Sie spielen am Handy, sie streamen Filme und sie sind permanent auf Social-Media-Kanälen unterwegs: Viele Kinder und Jugendliche leben fast rund um die Uhr mit digitalen Medien. Und sie unterhalten sich oft lieber mit KI-Chatbots als mit ihren Freundinnen und Freunden oder ihren Eltern – das zumindest zeigt eine aktuelle Studie der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.
Warum Mädchen und Jungen zu KI flüchten
Warum tun Kinder das? Warum flüchten Sie in eine virtuelle Kommunikation, bei der das Gegenüber noch nicht einmal aus Fleisch und Blut ist? „Gerade Mädchen haben oft bereits einige gebrochene Bindungen hinter sich“, sagt Buschmann (Psychologie B.A.), Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN. Er weiß, dass das „Reden“ mit einer KI sich zunächst leichter anfühlen kann. „Da wird nichts hinterfragt, sondern einfach alles hingenommen. Der Mensch muss sich nicht selbst infrage stellen, muss sein eigenes Verhalten nicht auf den Prüfstand stellen.“
Echte Empathie? Fehlanzeige! Lerneffekte? Ebenso nicht vorhanden. Der Algorithmus antwortet und fragt auf Basis seines Programms. Er fühlt nicht mit, seine Sätze seien vorhersehbar, sagt Buschmann, und würden sich in der nächsten ähnlichen Situation wiederholen. Die Kids würden so in eine Scheinwelt hineingezogen, in der Konflikte nie wirklich gelöst werden. Sie bekommen zwar scheinbar gute Tipps für all ihre Probleme, aber sie werden nicht dazu animiert, sich mit den Ursachen zu beschäftigen.
Ungesunde Schein-Beziehungen
Konkretes Beispiel: Immer mehr junge Menschen leiden unter Übergewicht. Fragen sie einen KI-Chatbot, wie sie abnehmen können, schlägt der ihnen zum Beispiel mehr Sport und gesundes Essen vor. Er wird sie nicht auffordern, zu analysieren, warum sie zu viel essen, was ihnen vielleicht fehlt und wie sie das ändern könnten. Letzten Endes sei die Unterhaltung ein weichgespültes Gespräch, sagt Buschmann. „Es gibt keine echte Diskussion, keine konstruktive Kritik. Werden Kinder dann im echten Leben genau damit konfrontiert, halten sie überhaupt keine Disharmonie mehr aus.“
Die Zahlen der DAK-Studie sind alarmierend: Bis zu zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen wenden sich an Chatbots, um sich von negativen Gefühlen abzulenken, Einsamkeit zu lindern oder vertrauliche Dinge zu besprechen. Besonders dramatisch findet Buschmann, dass 33 Prozent der Meinung sind, ein Chatbot verstehe sie besser als ein Mensch. „Da entstehen scheinbare Beziehungen, die nicht gesund sind, aber durchaus emotional. Und diese führen zu einer noch längeren Nutzungsdauer digitaler Medien.“
Bezeichnend ist für Buschmann die Geschichte von Replika AI, heute eine der bekanntesten Apps unter den KI-Begleitern. Entwickelt wurde diese einst, weil die Gründerin mit ihrem verstorbenen Freund kommunizieren wollte. So schuf sie einen Bot, der als persönlicher Gesprächspartner fungierte und dabei den Verstorbenen imitierte, weil er mit dessen Textnachrichten trainiert worden war. Replika AI lernt aus der Konservation mit jedem Nutzer und passt sich dessen Persönlichkeit an.

Eltern und Lehrer müssen agieren
Eine Kommunikation auf Augenhöhe und mit Ehrlichkeit sehe selbstverständlich anders aus, betont Buschmann. Eltern und Lehrer seien in der Pflicht, den Kindern und Jugendlichen genau das zu bieten – und sie so von den künstlichen „Freunden“ zurück in die echte Welt zu holen. Natürlich werde er in seinen Schul-Workshops oder bei seinen Beratungen in Familien immer wieder gefragt, wie genau die Erwachsenen agieren sollten. Sie sollten die Beziehungen zu ihrem Nachwuchs intensivieren, etwa mit mehr gemeinsamen Unternehmungen. Und sie sollten auf Augenhöhe und nicht von oben herab aufklären, zum Beispiel Fragen diskutieren wie:
- Was ist eigentlich KI und warum kann sie so gut „reden“?
- Welchen Unterschied gibt es zwischen KI und Menschen?
- Was glaubst du, warum KI meist bejahend antwortet?
Zum letzten Punkt könnten Eltern und Kinder zusammen Experimente machen, indem sie einem KI-Chatbot Fragen stellen, wie sie Kinder früher vor allem ihren Freunden gestellt haben. Auf „Verstehst du, dass ich mich echt mies fühle, weil …?“ wird der Bot so gut wie immer vor allem Verständnis äußern. Ein Mensch dagegen kritisiert auch und bestätigt nicht nur. „Und genau das ist für die Entwicklung von sozialer Kompetenz und eigener Persönlichkeit wichtig“, so Buschmann.

Über Florian Buschmann
Florian Buschmann (Psychologie B.A.) ist Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.
