Bildung

Fördern statt Filtern

In Österreich drücken Kinder nur vier Jahre hindurch gemeinsam die Schulbank. Nach der vierten Klasse Volksschule trennt sich dann sozusagen die Spreu vom Weizen. Was spricht eigentlich für eine gemeinsame Schule bis zur Oberstufe – was dagegen? Oder sollten wir Schule überhaupt ganz neu denken?

 

Vier Jahre Volksschule vergehen oft flugs. Der Wechsel in die nächste Schule kommt zu einem Zeitpunkt, indem sich viele Kinder im Schulleben gerade einmal warm gelaufen haben. Das Schulsystem in Österreich sieht vor, dass Familien vergleichsweise früh die Entscheidung fällen müssen, in welche Richtung es nach der Vierten weiter geht. Kein Wunder, dass viele Eltern, aber auch Lehrpersonen gerade den Übergang in die Sekundarstufe als zusehends belastend empfinden. Man braucht sich nur das Wetteifern fürs Gymnasium anzuschauen und dem vielfach damit verbundenen Leistungsdruck, der auf Neun- oder Zehnjährigen lastet.

Diese frühe Selektion sowie der verschärfte Entscheidungsdruck können weitreichende Folgen für die Potentialentwicklung von Kindern haben. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass Kinder möglichst ihrem individuellen Tempo entsprechend reifen sollten, damit sie sich entfalten können und ihre Talente nicht verpuffen. Gerade die Frage nach der AHS-Reife von Zehnjährigen gestaltet sich jedoch nicht immer leicht, zumal kognitive Fähigkeiten in diesem Alter oft noch nicht voll entwickelt sind. Bei vielen Kindern geht der sprichwörtliche Knopf hinsichtlich abstrakten Denkens oder auch selbstorganisierten Arbeitens schlichtwegs später auf. Manche Kinder haben vielleicht auch das „Pech“, kurz vor dem Einschulungsstichtag Anfang September geboren zu sein, kommen damit nicht nur ein Jahr früher in die Schule, sondern haben auch im weiteren Jahrgangsvergleich – vor allem wenn dann ab der Vierten getrennt wird – einen relativen Altersnachteil. Zu den Themen, die Reife und Entwicklung der Kinder betreffen, kommt noch die viel bewiesene Tatsache, dass Bildung in Österreich nach wie vor vererbt wird. 

Es ist oft nicht zu übersehen, dass viele von elterlichen Erwartungshaltungen getriebene Kinder im Gymnasium nicht besonders gut zurecht kommen. Während so manche begabte Mittelschüler:innen, bei denen die Eltern vielleicht weniger dahinter gewesen sind, sowie Tausende Kinder aus sozial benachteiligten Familien vielfach in Bildungssackgassen landen. Dass viele Mittelschulen, vor allem im urbanen Raum als „Resteschulen“ für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen oder mit schwierigeren, gesellschaftlichen Voraussetzungen herhalten müssen, ist kein großes Geheimnis – und macht die Sache keinesfalls leichter.

Hitzige Debatte zur Gesamtschule

Österreich hat mit der Trennung der Schüler:innen bereits nach der vierten Schulstufe ein so genanntes differenziertes Schulsystem – und zwar als eines der wenigen EU-Länder (neben den Niederlanden und Luxemburg). In Deutschland gibt es je nach Bundesland sowohl differenzierte Systeme als auch Gesamtschulen. Befürworter:innen einer Gesamtschule meinen, dass es mehr Bildungsgerechtigkeit gäbe, wenn wir nicht schon Zehnjährige in Mittelschüler:innen und Gymnasiast:innen einteilen würden. Außerdem schaffe beispielsweise eine gemeinsame Unterstufe stabilere Grundlagen für die späteren Bildungsentscheidungen bzw. daran anschließende Spezialisierungen. Besonders profitieren würden leistungsschwächere Kinder und Kinder aus bildungsferneren Familien. Gegner:innen sind hingegen überzeugt davon, dass leistungsstarke Kinder in einer Gesamtschule unterfordert seien und das Leistungsniveau insgesamt sinke. „Kaum eine Debatte wird mit so viel Fanatismus, ideologischer Verblendung und widersprüchlichen Statistiken geführt wie die Frage, ob eine gemeinsame Schule aller Zehn- bis 14-Jährigen zu mehr Chancengerechtigkeit oder zu einer noch größeren Nivellierung nach unten führt“, sagt Bildungskritiker Andreas Salcher in seinem Bestseller „Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde“. Der Autor und Gründer der „Sir Karl Popper Schule“ für Hochbegabte in Wien schreibt, dass die Fakten dafür und dagegen teils „erdrückend“ seien – je nachdem „was man beweisen will“. 

 

 

Machen es andere Länder wirklich besser? 

Salcher führt in seinem Buch aus, dass PISA-Siegerländer wie Finnland, Kanada, Südkorea oder Hongkong zwar alle ein Gesamtschulsystem haben. Doch Vorsicht beim Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Die genannten asiatischen Ländern etwa punkten auch deshalb, weil ihre Bildungssysteme insgesamt viel leistungsorientierter sind. In Deutschland schneidet das differenzierte System, wie Salcher auflistet, in einigen Bundesländern am besten ab, während von Gesamtschulen geprägte Länder die PISA-Schlusslichter sind. Viele aufgrund ihrer herrausragenden Pädagogik preisgekrönte deutsche Schulen wiederum seien allesamt Gesamtschulen und nicht Gymnasien. Mit den Ländervergleichen ist es also so eine Sache. 

Nicht zu vergessen, dass in vielen Nationen mit Gesamtschulsystem ein hoher Zulauf zu elitären Privatschulen zu verzeichnen ist. „In den USA oder auch in Großbritannien existiert eine florierende Landschaft an teuren exklusiven, privaten Gesamtschulen, die erst recht eine Zweiklassengesellschaft schaffen, die nicht begabte Kinder, sondern jene mit reichen und gut vernetzten Eltern besonders begünstigen“, versichert Salcher. Was uns obendrein zu denken geben sollte: Laut Ergebnissen von PISA sowie OECD-Studien schneiden Gymnasiast:innen hierzulande, also Schüler:innen, von denen man aufgrund der Selektion meinen könnte, dass sie die besseren Karten in der Hand hätten, keinesfalls besser ab als gleichaltrige Schüler:innen in Ländern, in denen die gemeinsame Schule erfolgreich ist.

Ganztagsschule: Eine gute Schule für alle?

Bildungskritiker Salcher rückt folgende Fragestellungen in den Vordergrund: Wie können individuelle Begabungen und Interessen von Kindern von klein auf bestmöglich gefördert werden? Und wie kann unser differenziertes Schulsystem mit den Gymnasien und Mittelschulen für Zehn bis 14-Jährige sowohl sozial gerechter als auch leistungsorientierter werden? „Der Schlüssel zum Bildungserfolg liegt in Konzepten der Ganztagsschule. Fast alle guten Schulen auf der Welt sind Ganztagsschulen“, bekräftigt Salcher. Die Vorteile liegen auf der Hand: „Die Zeiteinteilung zwischen Lehrvortrag, echtem Projektunterricht, Sport, Reisen und Exkursionen, selbstbestimmtem Lernen sowie Erholungs-, Essens- und Reflexionszeiten wird vom Lehrerteam in Absprache mit der Schulleitung autonom festgelegt“. Dadurch werde ein Eingehen auf individuelle Entwicklungsschritte strukturell überhaupt erst möglich. Die Schule endet für Kinder, Lehrpersonen und Eltern etwa um 16 Uhr. 

Das heißt auch: Eltern – vor allem die Mütter – werden entlastet, weil das leidige Thema Hausaufgaben zum Großteil wegfällt bzw. bereits in der Schule abgehakt wird. Eine echte Ganztagsschule ist für die Kinder am Nachmittag nämlich keine reine „Aufbewahrungsstätte“. Schularbeitsvorbereitungen und Hausübungen werden unter professioneller Anleitung erledigt. Moderne Arbeitsplätze für Lehrkräfte, eine gute Infrastruktur für gemeinsames Mittagessen und ausreichende Erholungszeiten machen Schule zu einem besseren Ort des Unterrichts, des Lernens und der Freizeit.

 

 

Gerechtere & kindgerechtere Schulen

Was vielen Eltern, Schulleiter:innen oder auch Schulpsycholog:innen im Kontext diverser Schulsystemdebatten besonders am Herzen liegt: Das oftmals negativ gezeichnete Bild von Mittelschulkindern als Schüler:innen „zweiter Klasse“ zu korrigieren. Politik und Gesellschaft seien gefordert, um das Bildungsniveau von Mittelschulen generell aufzuwerten. Vor allem auch mit Blick auf die enorme Bandbreite der berufsbildenden Schulen in Österreich, zum Beispiel die Tourismusfachschulen oder die sehr erfolgreichen HTLs, die europaweit als schulisches Vorzeigeprojekt in der Berufsbildung gelten. 

Geht es letztlich darum, das bestehende Schulsystem gerechter respektive kindgerechter zu gestalten, liegen seitens Bildungswissenschaft und Forschung bereits viele Ideen am Tisch. Zum Beispiel mehr interaktiver und projektorientierter Unterricht mit Gruppenarbeiten und einer klugen Kombination aus akademisch sowie praxisorientierter Wissensvermittlung. „Um neue Lernformen umsetzen zu können, brauchen Schulen die Möglichkeit für mehr Flexibilität bei den Klassengrößen und bei der internen Ressourcenverteilung“, ist Andreas Salcher überzeugt. Ein flexiblerer Schulalltag mit flexibler Teamarbeit bei den Lehrpersonen wird also neben hoch motivierten und qualifizierten Lehrenden auch eine höhere Lehrkraftdichte verlangen. Damit vermehrt fächerübergreifend sowie in Kleingruppen unterrichtet werden kann, anstelle des wenig zeitgemäßen ein-Lehrer-ein-Fach Prinzips. 

Was die Lehrpläne betrifft: Mehr Verknüpfung mit der Praxis sollte im Fokus stehen, statt des oftmals unnützen Wissensballasts. Um all das umzusetzen brauche es laut Andreas Salcher vor allem mehr Mut zum Tun – und zwar als Kraftanstrengung, die die intelligentesten Ideen und Köpfe quer durch die gesamte Gesellschaft sowie alle Parteien einbezieht.

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