Familienleben

Wir brauchen besser Vorbilder

 

Es ist für Erwachsene mitunter nicht nur ärgerlich, sondern auf den ersten Blick vor allem unverständlich, wie manche männlichen Jugendlichen auftreten und mit welcher Selbstverständlichkeit sie frauenfeindliches oder auch homophobes Verhalten an den Tag legen und entsprechende Aussagen von sich geben. Paul Scheibelhofer, der sich als Erziehungswissenschafter an der Universität Innsbruck mit kritischer Männlichkeitsforschung befasst, empfiehlt hier einen reflektierten Blick auf unsere Gesellschaft: „Wenn man den Lack abkratzt, sind wir nicht so modern und entwickelt, wie wir das gerne hätten. Wenn man sich ansieht, welche Männer als erfolgreich gelten und dafür Anerkennung bekommen, so verkörpern diese oft klassische Ideale: Sie sind forsch, dominant, oft Einzelgänger, setzen sich mit Härte durch und haben Erfolg, indem sie andere übertreffen und unterdrücken. Wir belohnen als Gesellschaft diese Art der Männlichkeit.“ Und das oft auch im Kleinen – man muss dafür gar nicht von Extremen wie Donald Trump, Putin, Andrew Tate oder manchem Fußball- oder Musikstar sprechen. Diese verdanken ihren Erfolg nicht Eigenschaften wie Empathie, Solidarität oder Emotionalität und tun sich wahrscheinlich oft schwer, um Hilfe zu bitten.

Männlichkeitsschule

Scheibelhofer bezeichnet den diesbezüglich relevanten Teil des Heranwachsens von Buben als Männlichkeitsschule: „Mit 9, 10 oder 11 Jahren ist man noch kein Mann, aber sie haben schon gesehen und verstanden, was unter erfolgreicher Männlichkeit verstanden wird und was als normal und erfolgsversprechend gilt“, erklärt er. Diese Phase ist eine Art Schulzeit. Eine Schule, in der man Dinge lernt – aber auch lernen sollte, manches abzulegen. Scheibelhofer plädiert dafür, den Jungen hier Verständnis entgegenzubringen, weil man sie sonst nicht erreicht. Selbst gefährliche Dummheiten wie das Phänomen U-Bahn-Surfen kann man durch Verbote nicht verhindern – durch Verständnis kann man die Jungen vielleicht erreichen. Gerade dann, wenn sie vielleicht noch ein wenig patschert ihren Weg suchen und dabei auch zu Übertreibungen neigen, wie sie etwa im Deutschrap üblich sind.Ansetzen kann und sollte man aber noch viel früher, indem man als Vorbild wirkt und auch das eigene Verhalten und die eigenen Sichtweisen hinterfragt. „Kinder haben keine Geschlechterklischees und auch Buben wollen vielleicht Röcke tragen oder sich die Nägel lackieren. 

„Wem es als Vater peinlich ist, hier mitzumachen, weil es zu weiblich ist, der sollte sich fragen, was er damit vermittelt“, sagt Scheibelhofer. Das Wichtigste aber ist, die eigene weiche, emotionale Seite zu entdecken und vorzuleben: „Wenn Kinder damit aufwachsen, dass sie über ihre Gefühle nur mit ihrer Mutter reden können, so wird ihnen beigebracht, dass Emotionen weiblich sind, und den Buben wird dadurch vieles genommen, das sie brauchen.“ Im Alltag und in der Schule sollten als weiblich geltende Reaktionen, ein Bedürfnis nach Nähe oder auch manche Freizeitbeschäftigungen nicht als weiblich gesehen werden und schon gar nicht damit abgewertet werden. Eltern können ganz bewusst gegen diese Verengungen arbeiten.

 

 

Keine überzeugenden Belege für biologische Ursachen

Dieser Auffassung ist auch Nina Kolleck, die eineProfessur für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam innehat, imMärz ein Buch über die Auswirkungen von SocialMedia auf Heranwachsende veröffentlicht und gerade an einem Buch über die Erziehung vonBuben arbeitet: „Manche sind der Meinung, dass das unterschiedliche Verhalten von Jungen und Mädchen am Testosteron und den Hormonen liegt, aber dafür gibt es keine überzeugenden Belege. Bis zur Pubertät unterscheiden sichKinder biologisch kaum. Studien zeigen vielmehr, dass es am Verhalten und den Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft liegt, die mitunter schon vor der Geburt des Kindes beginnen“, räumt sie mit falschen Annahmen auf. Grundsätzlich ist es für sie so, dass „Wut bei Jungen belohnt wird, während Mädchen anders behandelt werden. Das betrifft nicht nur die Eltern, sondern auch Pädagog:innen.“ Es sind diese überkommenen Muster, die weiter reproduziert werden – eine frühe Betonung des Geschlechts, die später Auswirkungen zeigt. So wird in der Tendenz laut Studien Trotz oder Wut von Jungen als Stärke und Durchsetzungskraft angesehen, während Mädchen beim gleichen Verhalten als mühsam und anstrengend wahrgenommen werden. Vielfach sind auch jene Eltern unbewusst betroffen, die sich als fortschrittlich sehen, und Nina Kolleck ist deswegen überzeugt, dass „es alle betrifft. Auch in aufgeklärten Familien reagieren die Eltern oft anders, je nachdem, welches Geschlecht ein Kind hat, wenn es schreit oder Angst äußert.“ Selbstverständlich  hat auch die Rollenaufteilung der Bezugspersonen einen Einfluss, also die Frage, welcher Elternteil sich wofür zuständig fühlt oder zuständig gemacht wird.

Um konkret gegen diese Aufteilung und Entwicklung anzutreten, empfiehlt sie, dass Eltern ihr Verhalten und ihre Reaktionen beobachten und reflektieren: „Aufmerksamkeit ist bei jungen Kindern die emotionale Währung. Bekommen Jungen diese Aufmerksamkeit und das Einfühlungsvermögen auch, wenn sie Angst, Scham oder Trauer zeigen, oder nur bei Wut? Wenn sie die Aufmerksamkeit nicht bekommen, beginnen die Kinder, andere Gefühle mit Wut zu überspielen. Dann wird Wut zur sekundären Emotion. Gerade bei schwierigen Erfahrungen ist es wichtig, dass Wut nicht die einzige akzeptierte Reaktion ist.“ Lernen die Jungen das nicht, bringt es später Nachteile in ihrem Leben als Männer, aber auch für die Gesellschaft. Eltern haben die Aufgabe, hier den Zugang zu ihren eigenen Gefühlen zu verbessern, um den Kindern zu zeigen, dass diese „erlaubt“ sind und es einen Umgang damit gibt. Wobei es auch schlecht ist, sich selbst für kleine Fehler zu verurteilen:

„Wir machen alle Fehler und es braucht einen offenen Umgang damit. Es ist ein harter Prozess, diese Dinge zu verändern.“

 

 

Bindung ist der Schlüssel

Um bei Jungen die nötige Resilienz zu entwickeln, falschen Auffassungen etwa in Social-Media-Posts zu begegnen, ist eine gute Bindung zu mindestens einer Bezugsperson nötig. „Die Algorithmen verstärken die Nachrichten mit  falschen Botschaften, hier ist Stärke gefragt, um dagegen zu bestehen“, weiß Nina Kolleck. Die Stärke kommt aus positiven Erfahrungen und Bindung. Es ist seit einiger Zeit bekannt, dass es, um die Probleme mit Jungen und Männern zu lösen, eine Beschäftigung mit ihren Problemen und Hilfsangebote an diese braucht. Nina Kolleck beobachtet in manchen Umgebungen eine falsche Entwicklung: „Frauenhass und misogyner Umgang mit Frauen sind ein Problem. 

Es gibt aber zunehmend auch Männerhass und Frauenbewegungen, die Männer grundsätzlich aus ihrem Leben ausschließen wollen. Das kann nicht die Antwort sein.“ Hier haben auch Medien die Aufgabe, solche Entwicklungen nicht unreflektiert aufzugreifen.„Die Welt ist von Stunde null darauf ausgerichtet, Kindern eine enge Sicht anzugewöhnen. Wir haben als Eltern nicht die Macht zu kontrollieren, womit sie konfrontiert werden, aber wir können ein Gegengewicht darstellen. Wir können bewusst ausbrechen – und sei es, indem wir uns auch die Nägel lackieren“, appelliert Paul Scheibelhofer. Die Familienforschung zeigt, dass Männer im Durchschnitt immer noch weniger im Haushalt helfen. „Es ist aber bezeichnend, dass der größte Unterschied ist, dass Väter es ihren Partnerinnen überlassen, mit den Kindern über ihre Gefühle zu sprechen. Ein Bub, der lernt, dass er mit seinen Gefühlen besser zu Mama geht, lernt nicht, dass es auch für Männer okay ist, traurig zu sein.“ Väter sollten also ganz bewusst mehr kuscheln und über ihre Gefühle sprechen: 

„Das sind Wege, mit denen wir etwas verändern. Problematisches Verhalten zu verbieten ist, selbst wenn es situativ klappt, nicht nachhaltig“, weiß Paul Scheibelhofer. Er plädiert auch dafür, auf übertriebenes und abwertendes Verhalten von Jungen ruhig zu reagieren. Dieses ist im Aufwachsen „wie ein zu großer Anzug, der noch nicht passt“, problematisch ist es, wenn Erwachsene dieses Verhalten beibehalten. Die haben weniger Raum für Veränderung und Probleme sitzen hier fester.

Solidarität als Ziel

Wir müssen dafür sorgen, dass wir Vorbilder entwickeln und in entsprechende Positionen wählen, deren Stärke nicht aus der Abwertung anderer kommt. „Wir haben aber derzeit nicht einmal eine Partei, die sich klar feministisch positioniert“, fasst Scheibelhofer zusammen. Hier liegt noch viel Arbeit vor uns, weil wir Männlichkeit in der Gesellschaft immer noch falsch vorleben: „Starke Männer finden ihre Stärke in Beziehungen, nicht in der Unterdrückung anderer“, weiß Scheibelhofer. Es gibt Theorien, die davon ausgehen, dass die Entwicklung des Menschen maßgeblich durch Kooperation und Solidarität ermöglicht wurde. Es wird Zeit, dass wir diese Eigenschaften nicht Frauen zuschreiben, sondern uns allen als Ziel setzen. Dann klappt das auch mit den kleinen und später großen Männern.

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