INTERVIEW: Sophia Pawisa
Viele Eltern möchten ihre Kinder liebevoll begleiten, ihre Bedürfnisse ernst nehmen und eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufbauen. Gleichzeitig wissen sie, dass Kinder Orientierung und klare Regeln brauchen.
Gerade hier entsteht aber oft Unsicherheit: Wie klar darf ich sein, ohne zu streng zu werden? Muss ich eine Grenze wirklich halten, auch wenn mein Kind traurig ist? Und wann darf ich eine Ausnahme machen? Die gute Nachricht: Liebe und Grenzen sind kein Gegensatz. Kinder brauchen beides.
Warum Grenzen Kindern Sicherheit geben
Verlässliche Regeln helfen Kindern, sich im Familienalltag zurechtzufinden. Sie geben Struktur und schaffen einen Rahmen, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen können. Wenn Mama und Papa Grenzen verlässlich einhalten, müssen Kinder nicht ständig neu herausfinden, was gilt. Sie können sich darauf verlassen, dass ihre Eltern auch morgen ähnlich reagieren werden. Das schafft Orientierung und entlastet.
Warum Eltern heute besonders verunsichert sind
Eltern sind heute mit einer enormen Fülle an Erziehungsinformationen konfrontiert. Besonders in den sozialen Medien finden sich unzählige Ratschläge dazu, wie „richtiges“ Elternsein aussehen soll. Hinzu kommen Bilder von scheinbar perfekten Familien, bei denen es immer harmonisch zugeht, die Kinder problemlos kooperieren und Eltern jederzeit geduldig und verständnisvoll reagieren.
Das kann verunsichern: Warum gibt es bei uns so viele Diskussionen? Warum wird mein Kind so wütend? Mache ich etwas falsch?
Auch Aussagen wie „Du musst immer in Verbindung bleiben“ können dazu führen, dass Eltern glauben, jede Entscheidung erklären und jedes negative Gefühl ihres Kindes auflösen zu müssen. Aber Kinder ernst zu nehmen bedeutet nicht, dass jede Grenze verhandelbar sein muss. Ein Kind darf traurig sein, wenn es keine Süßigkeiten mehr bekommt. Es darf wütend werden, weil es Zähne putzen soll, und sagen, dass es die Regel doof findet. Die Gefühle des Kindes dürfen da sein. Aber die Entscheidung der Eltern bleibt bestehen.

Klarheit statt ständiger Diskussion
Liebevolles Grenzen setzen beginnt nicht erst in der konkreten Situation. Es beginnt damit, dass Eltern sich vorher gemeinsam fragen: Welche Regeln sind uns wirklich wichtig? Wo möchten wir nicht ständig neu verhandeln?
Je klarer Eltern selbst sind und je eher sie an einem Strang ziehen, desto leichter können sie ihrem Kind Orientierung geben. Dabei muss eine Grenze nicht laut oder drohend formuliert werden. Ein ruhiges „Ich weiß, du hättest gern mehr Süßigkeiten, aber du hattest heute schon genug.“ kann ausreichen.
Konsequenz bedeutet dabei nicht Härte. Sie bedeutet Verlässlichkeit. Wenn Eltern „Nein“ sagen und fünf Minuten später aus Erschöpfung doch nachgeben, wird die Situation für beide Seiten anstrengender. Das Kind lernt: Ich muss nur lange genug fragen, weinen oder protestieren und Mama und Papa geben nach. Das führt schnell zu einem kräftezehrenden Teufelskreis aus endlosen Diskussionen, Machtkämpfen und Dauerstreit. Eltern dürfen ihre Meinung natürlich ändern oder eine Ausnahme machen. Entscheidend ist, dass sie das bewusst tun und nicht nur, weil der Protest gerade zu anstrengend geworden ist.
Grenzen brauchen Selbstregulation
Klare Grenzen lassen sich am besten ruhig und bestimmt setzen. Gerade wenn Kinder protestieren, wütend werden oder immer weiter diskutieren, hilft es, selbst möglichst gelassen zu bleiben. Genau das ist im Familienalltag aber eine echte Herausforderung. Zwischen Zeitdruck, Arbeit, Haushalt, Terminen und den vielen kleinen und großen Anforderungen des Familienlebens liegen die Nerven manchmal blank. Dann kann aus einem harmlosen „Ich will aber nicht!“ schnell der Moment werden, in dem auch bei uns der Geduldsfaden reißt.
Selbstregulation bedeutet deshalb nicht, jederzeit vollkommen entspannt zu bleiben. Es bedeutet, die eigene Anspannung wahrzunehmen und möglichst handlungsfähig zu bleiben. Denn wenn wir selbst laut werden oder in einen Machtkampf einsteigen, geht es plötzlich nicht mehr um die eigentliche Grenze, sondern darum, wer sich durchsetzt.
Manchmal hilft deshalb schon ein kurzer Moment, bevor wir reagieren: einmal tief durchatmen, die Stimme bewusst ruhig halten und sich daran erinnern, was eigentlich die eigene Grenze war. Eine Grenze wird nicht dadurch klarer, dass wir sie lauter aussprechen. Sie wird klarer, wenn wir selbst wissen, was gilt und dazu stehen können.

Wenn Eltern sich nicht einig sind
Auch zwischen den Eltern kann das Thema Grenzen für Konflikte sorgen. Das eine Elternteil sagt „Nein.“, kurz darauf sagt das andere: „Na gut.“ Für Kinder wird dadurch schnell unklar, was eigentlich gilt. Gleichzeitig lernen sie aus ihren Erfahrungen sehr genau, bei welchem Elternteil eine Grenze eher verhandelbar ist.
Das bedeutet nicht, dass Eltern in jeder Situation gleich reagieren oder jede Entscheidung gemeinsam treffen müssen. Unterschiedliche Meinungen gehören zum Familienleben dazu. Wichtig ist vielmehr, dass die grundlegenden Regeln und Grenzen innerhalb der Familie klar sind und beide Elternteile diese grundsätzlich mittragen. Denn Kinder können sich nur dann zuverlässig an einem Rahmen orientieren, wenn dieser für sie vorhersehbar ist. Wenn heute etwas verboten ist und morgen plötzlich erlaubt, weil das andere Elternteil anders entscheidet, müssen sie immer wieder neu herausfinden, was gerade gilt. Das schafft nicht mehr Freiheit, sondern vor allem Unsicherheit. Grenzen zu setzen bedeutet deshalb nicht, die Freiheit der Kinder möglichst einzuschränken. Es bedeutet, ihnen einen verlässlichen Rahmen zu geben, innerhalb dessen sie sich sicher bewegen können.
SOPHIA PAWISA
ist Kindheitspädagogin (B.A.),
Familienberaterin & Referentin



