinder lernen, verantwortungsbewusst mit Medien umzugehen, wenn sie sie nicht verwenden dürfen? „Durch das Smartphone ist noch kein Kind medienkompetenter geworden“, meint Stephanie Blase. Die meisten Kinder, die ein internetfähiges Handy in die Hand bekommen, schauen Kurzvideos auf TikTok oder chatten mit Freunden über WhatsApp. Medienkompetenz lerne man am besten am großen Bildschirm, in erster Linie aber im Gespräch mit den Eltern, sagt Blase. Erwachsene sollten mit Kindern über Fragen sprechen wie: Wie funktionieren Algorithmen?
Warum ist es so schwer, das Handy auch mal weg zu legen? Was macht es mit dem Gehirn, wenn man stundenlang auf TikTok oder Youtube unterwegs ist? Welche Gefahren lauern im Internet? Genau darüber sprechen auch Valerie und ihr Mann mit ihren Söhnen, Thema in den Gesprächen ist zum Beispiel auch Pornographie, auf die auch Kinder im Internet recht einfach stoßen können.
Wesentlich ist für die Eltern ihr eigenes Vorbild. „Wir merken selbst, wie schwer es ist, mit dem Handy gut umzugehen“, sagt Valerie. Sie hat für sich Zeiten während des Tages definiert, in denen sie ihr Smartphone nicht in die Hand nimmt.
14 Jahre als Mindestalter
Die Initiative ‚Smartphonefreie Kindheit‘ setzt sich für ein Mindestalter von 14 Jahren bei der Smartphonenutzung ein. Was macht das Smartphone zu diesem späteren Zeitpunkt weniger dramatisch? „Für uns ist 14 Jahre das Alter, in dem ein Smartphone vertretbar ist“, sagt Stephanie Blase. Das Gehirn ist reifer, die Urteilsfähigkeit ausgeprägter. Ein Jugendlicher versteht zumindest rational, warum sich zu langes TikTok Schauen negativ auswirken kann. Für Blase ist 14 das absolute Mindestalter, bei ihren eigenen Kindern möchte sie bis 16 warten. „Da sind sie dann schon medienkompetent und schaffen es auch eher mal eine App zu löschen, die ihnen nicht gut tut.“ Stephane Blase ist zuversichtlich: „Ein Wandel kann gelingen.“ Und je mehr Eltern sich anschließen, umso eher ändert sich die Norm.

So gelingt ein späterer Smartphone-Start
1. Diskussionen aushalten
Die wenigsten Kinder werden die Entscheidung ihrer Eltern, mit dem Smartphone zu warten, widerstandslos akzeptieren. Eltern sollten sich auf Diskussionen einstellen, sich schlüssige Argumente überlegen und akzeptieren, dass das auch ziemlich anstrengend sein kann.
2. Technische Alternativen bieten
Youtube schauen, chatten oder spielen: Was Kinder und Jugendliche gern am Handy machen, geht auch auf dem PC – nur dass dieser nicht allzeit verfügbar ist. Wer seinem Kind das eigene Smartphone nicht erlaubt, kann ihm dafür den Zugang zu Messengerdiensten oder sozialen Medien etwa am Laptop ermöglichen – und damit den Anschluss an seine Peer Group.
3. Beschäftigungsmöglichkeiten anbieten
Spielen, zusammen kochen, Sport treiben – Kindern und Jugendlichen wird es leichter fallen, aufs Handy zu verzichten, wenn sie attraktive Alternativen haben.
4. Erreichbar auch ohne Smartphone
Statt eines Smartphones bieten ein Simple-Phone oder ein Tastenhandy dem Kind die Möglichkeit, seine Eltern zu erreichen – und umgekehrt.
5. Automatismus hinterfragen
Es wirkt fast wie ein Gesetz, dass mit dem Übertritt in die weiterführende Schule ein Smartphone angeschafft wird. Diesen Automatismus kann man hinterfragen. Selbst wenn man nicht bis 14 warten möchte, könnte ein etwas späterer Zeitpunkt angedacht werden. Nur weil gefühlt ‚alle‘ ihrem Kind mit dem Start der Mittelschule oder des Gymnasiums ein Smartphone kaufen, darf man den Zeitpunkt für das eigene Kind selbst bestimmen.
6. Die Bedürfnisse und Anliegen des Kindes hören
Wie leicht es einem Kind fällt, die Entscheidung seiner Eltern gegen ein Smartphone zu akzeptieren, hängt von seinem Charakter und seinen Vorlieben ab. Wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben und die Sorgen des Kindes – zum Beispiel vor Ausgrenzung in der Klasse – nicht abzutun, sondern ernst zu nehmen.
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