Familienleben

Tic, lass nach!

Unwillkürliches Zischen, wiederholtes Stirnrunzeln oder Zucken: Wenn Kinder von Tics betroffen sind, sorgen sich die Eltern: Was, wenn das bleibt?

 

Wenn Maya im Flugzeug neben einer fremden Person sitzt, lehnt sie sich nicht einfach zurück und genießt den Flug. Sie wendet sich zuerst ihrem Sitznachbarn zu und warnt ihn vor: Es könne vorkommen, dass sie seltsame Geräusche macht, dass ihr Kopf zuckt oder sich ihre Arme ruckartig bewegen. Er solle sich nicht erschrecken. Das seien ihre Tics, die sie weder kontrollieren noch unterdrücken könne. Über ihre Tics spricht Maya nicht nur mit fremden Sitznachbarn im Flugzeug. Sie teilt ihre Erfahrungen auch mit ihren Followern auf TikTok. 

So wie das in den sozialen Medien seit einigen Jahren immer mehr (vor allem junge) Menschen tun. Nicht nur das: In ihren Videos zeigen sie, wie sich ihre Tics äußern. Wie sie immer und immer wieder ihr Gesicht verziehen, Zischlaute von sich geben, schmatzen oder mit dem Kopf zucken. Ihr Anliegen: Sie wollen aufklären über ein Phänomen, das ihnen das Leben schwer macht und das ihr Umfeld erschrecken, abstoßen oder amüsieren kann. 

Was sind Tics?

„Ticstörungen sind kurze Bewegungen (motorische Tics) oder Lautäußerungen (vokale Tics) bei Erwachsenen oder bei Kindern. Es gibt aber auch komplexe Tics, bei denen mehrere Bewegungen oder Handlungsabfolgen auftreten“, sagt Sandy Siegert. Die Kinderneurologin ist Oberärztin an der Universitätsklinik für Kinderund Jugendheilkunde an der Medizinischen Universität Wien und Gründerin von www.fragmalnach.at, einer Online-Plattform, die Eltern unkompliziert medizinische Beratung durch Experten bietet.

Die Bandbreite der Auffälligkeiten bei Tics ist groß: Betroffene blinzeln oder runzeln die Stirn, sie schneiden Grimassen, räuspern sich, schmatzen oder sprechen Wörter oder ganze Sätze aus. Immer wieder und ohne erkennbaren Zweck. Besonders ausgeprägt und vielgestaltig sind Tics beim ‚Tourette-Syndrom‘, das vielen ein Begriff ist. Bei der chronischen Krankheit treten komplexe vokale und motorische Tics kombiniert auf. Ticstörungen treten meist bei Kindern im Vorschul- oder frühen Volksschulalter auf, und erreichen ihren Höhepunkt im Alter von 10-12 Jahren. Sie sind relativ häufig: Rund 4-12 Prozent der – ansonsten gesunden – Kinder und Jugendlichen sind betroffen, Buben drei- bis viermal öfter als Mädchen.

 

 

Gute Prognose 

Viele Eltern, die bemerken, dass ihr Kind einen Tic entwickelt hat, sind erst einmal stark verunsichert. Was steckt hinter den unkontrollierten Lauten und Bewegungen? Ist mein Kind krank? Vor allem aber: Geht das wieder weg? Wenigen ist bewusst, wie gut die Prognose der Ticstörungen ist: Bei rund 70 Prozent verschwinden Tics mit dem Älterwerden von selbst oder werden deutlich geringer. Bei wenigen bleiben sie bis ins Erwachsenenalter erhalten. Am Tourette-Syndrom erkrankt überhaupt nur rund ein Prozent aller Menschen. 

Was steckt dahinter, wenn Menschen auf einmal ihr Gesicht zur Grimasse verziehen, die Handflächen aneinander klatschen oder mit den Schultern zucken? Die Ursachen von Ticstörungen sind nicht restlos geklärt „Tics entstehen vermutlich durch eine Fehlfunktion in einem Netzwerk aus Basalganglien, Thalamus und Großhirnrinde“, sagt Sandy Siegert. „Bei den meisten betroffenen Kindern würde man in einer normalen MRT im Gehirn allerdings keine Veränderungen sehen.“ 

Begleitphänomen bei ADHS

Tics treten häufig als Begleitphänomen bei Kindern mit ADHS oder Zwangsstörungen auf. Deshalb, so Sandy Siegert, sei es wichtig, auszuschließen, ob bei einer Ticstörung nicht eine andere Erkrankung zu Grunde liegt. Das hat Auswirkungen auf die Therapie. „ADHS ist gut therapierbar, was wiederum die Tics beeinflussen kann.“ Ticstörungen an sich können derzeit nur symptomatisch behandelt werden. Man kann abwarten, bis sie innerhalb von wenigen Monaten von selbst wieder verschwinden. Darüber hinaus hilft Verhaltenstherapie den Betroffenen, mit ihren Tics umzugehen. Das ist vor allem für Jugendliche wichtig, für die ein Tic mitunter mit großem Leidensdruck verbunden sein kann. In der Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen auf den so genannten ‚premonitory urge‘ zu achten, das ‚Vorgefühl‘, das dem Tic vorausgeht. 

Merken sie, wie sich ein Tic ankündigt, machen sie bewusst eine andere Bewegung oder unterdrücken ihn. In schweren Fällen kommen spezielle Medikamente zum Einsatz, die die Häufigkeit und Ausprägung der Tics deutlich reduzieren.

 

 

Ärztlich abklären 

Jüngere Kinder hingegen stören sich oft gar nicht an ihrem Tic – ihre Eltern dafür häufig umso mehr. „Viele Eltern sind verzweifelt“, erzählt Sandy Siegert. „Sie wissen nicht, dass ihr Kind damit nicht allein ist.“ Umso wichtiger sei es, Betroffene und ihr Umfeld so umfassend wie möglich aufzuklären. „Psychoedukation ist der erste Schritt bei der Behandlung.“ Fundiertes Wissen über die Störung, ihre möglichen Ursachen, den Umgang mit Tics und vor allem über die relative Harmlosigkeit helfe enorm, besser damit umzugehen. Gut informierte Eltern wissen zum Beispiel, dass es wenig bringt, ein Kind anzuhalten ‚sich zusammenzureißen‘ oder zu maßregeln. Es mag nachvollziehbar sein, dass Eltern mit der Ticstörung ihres Kindes überfordert sind, ihren Unmut sollten sie allerdings für sich selbst regulieren. Alles andere vergiftet nicht nur das Familienklima, sondern ist auch kontraproduktiv. Denn: „Druck, Stress, Emotionalität und Angst verstärken das Phänomen“, sagt Siegert. Am besten sei es, wenn das Umfeld die Ticstörung weitgehend ignoriert. 

Wenn die meisten Ticstörungen von selbst wieder verschwinden und harmlos sind: Sollte man mit einem betroffenen Kind deswegen zum Arzt? Sandy Siegert empfiehlt, eine Ticstörung jedenfalls ärztlich abklären zu lassen. „Man muss nicht gleich ins Spital fahren. Am besten man bespricht sich mit dem Kinderfacharzt.“ 

Erfahrene Kinderärzte können gut abschätzen, was hinter den Auffälligkeiten steckt und überweisen gegebenenfalls zum Kinderneurologen oder Kinderpsychiater. Die zunehmende Aufmerksamkeit für Tics und Tourette in den sozialen Medien sieht Sandy Siegert übrigens zwiegespalten. Leider begünstigen Darstellungen von Tics in TikTok-Videos Tic-ähnliche, funktionelle Symptome, die diagnostisch oft schwer einzuordnen sind. Positiv findet Siegert dagegen, dass sich Betroffene mit der Störung nicht mehr so allein fühlen. Im besten Fall klären die TikTok-Videos auf und erleichtern Betroffenen den Umgang mit einem Phänomen, das auf den ersten Blick einen Schrecken einjagen kann.

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