Zwischen einem Sechstel und einem Fünftel der österreichischen Bevölkerung leiden an Allergien. Auch bei Kindern können diese den Alltag stark beeinflussen und stören. Und obwohl Allergien nach chronischen Schmerzen, etwa Rückenschmerzen, zu den zweithäufigsten chronischen Krankheiten gehören, werden diese oft nicht als Krankheit eingestuft – und damit auch nicht behandelt.
Petra Zieglmayer ist HNO-Wahlärztin in Wien, Phytotherapeutin und Expertin für Allergien. Sie erklärt grundsätzlich: „Allergien gehören zu den sog. ‚Intoleranzen‘. Der Körper reagiert dabei auf ein Fremdeiweiß mit einer Unverträglichkeit und immunologischen Abwehrreaktion. Es handelt sich um eine fehlgeleitete Immunantwort gegen eigentlich harmlose Stoffe.“ Allergiker:innen reagieren auf harmlose Umweltstoffe mit einer Entzündungsreaktion – mittels Antikörpern, die spezifisch gegen einzelne Allergene gerichtet sind. Diese Antikörper können gemessen werden und dann spricht man von einer allergischen Sensibilisierung.“ Allergien können den Verdauungstrakt betreffen, die Haut oder auch die Atemwege. Zu letzteren zählt der Heuschnupfen, die häufigste Form einer Allergie. Dabei kommt es zu Überreaktionen auf Umweltfaktoren wie Pollen, am häufigsten gegen Gräserpollen. Gemeinsam ist den verschiedenen Allergieformen, dass es immer um eine spezifische Abwehrreaktion gegen einen Auslöser geht, verschieden sind die Immunreaktionen mit unterschiedlichen Botenstoffen, Antikörpern und beteiligten Entzündungszellen. Die häufigsten Allergien werden in Soforttyp-Allergien und Spättyp-Allergien unterteilt: „Beim Soforttyp, wie etwa Heuschnupfen oder anaphylaktischen Reaktionen wie z. B. bei Insektenstichen, tritt die Reaktion unmittelbar auf – auch wenn dies unterschiedlich stark sein kann. Beim Spättyp kommt es verzögert zu Hautreaktionen, etwa Hautausschlägen durch Kontaktstoffe. Diese können nach Stunden oder erst nach Tagen auftreten“, gibt Petra Zieglmayer Einblick. Wird der Auslöser entfernt, bildet sich die Reaktion zurück. Kommt es erneut zum Kontakt, reagiert das Immunsystem wieder. Ohne Kontakt zu seinem Allergieauslöser, z. B. außerhalb der Pollensaison, ist die betroffene Person gesund.
Angeboren
Allergien können sowohl genetisch bedingt sein als auch durch Umweltfaktoren beeinflusst werden. Kinder haben ein doppelt bis vierfach erhöhtes Allergierisiko, wenn eine genetische Veranlagung besteht. Die tatsächliche Entwicklung von Allergien hängt aber auch stark von Umweltfaktoren ab. Ein wichtiger Faktor für Asthma etwa ist Zigarettenrauch – hier kann man präventiv ansetzen. Petra Zieglmayer rät außerdem: „Um sich zu schützen, hilft z. B. eine vielfältige Exposition gegenüber bakteriellen Bestandteilen wie z. B. Lipopolysacchariden. Das Immunsystem wird zur Toleranz trainiert. Kinder, die mit vielen Tieren, in der Natur und mit anderen Kindern aufwachsen, sind ebenfalls besser geschützt. Ein zu steriles Umfeld kann die Neigung zu Allergien verstärken. Dies funktioniert allerdings nicht bei Virusinfektionen, die Triggerfaktoren sein können. So kann etwa RSV die Atemwege stark belasten und die Neigung zu Asthma erhöhen. Impfungen sind hier ein wichtiger Schutz.“
Sie rät außerdem, dass Kinder möglichst früh gemeinsam mit der Familie am Tisch mitessen und viele verschiedene Dinge probieren. Stillen schützt in den ersten vier Monaten sehr gut vor Allergien, danach nimmt dieser Effekt aber ab. Anschließend sollten Kinder möglichst früh eine große Vielfalt an Lebensmitteln kennenlernen, auch Erdnüsse oder Fisch. Eine Einschränkung ist nicht förderlich. Zumindest, wenn keine schwere Form der Neurodermitis vorliegt – Neurodermitis ist übrigens keine Allergie. Gibt es Nahrungsmittelallergien – etwa gegen Ei oder Milch – wachsen etwa zwei Drittel der Kinder aus diesen heraus. Es gibt jedoch auch schwere Formen, die bestehen bleiben und gezielt behandelt werden müssen.

Histamin
Kinder trinken keinen Wein, das – vor allem im Rotwein durch die Maischestandzeit – vorhandene Histamin kommt aber nicht nur im Wein vor, sondern spielt auch bei Allergien eine wichtige Rolle. Denn Histamin ist einer der möglichen Botenstoffe, die von allergieauslösenden Zellen freigesetzt werden und die allergischen Reaktionen wie einen Juck- oder Niesreiz auslösen oder auch die juckenden und tränenden Augen. Biogene Amine wie eben Histamin werden nicht nur im Körper gebildet, sondern entstehen auch bei der Reifung von Nahrungsmitteln – und werden üblicherweise im Dünndarm abgebaut. „Dieser Abbau kann durch Entzündungen oder auch nach der Einnahme von Antibiotika gestört sein. Dann können die Stoffe im Körper zirkulieren und Beschwerden verursachen, die wie Allergien aussehen. Es handelt sich dabei aber um ein Stoffwechselproblem und nicht um eine echte Allergie“, klärt Petra Zieglmayer auf. Der Darm und das in letzter Zeit immer mehr Aufmerksamkeit bekommende Mikrobiom im Körper spielen auch bei Allergien eine große, indirekte Rolle. Denn sie sind entscheidend für die Barrierefunktion(en) des Körpers. Petra Zieglmayer: „Innere und äußere Oberflächen, also die Haut, aber auch die Schleimhäute im Darm, sind normalerweise so dicht, dass fremde Eiweiße nicht in biologisch aktiver Form in den Körper gelangen. Erst wenn diese Barriere, etwa durch Entzündungen, gestört ist, können Fremdstoffe eindringen und Intoleranzreaktionen auslösen. Das Mikrobiom im Darm hilft dabei, diese Oberflächen intakt zu halten – es ist ein zentraler Schutzmechanismus des Körpers.“ Erkrankungen wie Neurodermitis zeigen eine Störung dieser Barrierefunktion. Auch bei Atemwegserkrankungen wie Heuschnupfen und Asthma besteht eine erhöhte Empfindlichkeit.
Haustiere und Schimmel
Oft in Zusammenhang mit Allergien genannte Themen sind Haustiere oder auch Schimmel. Haustiere haben dabei in diesem Zusammenhang unterschiedliche Effekte und Kinder, die mit ihnen aufwachsen, entwickeln oft eine höhere Toleranz. Das Immunsystem lernt, diese Stoffe als harmlos zu bewerten. Allergien gegen Haustiere entstehen meist erst später, wenn diese Toleranz nicht aufgebaut werden konnte, und sind nicht angeboren. Im Weggeben von Haustieren sieht Petra Zieglmayer keinen sinnvollen therapeutischen Ansatz, da die Allergenbelastung – etwa durch Katzen – auch im öffentlichen Raum sehr hoch ist. Sie empfiehlt bei starken Beschwerden gezielte therapeutische Maßnahmen wie eine Hyposensibilisierung. Und Schimmel „ist ein wichtiger Entzündungs-Trigger. Er kann unabhängig von Allergien krank machen, besonders wenn er eingeatmet wird. Es gibt aber auch Schimmelpilzallergien. Manche Schimmelarten kann man eliminieren oder meiden, andere (z. B. Alternaria) sind in der Natur saisonal weit verbreitet und kaum vermeidbar“, weiß Petra Zieglmayer. Feuchtigkeit, etwa nach Überschwemmungen oder in Wäldern, begünstigt Schimmelbildung und kann Beschwerden verstärken.

Therapien
Neben möglichen Schutzmaßnahmen gibt es bei Allergien verschiedene Therapieformen. Petra Zieglmayer ist Expertin für Phytotherapien – also der Behandlung mit rein pflanzlichen Stoffen. Die Wirkstoffe in den Pflanzen können dabei ganz ähnlich wie Arzneimittel wirken – dabei sind allerdings einige Eigenheiten zu beachten. Pflanzen können die angesprochenen Oberflächenbarrieren stärken, andere wirken präbiotisch und können das Mikrobiom stärken. Sie rät aber davon ab, pflanzliche Mittel bei Neugeborenen in den ersten drei Monaten oder im ersten Jahr einzusetzen, hier und generell kann eine unsachgemäße Anwendung von Pflanzen nämlich auch schaden. „Im Gegensatz zu Arzneimitteln enthalten Pflanzen komplexe Wirkstoffmischungen und sind nur schwer zu standardisieren. Sie sind selten so genau dosiert und kontrolliert wie synthetische Medikamente. Deswegen empfiehlt es sich, auch bei der Behandlung mit Pflanzen Ärzt:innen zu konsultieren und die Therapien von diesen begleiten zu lassen“, gibt Petra Zieglmayer Einblick in diesen Bereich.
Symptomlinderung
Generell kann auf eine Allergie auf drei verschiedene Weisen reagiert werden. Bei Inhalationsallergien ist eine Allergenkarenz, also die Meidung des Auslösers, wirksam, wenn dies möglich ist. Wer weiß, wogegen er oder sie allergisch ist, kann versuchen, bestimmte Pollen wie Gräser oder Bäume zu meiden. Wobei das mitunter schwierig ist und die Belastung – auch dank Klimawandel – über Monate immer länger anhält. Bei einer – ebenfalls sehr häufigen – Hausstaubmilbenallergie sollte jedenfalls die Bettumgebung angepasst werden.
Medikamente können Symptome wirkungsvoll lindern und den Alltag erleichtern, wirken aber nur vorübergehend. Nach dem Absetzen treten die Beschwerden wieder auf, und eine mögliche Verschlechterung im Laufe des Lebens wird dadurch nicht verhindert. „Die einzige ursächliche Therapie ist die Hyposensibilisierung. Dabei wird das Immunsystem über längere Zeit, meist über drei Jahre, an das Allergen gewöhnt. Diese Therapie ist auch bei Kindern ab dem Kindergartenalter möglich. Bei Nahrungsmittelallergien kann in spezialisierten Zentren frühzeitig eine orale Toleranzinduktion erfolgen“, gibt Petra Zieglmayer Auskunft über die Behandlungsmöglichkeiten. Eine nach wie vor schwierige Aufgabe ist die Diagnostik. Es wird nicht empfohlen, prophylaktische Tests durchzuführen, unter anderem, weil ein positives Testergebnis nicht automatisch eine Allergie bedeutet, sondern auch nur eine Sensibilisierung anzeigen kann. Das macht die Diagnostik auch für Ärzt:innen schwierig. Gibt es Beschwerden, kann ein Test aber helfen, den Auslöser zu identifizieren und die richtige Therapieform zu finden.
„Kinder, die mit vielen Tieren, in der Natur und mit anderen Kindern aufwachsen, sind besser geschützt. Ein zu steriles Umfeld kann die Neigung zu Allergien verstärken.“, so Petra Zieglmayer, HNO-Ärztin und Allergieexpertin
