Gesundheit

ADHS – eine kostspielige Krankheit

Eine Studie hat die direkten medizinischen Kosten von Personen mit ADHS sowie die von Begleiterkrankungen verursachten Kosten untersucht.

ADHS

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine Entwicklungsstörung. Die Symptome treten meist vor dem zwölften Lebensjahr auf und sind durch Probleme bezüglich Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität gekennzeichnet. Weltweit sind etwa fünf Prozent der Kinder und circa 2,5 Prozent der Erwachsenen betroffen. Bei etwa der Hälfte der Kinder mit ADHS bleiben die Probleme also im Erwachsenenalter bestehen. Für diese Menschen ist ADHS eine lebenslange Erkrankung, die häufig Gesundheit, Beruf und das soziale Leben sowie Umfeld erheblich beeinträchtigt.

Um die volkswirtschaftlichen Kosten der ADHS zu schätzen, analysierten Berit Libutzki und ihre Kollegen unter Beteiligung von Prof. Andreas Reif vom Universitätsklinikum Frankfurt anonymisierte Krankenversicherungsdaten von fast vier Millionen Deutschen. Sie verglichen die medizinischen Kosten von Personen mit einer ADHS-Diagnose mit denen einer Gruppe ohne ADHS.

Mehr als 1.000 Euro Kostenunterschied

Die Ergebnisse zeigten, dass die medizinischen Kosten einer Person mit ADHS im Durchschnitt um 1.508 Euro höher sind als die einer Person ohne ADHS. Diese Kosten sind hauptsächlich auf Behandlungen in Krankenhäusern und durch Psychiater zurückzuführen. ADHS-Medikamente verursachen rund 11 Prozent der Zusatzaufwendungen.
Die Studie zeigte außerdem, dass die medizinischen Kosten bei Personen über 30 Jahren im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen deutlich erhöht sind. Dabei verändert sich auch die Zusammensetzung: Bei Erwachsenen sinken die Kosten für ADHS-Medikamente im Vergleich zu Jugendlichen und Kindern, während die Kosten für Psychiater und für andere Medikamente erheblich steigen. Auch ein hoher Krankenstand führt zu einem erheblichen Kostenanstieg.
Eine Erklärung für diese Kostensteigerungen könnte eine Versorgungslücke sein: Nach Erlangen der Volljährigkeit fallen Personen mit ADHS aus der regelmäßigen Betreuung durch den Kinderarzt, was dann möglicherweise dazu führt, dass sie neben der ADHS weitere Krankheiten entwickeln.

ADHS verursacht zusätzliche Gesundheitsprobleme

Es ist bekannt, dass Personen mit ADHS ein stark erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Reihe von zusätzlichen, sogenannten komorbiden Erkrankungen aufweisen. Affektive Störungen – wie Depressionen – und Angstzustände treten am häufigsten auf: Zwei Drittel der ADHS-Patienten über 30 Jahren hatten eine solche zusätzliche Diagnose, im Vergleich zu nur einem Fünftel der Erwachsenen ohne ADHS. Auch für Substanzmissbrauch und Adipositas ist das Risiko bei Menschen mit ADHS deutlich erhöht.
Diese Komorbiditäten erhöhen die Krankheitslast der ADHS enorm. Die Studie zeigt, dass Substanzmissbrauch und krankhafte Fettleibigkeit gerade im Erwachsenenalter die teuersten zusätzlichen Erkrankungen darstellen. Insgesamt sind die Mehrkosten dieser Komorbiditäten für Personen mit ADHS um 1.420 bis 2.715 Euro höher als bei Personen ohne ADHS, die an denselben Erkrankungen leiden.

Zusatzerkrankungen genetisch bedingt

Wissenschaftler glauben, dass bestimmte genetische Faktoren, die bei ADHS eine Rolle spielen, eine Person auch anfälliger für diese zusätzlichen Erkrankungen machen. Libutzki und ihr Team sind Teil des europäischen Forschungskonsortiums Comorbid Conditions of ADHD (CoCA), das die gemeinsamen biologischen Mechanismen der ADHS und zusätzlicher Störungen untersucht. „Durch weitere Forschung hoffen wir, Anhaltspunkte zu finden, um die Entwicklung solcher Komorbiditäten zu verhindern und die psychosoziale Versorgung zu verbessern“, erklärt der Leiter des CoCA-Konsortiums Prof. Andreas Reif vom Universitätsklinikum Frankfurt.

ADHS bei Erwachsenen oft nicht diagnostiziert

In der jetzt durchgeführten Studie haben sich Begleiterscheinungen der ADHS im Erwachsenenalter als wichtige Kostentreiber erwiesen. Möglicherweise könnten sie verhindert werden, wenn die psychische Gesundheitsvorsorge über die gesamte Lebensspanne konstanter wäre. Eine frühzeitige Behandlung, die in der Kindheit beginnt und sich im Jugendlichen- bis ins Erwachsenenalter fortsetzt, erscheint den Forschern daher ratsam.
Die Autoren weisen in ihrer Studie auch auf eine Einschränkung der aktuellen Ergebnisse hin: Besonders Erwachsene erhalten oft keine ADHS-Diagnose, obwohl sie Symptome aufweisen. „Unsere Wissenslücke ist im Erwachsenenalter besonders groß“, sagt Dr. Catharina Hartman vom Universitätsklinikum Groningen, Niederlande. „Nur bei 0,2 Prozent der Erwachsenen, deren Daten uns vorlagen, war ADHS diagnostiziert worden. Wir wissen jedoch, dass insgesamt etwa 2,5 Prozent der Erwachsenen von ADHS betroffen sind. Diese Differenz deutet darauf hin, dass viele Erwachsene mit ADHS derzeit nicht diagnostiziert und entsprechend nicht behandelt werden. Sie können jedoch dennoch hohe Kosten verursachen: direkt, wenn ihre ADHS nicht anerkannt wird, oder indirekt durch Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.“ Insofern wurden die in der Studie angegebenen Kosten über alle Altersgruppen möglicherweise noch unterschätzt. Andererseits erfahren Erwachsene oft erst nach Rücksprache mit einem Psychiater wegen anderer psychischer Probleme von ihrer ADHS. Treten keine Begleiterkrankungen auf, wird die Krankheit nicht bemerkt. Dies könnte dazu führen, dass die geschätzten Kosten und die Prävalenz komorbider Erkrankungen mit ADHS im Erwachsenenalter überschätzt werden.

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