Jonas Eingabe ist präzise und kurz. Er liest die Ausgabe, die ihm sein Lehrer gestellt hat, laut seinem Smartphone vor und ergänzt sie mit einer Bitte: „Eine rasche Antwort wäre nett.“ Die Künstliche Intelligenz ist auch nett und Sekunden später poppt bereits eine Antwort auf dem Bildschirm auf. Wissen über Hintergründe und Zusammenhänge? Fehlanzeige. Jonas vertraut der KI unreflektiert. Und steht daher bei ergänzenden Fragen des Lehrers blank da.
Damit steht Jonas keinesfalls alleine da. Laut der aktuellen medienpädagogischen „JIM“-Studie nutzen bereits drei Viertel aller 12- bis 19-Jährigen KI für ihre Lernaufgaben. Anders als andere technische Meilensteine wie der Taschenrechner oder die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat die KI aber das Zeug, den Schulalltag in kürzester Zeit komplett auf den Kopf zu stellen. Was nicht automatisch in einer kompletten Bildungskatastrophe enden muss, wie Henning Schluß, Professor am Institut für Bildungswissenschaften an der Universität Wien, betont: „Wir werden die KI an den Schulen nicht ausklammern können. Wir müssen den Kindern nur zeitgerecht beibringen, dass durch KI keine Intelligenz entsteht, sondern durch die dahinterstehenden Algorithmen nur Wörter nach Wahrscheinlichkeiten gereiht werden. Zur Beurteilung der Ergebnisse wird es immer menschliche Intelligenz brauchen.“

Schule muss sich neu erfinden
Doch gerade die Gabe der Reflexion ist einem großen Teil der Schülerinnen und Schüler nicht oder nur in geringem Ausmaß gegeben. Das hat auch die OECD festgestellt, die in ihrem aktuellsten Bericht die Auswirkungen der KI auf die Bildung weltweit untersucht hat. In der Türkei, so eine Studie, zeigte sich etwa, dass die Schüler mit Hilfe der KI mathematische Aufgaben zwar deutlich besser lösen konnten, doch dafür die Mathematik dahinter schlechter verstanden
haben als Schüler, die ohne KI-Unterstützung ans Werk gingen. Bei der Prüfung schnitten die KI-nutzenden Schüler um 17 Prozent schlechter ab als ihre selbst denkenden Kollegen. Andererseits zeigt der OECD-Bericht aber auch, dass sich der Lernerfolg mit KI-Hilfe steigern lässt, vorausgesetzt, man setzt sie richtig ein. Das weiß auch Martin Bauer, Chief Digital Officer im Bildungsministerium. Bauer: „Die KI ermöglicht jeder Schülerin und jedem Schüler ganz leicht den Zugang zum weltweit vorhandenen Wissen.
Es geht also an der Schule heute nicht mehr darum, etwas auswendig zu lernen, sondern darum, die Zusammenhänge zu verstehen und selbst mit dem durch KI bereit gestellten Wissen zu Problemlösungen zu gelangen.“
Er teilt daher die teilweise dystopischen Zukunftsvisionen mancher Bildungswissenschaftler nicht, die eine rasante Verdummung der Jugendlichen voraussagen. Bauer: „Ich sehe in der KI eine große Chance, die Schulen positiv zu gestalten. KI kann Lehrerinnen und Lehrern helfen, den Unterricht spannender und besser als jetzt zu gestalten und so mehr Kinder für den Stoff zu begeistern als heute.“ Eine Ansicht, die Bildungswissenschaftler Schluß durchaus teilt, allerdings sieht er durchaus auch die Gefahren: „Wenn die KI das eigene Denken ersetzen soll, ist sie falsch eingesetzt. Wenn sie mich auf Ideen zur Lösung von Problemen bringt, ist sie ein gutes Werkzeug.“ Er rät daher dazu, die KI nicht als digitalen Wunderwuzzi zu verstehen, sondern als Hilfsmittel. Schluß:
„KI ist an Schulen dann gut eingesetzt, wenn sie hilft, etwas zu erklären.“ Das sorge auch für mehr Bildungsgerechtigkeit, denn Kinder, die in ihrem Lebensumfeld niemand haben, der ihnen bei Schulaufgaben hilft, haben so einen immer zur Verfügung stehenden „Nachhilfelehrer“, der ihnen als Tutor hilft, Aufgaben zu lösen. Dabei nimmt die KI Rücksicht auf den jeweiligen Wissenstand des Einzelnen. In Deutschland haben Schüler, die sich vor einer Schularbeit den Lehrstoff über die KI mit der Anmerkung „Erkläre es mir bitte, als wenn ich ein Volksschüler wäre“ erklären ließen, mit Bravour bestanden.

KI-Ausbilduung der Lehrkräfte
Dringend gefragt ist allerdings die KI-Ausbildung der Lehrkräfte, damit sie zumindest ansatzweise mit dem Eifer ihrer Schüler bei der KI-Nutzung mithalten können. Bauer: „Jedes neue KI-Tool, das auf den Markt kommt, wird von den Schülerinnen und Schülern sofort mit Begeisterung verwendet und in den Schulalltag eingebaut. Daher ist das Thema KI in Österreich bei der Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals inzwischen zu einem fixen Bestandteil geworden.“
Dabei steht der Bereich Medienbildung im Mittelpunkt. Die Jugendlichen sollen lernen zu hinterfragen, vom wem die jeweilige KI mit welchem Ziel auf den Markt gebracht worden ist. Bauer hat dafür ein gutes Beispiel: „Während des Unterrichts werden KI-Applikationen mehrerer Anwender nach dem Begriff China und Taiwan gefragt, darunter auch das chinesische Deep Link.
Während die meisten KI-Tools die beiden als eigenständige Länder führen, ist es für das chinesische Tool ein Land, denn China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, den zurück ins Stammland geführt werden muss. Hier hat das Lehrpersonal dann die Möglichkeit, in einer gemeinsamen Diskussion en Schülern mehr über die unterschiedlichen politischen Systeme und den historischen Hintergrund des China-TaiwanKonflikt zu erklären.“
Eigenverantwortung fördern
Eines kann die Schule aber auf keinen Fall: das Elternhaus und die Eigenverantwortung der Jugendlichen im Umgang mit KI ersetzen. Bauer: „Zu den wichtigsten Aufgaben der Schule zählt heute, dass sie den Schülern und auch den Eltern klar macht, dass sie Verantwortung für sich selbst und ihren Bildungserfolg übernehmen müssen.“ Wer sich nur auf die KI verlässt, wird letztendlich keinen Lernerfolg erzielen, da dieser erst durch das eigene Scheitern und den neuerlichen Versuch entsteht. Ein Ansatz, den auch Bildungswissenschaftler Schluß begrüßt: „Das Hinterfragen der Ergebnisse, die mit Hilfe der KI erzielt werden, ist eine ganz wichtige Kompetenz fürs Leben. Schüler müssen lernen, nicht jedes Ergebnis als ultimative Wahrheit anzunehmen, sondern es immer kritisch zu hinterfragen.“
Die Eltern sollten dabei als Beispiel vorangehen und ihr eigenes Medienverhalten entsprechend anpassen.
