Zerreißprobe Zeugnis
Das Semesterende naht und mit ihm auch das Bangen auf das Zeugnis. Wie wir dem Notendruck entgegenwirken und Kinder im Umgang mit Schulnoten stärken können. Und warum es nicht um jeden Preis Einser sein müssen.

Jedes Jahr gegen Ende des Wintersemesters beginnt das große Wetteifern um bessere Noten. Besonders viel Druck herrscht in den vierten Klassen der Volksschule. Da entscheidet nämlich das Zeugnis der Kids darüber, in welche Schule es ab dem Herbst weitergeht. In einem Gymnasium werden schließlich nur jene Kinder aufgenommen, die in Mathematik, Deutsch und Lesen keine schlechtere Note als einen Zweier haben.
Klassenkampf im Klassenzimmer
Rund 125.000 Schüler:innen besuchten im Vorjahr laut Statistik Austria die AHS-Unterstufe. Das ist im Zehnjahresvergleich ein Plus von rund 11,8 Prozent. Auch an den Mittelschulen steigen die Zahlen an Neuzugängen — im Schuljahr 2023/24 waren es 215.944 Schüler:innen – was einem Plus von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Wobei der Zuwachs an den Mittelschulen laut Statistik vorwiegend auf die steigende Zahl von Kindern mit nicht-österreichischer Staatsangehörigkeit zurückzuführen sei. Was wiederum mit ein Grund dafür ist, dass vor allem in den Städten viele Kinder – beziehungsweise ihre Eltern – nach der Volksschule lieber ins Gymnasium wechseln möchten. Ambitionierte Eltern setzen mitunter alles daran, um ihren Nachwuchs einen Platz in den vermeintlich besten Schulen in ihrem Umfeld zu sichern.
Daraus folgt nicht nur, dass bildungsnahe bzw. Kinder aus ähnlichen sozialen Schichten in den Schulklassen eher unter sich bleiben. Um den Sprung in die gewünschte Schule zu schaffen, steigt auch der Druck, ein hervorragendes Zeugnis abzuliefern. Fehlen etwa die entsprechenden Noten fürs Gymnasium bedeutet das für viele Kinder, dass sie auf Bestleistungen gedrillt werden – manchmal auch ohne viel Rücksichtnahme auf ihr individuelles Leistungspotenzial.
Garantiert erfolgreich mit gutem Zeugnis?
Freilich können gute Noten Türen öffnen. Und sie sind nachweislich Indikatoren dafür, dass ein Kind fleißig ist, lernwillig und möglicherweise auch begabt ist. Nicht umsonst wird gerade für viele akademische Ausbildungen ein besonders guter Notenschnitt verlangt. Andererseits werden gute Zeugnisse vielfach auch überbewertet. Sie sagen zum Beispiel kaum etwas aus über soziale Kompetenzen, Kreativität, Resilienz oder auch Motivation. So genannte „Soft Skills“ nämlich, die laut Forschung wesentlich sind für ein erfolgreiches Leben. Langzeitstudien haben ergeben, dass zum Beispiel Verantwortungsbewusstsein oder auch Neugier sowie ein allgemeines Interesse am Lernen mehr über den späteren beruflichen oder auch privaten Erfolg aussagen als rein kognitive Fähigkeiten. Wer ständig nur die Noten im Fokus hat, laufe laut Expert:innen außerdem Gefahr, dass andere wichtige Entwicklungen wie Kreativität, Selbstbewusstsein oder auch soziale Beziehungen vernachlässigt werden. „In einer Zeit, in der Selbstoptimierung groß geschrieben wird und schier jeder Mensch alle Chancen der Welt zu haben scheint, wird es immer schwieriger, schlichtweg normal zu sein“, sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Der enorme Druck, in der Schule herausragend zu sein, obwohl die Talente vielleicht ganz woanders liegen, können laut Stamm zu psychischen Belastungen und gestörten Beziehungsverhältnissen führen.
Weniger Drill, mehr Selbständigkeit
Was Kinder statt Notendruck wirklich brauchen: Das Vertrauen ihrer Eltern, dass sie ihren eigenen Weg finden werden. Fachleute sind sich einig: Weniger Druck und Kontrolle, dafür mehr Begleitung hin zu Selbständigkeit und Eigenverantwortung – damit könne man Kinder langfristig motivieren und stärken. Anstatt die Kinder zu kritisieren, zu beschämen oder ständig mit Gleichaltrigen zu vergleichen, sollten ihre Talenten sowie ihre individuelle Entwicklung im Mittelpunkt stehen. Wo steht mein Kind? Welche Unterstützung braucht es – und wo überfordern es meine Ansprüche womöglich? Mit der Beantwortung von Fragen wie diesen lässt sich leichter einschätzen, welche Leistungen für das Kind machbar sind und wie man es fördern kann ohne ständig mit der Zeugniskeule zu schwingen. Wichtig dabei sei es laut Expert:innen, Kinder früh an eigenständiges Arbeiten zu gewöhnen. Dazu zählt zum Beispiel, dass die Kinder ihre Lernzeiten selber rechtzeitig einteilen oder den Überblick über ihre Aufgaben behalten. Aus der Forschung weiß man: Mit mehr Selbstwirksamkeit steigt nicht nur das Selbstvertrauen, sondern auch die Freude am Lernen bzw. daran, sich selber Erfolgserlebnisse zu erarbeiten. Dazu zählt auch, dass die Kinder lernen, dass am Ende nicht das Gerangel um Bestnoten zum Erfolg führt. Sondern dass auch Misserfolge und Fehler zum Leben dazugehören. Und dass man daraus lernen und gestärkt hervorgehen kann.
Deshalb sollten Eltern die Stärken der Kinder bewusst hervorheben und Schwächen tolerieren. Ein „Fünfer“ ist schließlich kein Beinbruch. Und „Dreier“ oder „Vierer“ sind oft weit besser als ihr Ruf. Vor allem dann, wenn die Kids diese Leistungen selbständig erarbeitet haben.

Die Zahlen im Zeugnis –Wie wir Kinder im Umgang mit Noten stärken
Entwicklung statt Ergebnis
Anstrengung, Ausdauer und individuelle Lernfortschritte loben, unabhängig von der Note.
Fehler als Chance
Misserfolge gehören zum Lernweg dazu und sind kein Drama. Gemeinsam herausfinden, welche nächsten Schritte sinnvoll sind.
Selbstwirksamkeit fördern
Den Kindern zutrauen, dass sie selber gute Leistungen erbringen können. Früh üben lassen, Lernzeiten einzuteilen und Hausaufgaben im Überblick zu behalten.
Druck rausnehmen
Eine entspannte Haltung entlastet alle. Eigene Erwartungen realistisch halten und bewusst reduzieren.
Vergleiche vermeiden
Der Fokus liegt auf dem eigenen Kind. Vergleiche mit anderen zehren am Selbstwert.
Stärken betonen, Schwächen akzeptieren
Kinder ermutigen, ihr Potenzial auszuschöpfen und sich realistisch einzuschätzen. Fördern – ohne zu überfordern.
Motivation hat Methode
Gemeinsam herausfinden, wie das Kind am besten lernt: visuell, auditiv, durch Bewegung oder durch Wiederholung.
Offene Gesprächskultur
Ängste, Schulstress und Enttäuschungen ernst nehmen. Über Gefühle sprechen, Trost spenden und ein vertrauenswürdiges Beziehungsklima schaffen.
Mut zur Anpassungen
Mit schlechten Noten ruhig umgehen. Gemeinsam überlegen, wie Verbesserung gelingen kann. Zum Beispiel mit Nachhilfe, Lernplänen, Gesprächen mit Lehrkräften oder durch einen Schulwechsel.
Noten realistisch einordnen
Bewertungen sind nie völlig objektiv. Eine Zahl sagt wenig über persönliche Lernentwicklungen aus – und nichts darüber, warum Ziele nicht erreicht wurden.
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