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Home » Auch ein plötzlicher Handy-Entzug macht aggressiv
Digitale Welt

Auch ein plötzlicher Handy-Entzug macht aggressiv

Florian BuschmannVon Florian BuschmannApril 13, 20264 Minuten Lesezeit
c Shutterstock
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Wenn Kinder und Jugendliche stetig aggressiver werden oder sich von ihrem Umfeld abkapseln und kaum noch erreicht werden können, erlebe er oft stereotype Reaktionen, so Florian Buschmann, Experte für Medienkompetenz und Berater bei Mediensucht. Die einen schieben es auf einen „schlechten Charakter“, die anderen machen ein Problem mit der Erziehung aus.

Dauerhafte Überreizung als Grund

Tatsächlich aber ist „immer häufiger exzessiver Medienkonsum der Grund oder zumindest ein wesentlicher Faktor“, sagt Buschmann (Psychologie B.A.).

Der Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN sieht bei vielen Kids eine dauerhafte Überreizung des Nervensystems. In seinen Workshops an Schulen, von denen er bereits über 1.500 mit über 50.000 Teilnehmern durchgeführt hat, analysiert er jedoch auch die Folgen eines plötzlichen Handy-Entzugs. Der sei keine gute Idee, denn: „Auch der Entzug setzt die Kinder und Jugendlichen unter Stress. Zudem kann niemand das Smartphone komplett verbieten, was auch nicht sinnvoll ist.“

Stattdessen gelte es, zunächst einmal die Mechanismen, durch die Handys beziehungsweise genauer Social Media und Gaming wirken, zu durchschauen. Insbesondere Kurzvideo-Plattformen und Games arbeiten mit einem permanenten Reizfluss. Die Bilder wechseln extrem schnell, es werden starke Emotionen geweckt, es gibt Belohnungen über Likes und Kommentare, eine Überraschung jagt die andere. So wird laut Buschmann das Gehirn kontinuierlich mit Dopamin und Adrenalin geflutet, das Nervensystem dauerhaft aktiviert.

Jede Minute wird medial gefüllt

Kindern und Jugendlichen – und nicht nur ihnen – fehlen echte Ruhephasen. Während es früher auch Phasen der Langeweile gab, mit denen Menschen zurechtkommen mussten, wird heute jede freie Minute sofort medial gefüllt. Das Gehirn bekommt dadurch kaum noch die Gelegenheit, die empfangenen Reize zu verarbeiten, entstandene Spannungen abzubauen oder einfach herunterzufahren. Buschmann: „Wir haben es mit einem Dauerfeuer zu tun, das überlastet und auslaugt, ja verbrennt, um im Bild zu bleiben.“

Dieses „Feuer“ plötzlich zu löschen, erzeuge erst recht Probleme, sagt Buschmann und erzählt aus seiner Praxis: Ein Jugendlicher wollte nicht mit zum Familienabend bei Freunden gehen, woraufhin seine Eltern das WLAN abstellten. Es kam zu einem heftigen Streit, in dessen Verlauf der Junge seinem Vater an den Kopf schlug. Der wiederum nahm den Router und zerstörte ihn. In der Folge sei wieder Raum für Gespräche entstanden, so Buschmann. Manchmal brauche es einen solchen Cut, „wobei Gewalt durch nichts zu rechtfertigen sei“. Das Beispiel zeigt vor allem: Ein Verbot digitaler Medien, das Ausschalten des WLANs oder die Aufforderung, das Handy sofort wegzulegen kann zu Gereiztheit und Wut bis hin zu Ausbrüchen von Aggression führen. Der Grund dafür liegt im abrupten Abfall des Dopamin- und Adrenalinspiegels.

Nervensystem ist überfordert

Emotionen nicht mit Boshaftigkeit des Kindes und auch nicht mit Erziehungsfehlern der Eltern in Verbindung zu bringen. Es handelt sich schlicht um eine Stressreaktion eines überforderten Nervensystems. Dabei spielt auch eine Rolle, dass Kinder und Jugendliche heute oft Frustration kaum tolerieren, weil sie es gewohnt sind, sich stets sofort neue Reize holen zu können.

Hinzu kommen die Wirkungen der typischen digitalen Inhalte. Die Kurzvideos quellen über von Konflikten, Provokationen und schneller Eskalation. Wer das tagtäglich viele Stunden lang konsumiere, der halte es für normal, betont Buschmann. Und es gingen Fähigkeiten verloren oder würden gar nicht erst richtig ausgebildet, die für die Regulation von Emotionen gebraucht werden: etwa Geduld, Impulskontrolle, Aushalten von Langeweile und Selbstberuhigung.

Aggression ist ein Ventil

In aller Regel werden Kinder und Jugendliche nur dann aggressiv, weiß Buschmann, wenn sie sich nicht mehr anders ausdrücken können. Aggression ist dann ein Ventil für innere Anspannung und totale Erschöpfung. Das zu erkennen, sei der erste Schritt hin zu sinnvoller Prävention. Die nämlich, das zeigen die Workshops in Schulen regelmäßig, dürfe nicht in einem pauschalen Verbot bestehen. Und auch das Handy mehr oder weniger willkürlich wegzunehmen, wenn es der Mutter oder dem Vater gerade passt, sei nicht zielführend.

Was Eltern tun sollten?

  1. Nicht nur die Dauer des Medienkonsums im Blick haben, sondern vor allem auch die Inhalte.
  2. Smartphone-freie Zeiten und Orte gemeinsam mit den Kindern festlegen.
  3. Zur bewussten Nutzung anhalten und das auch selbst vorleben.
  4. Echte Offline-Erholungsräume anbieten, etwa gemeinsame Aktivitäten
  5. Kinder emotional begleiten und die Beziehung zu ihnen intensivieren.

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Florian Buschmann

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