Kannst du bitte den Müll runtertragen und die Pfandflaschen zum Recycling bringen? Es gibt gleich Abendessen – kann wer den Tisch decken und noch ein Gurkenglas aus dem Keller holen? Die Waschmaschine hat gepiepst – häng doch bitte die Wäsche auf! Wir brauchen dringend Milch und Brot – wer hupft schnell zum Supermarkt? Die Liste an kleinen Aufgaben, die anfallen, wenn mehrere Menschen gemeinsam unter einem Dach leben, ließe sich beliebig fortführen. Wer Familie hat, weiß: So ein Haushalt ist im Grunde ein Fulltime-Job mit unzähligen Handgriffen, die nicht von alleine passieren. Ob Ordnungmachen, Wegräumen, Einkaufen, Saubermachen, Kochen bis hin zu kleineren Reparaturen: Es sind nicht die Heinzelmännchen, die daheim im Stillen alles erledigen, sondern in der Regel die Eltern. Genau genommen meistens die Mütter. Aber es soll hier nicht um die ungerechte Verteilung von Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen gehen, sondern darum, wie man innerhalb der Familie Tätigkeiten für den Haushalt fair zwischen Eltern und Kindern aufteilt. Freilich dem Alter entsprechend – und natürlich so, dass Buben genauso zum Zug kommen wie Mädchen. Denn wer schon früh vermittelt, dass Haushalt alle angeht, erzieht ganz nebenbei auch gegen klassische Rollenklischees. Aber das nur am Rande …

Hilfe Haushalt! Der tägliche Kampf um ein paar Handgriffe
„Bevor ich lange herumdiskutieren muss, erledige iches lieber selbst“, sagt Birgit, Mutter von zwei Burschen im Alter von 10 und 13. Es ist nachvollziehbar, dass viele Eltern so denken. Weil es frustrierend und zeitraubend sein kann, wenn man Kinder ständig ermahnen muss. Wenn man ihnen dauernd hinterherräumen muss, weil sie selbst keinen Finger rühren wollen, während vieles auch noch als selbstverständlich angesehen wird. Wenn das oft unter Zeitdruck und doch mit Hingabe gekochte Essen in Windeseile runtergeschlungen wird, ohne den Teller danach in Richtung Abwasch zu bewegen. Oder das Bad so hinterlassen wird, dass gleich ein ganzer Putztrupp anrücken müsste. Ganz zu schweigen von den Bergen an Schmutzwäsche, die schon wieder nicht ihren Weg in den Wäschekorb gefunden haben. Viele Eltern fragen sich, warum es diese leidigen Kämpfe, die mehr Zeit und Nerven in Anspruch nehmen als die Tätigkeit selbst, überhaupt gibt – und wie man aus der Nummer rauskommt? Für Erziehungswissenschaftlerin Heike
Podek beginnt das Problem in vielen Fällen damit, dass Eltern sich erwarten, dass ihre Kinder von sich aus mithelfen und weil die Kinder das aber nicht tun, entstehen Frust und Enttäuschung. „Vielfach signalisieren Eltern stillschweigend, dass sie Hilfe erwarten, wodurch eine permanent angespannte Grundstimmung entsteht, bei der sich die Kinder aber nicht wirklich auskennen“, sagt Eltern-Coach Podek. Was die Bereitschaft zur Mithilfe ebenfalls bremse: „Oftmals behandeln Eltern ihre Kinder als Gäste, indem ihnen jeder Handgriff abgenommen wird“. Mithilfe wird dann schnell als etwas wahrgenommen, das andere für einen erledigen – und damit auch weniger als selbstverständlicher Teil des gemeinsamen Familienlebens.
In ihrer Beratungspraxis macht Podek außerdem immer wieder die Erfahrung, wie schwer es vielen Eltern falle, eigene Bedürfnisse so zu formulieren, dass sie bei den Kindern auch ankommen. „Manche Eltern sind verunsichert darüber, welche Forderungen sie überhaupt an ihre Kinder stellen dürfen. Dabei brauchen Kinder Orientierung und klare Botschaften, damit sie verstehen, was konkret von ihnen erwartet wird“. Besonders kontraproduktiv in Bezug auf das Mithelfen, jedoch vielfach praktiziert, sei „ein unbewusster, emotionaler Tauschhandel“ – so nach dem Motto: Ich hab’ dich erst lieb, wenn du mir hilfst! „Liebe und Zuneigung sollten keinesfalls an Bedingungen geknüpft sein bzw. eine Gegenleistung für erwünschtes Verhalten sein“, betont Heike Podek.

Ich will mithelfen! Wie die kleinkindliche Lust zur Unlust wird
Ein bisschen gemein ist es schon. Jüngere Kinder sind oft noch mit ganz viel Ehrgeiz dabei, uns bei alltäglichen Tätigkeiten zur Hand zu gehen. Es ist eine wahre Freude, Zweijährigen bei ihren engagierten, jedoch ziemlich ungelenken Saubermach-Versuchen zuzuschauen, auch wenn man insgeheim weiß: „Das dauert jetzt alles viel länger und ich muss nachher ohnedies noch einmal drüber wischen“. Mit neun oder elf Jahren sind die Kinder dann endlich in einem Alter, in dem sie schmutziges Gewand zielsicher in die Waschtrommel stopfen können und Jacken nicht mehr verkehrt herum auf Kleiderbügel hängen. Nur hapert es dann mit der Bereitschaft und wir fragen uns: Wo ist diese kleinkindliche Lust fürs Mitanpacken hin – und was haben wir bloß falsch gemacht? Erziehungsexpertin Heike Podek beruhigt: „Hopfen und Malz sind keinesfalls verloren. Die ablehnende Haltung ist ganz typisch, weil die Kinder in dem Alter einfach tausend andere Dinge im Kopf haben, die sie gerade lieber tun als zu helfen – und weil auch beinahe alles lustiger, spannender und auch lehrreicher ist als der Haushalt“. Was Eltern ganz oft übersehen: „Bei der Mithilfe daheim geht es nicht um Lust oder Unlust. Lust ist in diesem Zusammenhang gar nicht notwendig“. Dass Ordnungmachen & Co. für die allermeisten Kinder alles andere als attraktiv sind,
trifft ehrlicherweise wohl auch auf die meisten Erwachsenen zu. „Im besten Fall lassen sich Aufgaben finden, die dein Kind lieber übernehmen mag als andere“, bekräftigt Podek. Klingt vernünftig, aber irgendwie auch wenig zufriedenstellend. Wie bringt man Kinder – vor allem pubertierende Teenager, die ohnehin bei vielem Widerstand leisten – dazu, ihren Teil beizutragen?

Mein Beitrag zählt: Kinder übernehmen Verantwortung für das Miteinander
„Kinder sollten häusliche Tätigkeiten nicht der reinen Pflichten wegen erfüllen. Ich halte es für wichtig und gesund, wenn Kinder erleben, dass sie einen wertvollen Beitrag für die Gemeinschaft leisten“, ist Heike Podek überzeugt. Das gäbe ihnen das Gefühl, wertgeschätzt und wichtig zu sein – ein Bedürfnis, das alle Menschen haben. „Indem man Verantwortung für sich und das Miteinander übernimmt, erfahren Kinder, dass Liebe nicht nur nehmen, sondern auch geben bedeutet“. Insofern könne man laut Podek von 15-jährigen Teenagern durchaus verlangen, dass sie selbst für ihre Dinge verantwortlich sind: Kleidung waschen, trocknen und gegebenenfalls bügeln, schulische Aufgaben eigenständig erledigen sowie Termine koordinieren, Zimmer sauber halten, ebenso wie die eigene Mobilität selbst organisieren. Dazu kommen Tätigkeiten, die der Familie als Gemeinschaft zugute kommen. „Eltern sollten klar entscheiden, wie sich die Mithilfe der Kinder daheim gestalten soll. In der Regel passen sich Kinder nach kurzer Zeit neuen Gegebenheiten ohne große Probleme an“, verdeutlicht Erziehungswissenschaftlerin Podek. Es seien oft eher die Eltern, die sozusagen „einknicken“, wenn plötzlich wieder Taxifahrten angeboten werden, obwohl das Kind längst alleine mit dem Bus fahren kann oder frisch gebügelte T-Shirts in Schränke geschlichtet werden, weil man als Elternteil dann das Gefühl hat, noch „gebraucht“ zu werden. „Väter und Mütter sollten sich andere Möglichkeiten überlegen, wie sie Fürsorge und Liebe ihren Kindern gegenüber zum Ausdruck bringen“, stellt Podek klar. Denn irgendwann sollte auch im „Hotel Mama“ der Check-out anstehen: Wer Kindern Verantwortung zutraut und sie loslässt, ermöglicht ihnen, selbstständig zu werden – und verhindert, dass beide Seiten dauerhaft in der Fürsorgeschleife hängen bleiben.

So klappt es mit der Mithilfe
KLAR ÄUSSERN, WAS EINEM WICHTIG IST
Nicht hoffen, dass Kinder von selbst sehen, was zu tun ist. Überlegen, wo ich als Vater oder Mutter tatsächlich Unterstützung brauche. Konkret formulieren, welche Tätigkeiten anfallen und Kinder – wo möglich – auch mitentscheiden lassen, was sie davon übernehmen können.
MITHILFE IST KEIN GEFALLEN
Hilfe im Haushalt ist kein Gefallen, den Kinder ihren Eltern tun. Es sollte vielmehr vermittelt werden, dass alle ihren Teil zum Familienalltag beitragen sollen.
KLARE ZUSTÄNDIGKEITEN HELFEN
Wer für etwas verantwortlich ist, weiß, dass es regelmäßig zu erledigen ist. Bei mehreren Kindern muss nicht alles exakt gleich verteilt sein: Man kann auch schauen, wem welche Tätigkeiten besser von der Hand gehen.
BUBEN UND MÄDCHEN GLEICH VIEL ZUTRAUEN
Von Aufräumen bis Müll raustragen: Aufgaben sollten nicht vom Geschlecht abhängen, denn Rollenklischeessetzen sich bereits früh fest. Alle Kinder sollten unterschiedliche Tätigkeiten kennenlernen – von Kochen bis Reparieren.
NICHT STÄNDIG ALLES ABNEHMEN
Auch wenn es schneller und ordentlicher geht: Was Kinder bereits können, sollten sie auch selbst erledigen. Selbstständigkeit entsteht nur, wenn Kinder Verantwortung übernehmen dürfen. Fünfmal auffordern und dann doch selbst machen, ist widersprüchlich.
WIDERSTAND AUSHALTEN
Auf die Frage „Warum soll ich das machen?“ klar antworten: „Weil du Teil unserer Familie bist und wir möchten, dass du deinen Beitrag leistest.“ Bei Widerstand möglichst ruhig bleiben, an Vereinbarungen festhalten – und nicht nach dem dritten „Keine Lust!“ selbst einspringen.


