Text: Isabella Sodoma-Enz
Diese Behauptung kann ich als Insiderin- Volksschullehrerin und Beratungslehrerin an bis zu 15 Schulen – untermauern. Die Kurzfassung: Immer mehr Schülerinnen und Schüler zeigen kognitive und psychosoziale Entwicklungsrückstände, die in der Schule meistens nicht ausgeglichen werden können. Dazu unpassende Rahmenbedingungen wie gesetzliche Vorgaben, unzureichende Aus-und Weiterbildung von Lehrer/innen und fehlende Elternbildung, ein nicht zeitgemäßer Lehrplan und eingeschränkte Ressourcen, ergeben einen anstrengenden, oft überfordernden Schulalltag.
Diese Überforderung aller Betroffenen findet oft ein lautstarkes Entladen in der Klasse und eskaliert immer öfter auch mit Eltern. Hilflosigkeit, gegenseitige Vorwürfe und Schuldzuweisungen belasten immer mehr Klassensituationen massiv.
Überforderung ist Programm
Wie konnte es so weit kommen? Aus meiner Sicht steckt des Pudels Kern in unserer soziokulturellen gesellschaftlichen Entwicklung. Angetrieben von einer digitalen Transformation, der rasantesten, nach allen Lebensbereichen greifenden Entwicklung der Menschheitsgeschichte, erwachsen Kinder mit anderen Entwicklungsvoraussetzungen und Bedürfnissen. Doch wir alle schwimmen mitten in diesem Entwicklungsstrom. Je jünger, desto intensiver die Auswirkungen auf Verhalten, Einstellungen, Werte, Bedürfnisse und Lebensweise. So schnell haben Veränderungen noch nie stattgefunden – Überforderung ist Programm.
Wissenschaftler/innen tragen den Homo Sapiens bereits zu Grabe und definieren eine neue Spezies, den Homo Digitalis, der sich vor allem über unsere Kinder manifestiert. Sie sind in die digitalisierte Welt hineingeboren und tragen ihre Symptome in sich. Kinder haben keine freie Wahl, ob sie das wollen oder nicht. Ihre Spiegelneurone funktionieren wie ein Schwamm, der alles aus ihrem Umfeld aufsaugt und neuronal speichert. Was nicht da ist, fehlt dann natürlich auch im neuronalen Netzwerk des Kindes. Zum Beispiel: Lernen sie schon als Baby, dass digitale Geräte wichtiger sind als sie selbst, dann entstehen keine oder zu wenige neuronale Verbindungen für liebevolle Nähe, Aufmerksamkeit und Vertrauen. Und wie wirkt sich das auf die psychosoziale Entwicklung des Kindes aus?

Ohne Eltern funktioniert Bildung nicht
Die einzige Chance auf bewussten Schutz und Förderung liegt in den Händen der Eltern. Sie haben als Erwachsene die Fähigkeit, frei und bewusst zu entscheiden, was der neuronale Schwamm ihrer Kinder in der Familie aufsaugt, sie können sozusagen das Angebot steuern. Eine unglaublich fordernde Aufgabe, die oft überfordert. Eltern sein ist kein gemütlicher Spaziergang, Kind sein auch nicht und Lehrer/in sein ebenfalls nicht. Tatsache ist, unsere Volksschule ist, genauso wie andere Systeme, überfordert. Sie kann nicht im Alleingang gesellschaftssystemisch produzierte Entwicklungsveränderungen ausgleichen, obwohl das immer wieder verlangt wird. Es braucht ganzheitliche Lösungen – systemisches und demokratisches Denken und Handeln ist gefragt, genauso wie ein starker Wille, Mut und Entschlossenheit. Kein Platz frei für Tauziehspiele, Schuldzuweisungen oder Flickwerk.
Entwicklungsrückstände bei Kindern steigen laufend an
Die Volksschule ist das Sammelbecken aller Kinder in dieser Altersgruppe, ausgenommen Schwerstbehinderte. Das Dilemma beginnt bereits mit kontinuierlich ansteigenden Entwicklungsrückständen von Kindern bei Schuleintritt in den Bereichen: Sprache, Sprachverständnis, Zahlenauffassung, Aufmerksamkeit, Motivation (Null Bock Mentalität), mangelnde oder fehlende Impulssteuerung und niedrige Frustrationsgrenzen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen im Volksschullehrplan bzw. in den approbierten Schulbüchern. Das Ergebnis: Lernprozesse finden bei immer mehr Kindern eine wackelige Aufbaubasis – Entwicklungsrückstände fordern ihren Tribut – und werden zusätzlich noch ständig unterbrochen. Warum? Weil Impulse wie plötzlich ein Hund sein zu wollen und auf allen Vieren durch die Klasse zu laufen und zu bellen, oder einem Mitschüler die Federschachtel von Tisch zu schmeißen, spontan ausgelebt werden. Regeln und Grenzen oder gewaltfreie Kommunikation zu erarbeiten geht bei zu vielen Kindern ins Leere, greifbare Konsequenzen ihres Handelns sind praktisch rechtlich nicht möglich.
Die angeblich so tolle Inklusion bedeutet oft nur ein undifferenziertes Abschieben neurodivergenter Kinder ohne professionelle Hilfe in eine Regelklasse, mit nur einer Lehrperson ohne sonderpädagogische oder spezifische Ausbildung und über 20 Mitschüler/innen. Alle leiden, einschließlich das Inklusionskind, das hilflos im Stich gelassen wird. Nicht geglückte Integration von Kindern mit anderer Erstsprache als Deutsch erschweren Lernen und Klassenresonanz. Notengebung und Hausübungen erzeugen Druck, der sich in alle Richtungen entlädt und dabei bleibt das Zuhause nicht verschont. Insgesamt eskalieren Situationen in Klassen und mit Eltern öfter als je zuvor. Das Dilemma nimmt seinen zerstörerischen Lauf…

In meinem Buch „Das Volksschuldilemma“ bieten eine reale Schulklasse, in der Kinder, Eltern und Lehrerin zu Wort kommen und viele reale Beispiele aus dem Schulalltag, echte Einblicke. Lösungsimpulse sollen Anreiz schaffen und Hoffnung vermitteln. Doch Hoffnung allein genügt nicht. Suchen wir doch einen gemeinsamen Weg, Eltern und Lehrer/innen Hand in Hand, die Volksschule neu zu gestalten – demokratisch, konstruktiv und entschlossen. Immerhin geht es um unser höchstes Gut, unsere Kinder.
