Medienexperte Florian Buschmann warnt: Hinter Wörtern wie „sus“, „AFK“ oder „lock in“ stecken nicht nur skurrile Jugendabkürzungen – sie können Warnsignale für eine entstehende Gaming-Sucht sein. Doch Erwachsene überhören sie meist.
Wenn Eltern beim Abendessen plötzlich Sätze hören wie „Bin mal kurz AFK“, „Du bist sus, Mama“ oder „Cooked, bro“, reagieren viele zunächst ähnlich. Sie nicken verständnisvoll und denken sich insgeheim: „Solange mein Kind überhaupt noch mit mir redet, ist alles in Ordnung.“ Genau darin liegt jedoch das Problem. Hinter diesem vermeintlich harmlosen Jargon können sich klare Warnsignale für eine beginnende oder bereits ausgeprägte Gaming-Sucht verbergen.
Aus mehr als 1.500 Workshops an Schulen mit über 50.000 Teilnehmenden weiß Medienexperte Florian Buschmann, Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN, wie groß die Kluft zwischen den Generationen inzwischen ist. „In fast jedem Workshop kommen wir mit Lehrkräften ins Gespräch, und dabei zeigt sich immer wieder, dass auch sie oft nicht wissen, wovon die Kinder und Jugendlichen reden. Sie kennen weder die aktuell angesagten Apps noch die Bedeutung von Begriffen wie ‚AFK‘ oder ‚yapping‘. Das ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Verständnisproblem.“
Wie sehr die Gaming-Sprache den Alltag inzwischen prägt, merkt Buschmann auch an sich selbst. „Ich ertappe mich manchmal dabei zu sagen: ‚Ich bin dann mal AFK‘, wenn ich eine Pause mache. Das zeigt, wie tief diese Sprache mittlerweile einsickert. Aber zu glauben, man könne als Lehrkraft oder Elternteil durch bloße Imitation automatisch auf Augenhöhe mit Jugendlichen sein, ist eine Illusion. Wer als Erwachsener krampfhaft Sätze sagt wie ‚okay, gig gastro is great‘, wird ausgelacht – und das zu Recht.“
AFK“ – wenn das Kind sich systematisch entzieht
„AFK“ steht für „Away from keyboard“ und meint eigentlich eine kurze Pause beim Spielen. Verdächtig wird das Wort, wenn ein Kind es überall einsetzt: beim Mittagessen, beim Spaziergang, beim Familiengespräch. „Aus ‚kurz AFK‘ wird ein Modus, in dem reale Begegnungen als störende Unterbrechung empfunden werden“, so Buschmann. „Die digitale Welt wird zur Hauptbühne, die reale zur Pause.“
„No life“ – die gefährliche Selbstdiagnose
Besonders alarmierend ist der Begriff „no life“, den Jugendliche in Gaming-Communities oft als zweifelhafte Auszeichnung benutzen – als Beweis dafür, dass sie alles dem Spiel unterordnen. „Wer von sich sagt, er habe ‚no life‘, akzeptiert damit, dass Schule, Freunde, Familie und Hobbys hinter dem Spiel zurücktreten“, warnt Buschmann. „In der Suchtforschung gilt diese Identifikation mit dem Verhalten als zentrales Frühwarnzeichen – vergleichbar mit der Selbstbezeichnung als ‚Säufer‘ im Alkoholkontext.“

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„Sus“ – wenn Misstrauen zur Standardbrille wird
Ein Wort, das viele Eltern besonders unterschätzen, ist „sus“ – kurz für „suspicious“, also verdächtig. Eigentlich stammt es aus dem Spiel „Among Us“ und beschreibt einen unter Verdacht stehenden Mitspieler. Doch zunehmend wird es auf das echte Leben übertragen: Die Mutter, die nach den Hausaufgaben fragt, ist „sus“. Der Lehrer, der eine schlechte Note gibt, ist „sus“. Sogar Freunde, die nicht mehr ständig erreichbar sind, sind plötzlich „sus“.
„Wenn Kinder anfangen, ihre Umwelt grundsätzlich misstrauisch zu lesen, hat sich etwas verschoben“, erklärt Buschmann. „In Spielen ist Misstrauen ein nützliches Werkzeug. Im echten Leben führt es zu Isolation. Wer alle für ‚sus‘ hält, schneidet sich systematisch ab – und sucht Sicherheit dort, wo die Regeln klar sind: im Spiel.“
„Lock in“ – wenn der Tunnelblick zum Dauerzustand wird
Aktueller und scheinbar harmloser wirkt „lock in“ – sinngemäß: sich konzentrieren, sich reinhängen. Doch wenn Kinder den Begriff ständig auf alles anwenden, was außerhalb des Spiels stattfindet, sagt er eher das Gegenteil aus. „Wer wirklich ‚locked in‘ im Spiel ist, schaltet alles andere aus: Hunger, Müdigkeit, Familie, Schule“, erläutert Buschmann. „Was wie ein Lob für Disziplin klingt, beschreibt in Wahrheit oft einen pathologischen Tunnelblick.“
„Cooked“, „yapping“ und „mogged“ – die Sprache der Abwertung
Mindestens genauso vielsagend ist die Art, wie Kinder über das reale Leben sprechen. Wer „cooked“ ist, hat verloren oder ist fertig. Wer „yappt“, redet zu viel und Uninteressantes – eine typische Beschreibung für ein Gespräch mit den Eltern. Wer „mogged“ wird, ist von jemand anderem in Statusfragen niedergerungen worden.
„Diese Sprache ist mehr als Slang, sie ist eine Bewertungslogik“, sagt Buschmann. „Wenn das Familienessen ‚yapping‘ ist, der Lehrer ‚cooked‘ wirkt und ein Mitschüler einen ‚mogged‘, beschreibt das Kind keine Stimmung. Es übersetzt sein Leben durch eine Linse, die menschliche Beziehungen entwertet und Hierarchie über alles stellt.“
„Sweat“ – wenn aus Spiel verbissene Arbeit wird
Ursprünglich beschreibt „sweat“ („schwitzen“) jemanden, der besonders ehrgeizig spielt. In Online-Spielen ist „sweaty“ zweischneidig: Anerkennung für Können und gleichzeitig Hinweis auf Zwanghaftigkeit. Buschmann beobachtet in Workshops häufig Kinder, die nach einer Niederlage stundenlang nicht ansprechbar sind: „Wenn ein Kind beim Spielen körperlich schwitzt, verkrampft sitzt oder Aggressionen zeigt, ist das kein Hobby mehr. Es ist ein Stresszustand, der Hirn und Körper in den Daueralarm versetzt.“
Was Eltern und Lehrkräfte konkret tun sollten
Der erste Schritt ist laut Buschmann nicht das Verbot, sondern das Verstehen. „Wer die Begriffe kennt, kann gezielt nachfragen, statt zu ignorieren. Im zweiten Schritt kommt es auf die Reaktion an. Wenn ein Kind von sich sagt, es habe ‚no life‘, oder die eigene Mutter als ‚sus‘ bezeichnet, ist das kein Moment zum Schmunzeln. Genau dann gilt: ernst nehmen, einordnen, in die Familie zurückholen.“ Im dritten Schritt helfe die Kontextfrage: Mit wem spielt das Kind, auf welchen Plattformen, welche Gruppendynamik herrscht dort?
Eltern und Lehrkräfte müssen die Sprache nicht selbst sprechen, sie müssen sie nur entschlüsseln können. „Es geht nicht darum, dass eine Lehrkraft im Unterricht ‚Bro, no cap, lock in‘ sagt“, betont Buschmann. „Es geht darum zu erkennen, wann ein Wort eine Pause beschreibt – und wann es das echte Leben zur Pause erklärt.“

Über Florian Buschmann
Florian Buschmann (Psychologie B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.
