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Home » „Zum Lesen kommen Kinder nicht durch Druck, sondern aus Freude“
Bildung

„Zum Lesen kommen Kinder nicht durch Druck, sondern aus Freude“

Johanna RachingerVon Johanna RachingerMärz 30, 20184 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Sie war Geschäftsführerin des größten Buchverlags des Landes, seit 2001 ist Johanna Rachinger Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek: Wie sich Bücher im digitalen Medienangebot behaupten können.

Sie sind ein „Gasthauskind“ und wuchsen mit mehreren Geschwistern am Land auf. Wie haben Sie als Kind zum Lesen gefunden?
Meine Eltern haben das Lesen bei uns Kindern von Anfang an sehr stark gefördert, was damals in meinem sozialen Umfeld durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Sie waren Vorbilder, weil sie selbst gerne gelesen haben. Bücher hatten in unserer Familie einen besonderen Stellenwert. Ich hatte das Glück, in einem an Bildung interessierten Elternhaus aufzuwachsen und auf engagierte Lehrer zu stoßen, die die Freude am Lernen gefördert haben.

„Das entscheidende Stichwort ist ‚Interesse wecken‘“

Hatten Sie ein Lieblingsbuch?
„Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren war mein Lieblingsbuch. So stark und selbstbestimmt wie Pippi wollte ich immer werden.

War absehbar, dass Bücher zu Ihrem Beruf werden würden?
Meine Interessen waren schon immer vielfältig. Da ich eine Handelsakademie besucht habe, war mein geisteswissenschaftliches Studium nicht direkt vorgezeichnet. Die Freude an Neuem, an der Welt, an Wissen ganz allgemein war aber stets da.

Lesen Kinder heute zu wenig (Bücher)? Und woran liegt das allenfalls?
Das digitale Medienangebot für Kinder ist heute enorm groß, seien es Smartphones, Apps, Internet, Computer oder Onlinespiele. Das traditionelle Buch muss sich in diesem zunehmend komplexen Umfeld behaupten. Damit Kinder gerne lesen, ist die Vorbildwirkung von Eltern und die Freude am gemeinsamen Lesen und Vermitteln von großer Bedeutung.

Welche Vorteile hat das Buch?
Wichtig ist, dass Kinder überhaupt lesen, Interessen entwickeln und verfolgen und sich geistig weiterentwickeln. Ich möchte daher die unterschiedlichen Medienzugänge nicht negativ bewerten, allerdings ist eine altersadäquate Nutzung notwendig. Eine Gefahr sehe ich allerdings darin, dass neue Medien zu exzessiv genutzt werden. Das Lesen als wichtigster Schlüssel zur sprachlichen Kompetenz ist weiterhin ein wesentlicher Faktor.

Schule oder Eltern: Wessen Einfluss ist wichtiger?
Ich denke, es ist primär die Verantwortung des Elternhauses, solche Entwicklungen sehr sensibel zu steuern. Die Schule ist natürlich ebenfalls gefordert, den kindgerechten Umgang mit neuen Medien zu unterstützen.

Welche Rolle spielen dabei Bibliotheken?
Bibliotheken spielen eine wichtige Rolle als Orte der Informationsvermittlung, als soziale Treffpunkte und auch als Orte der Integration. Noch vor 40, 50 Jahren waren Bibliotheken ein wichtiger Zugang zum Wissen. Heute hat sich die Situation durch das Internet und die Mengen an digital verfügbarer Information sehr stark verändert. Bibliotheken müssen sich daher um neue attraktive Angebote bemühen.

Es gibt in den Schulen Bibliotheken und viele andere Hilfsmittel, die zum Lesen anregen sollen. Was kann man noch machen?
Ich glaube, das entscheidende Stichwort hier ist „Interesse wecken“. Zum Lesen kommen Kinder nicht durch Druck oder Zwang, sondern nur, wenn es Freude macht. Wenn sie beginnen, sich für ein Thema wirklich zu interessieren, dann läuft alles von selbst. Wer den ersten „Tom Turbo“-Band verschlungen hat, will noch mehr davon.

Macht vielleicht das (heute oft fehlende) haptische Erlebnis einen Unterschied?
Für mich ist das so, ich möchte das haptische Erlebnis des Buches nicht missen, für die Generation der Digital Natives gilt das vielleicht aber nicht mehr. Relevant ist nicht so sehr, auf Papier gedruckte Bücher zu lesen, sondern überhaupt zu lesen und sich intellektuell weiterzuentwickeln.

Werden Bibliotheken irgendwann ausschließlich Buchmuseen sein?
Wir stehen in einer sehr raschen Entwicklung dahin, dass immer mehr Information online über das Internet verfügbar ist. Das hat unbestritten enorme Vorteile. Natürlich geht damit die Benutzung der traditionellen Bücher, Zeitschriften und Zeitungen in Bibliotheken zurück. Allerdings sind beispielsweise die Lesesäle der Österreichischen Nationalbibliothek sehr gut besucht und auch an Sonntagen, an denen wir wie jeden Tag von neun bis 21 Uhr geöffnet haben, ausgelastet. Das zeigt, wie notwendig Bibliotheken als Orte der konzentrierten Forschung und Recherche sind und wie wichtig ihre Rolle als soziale Treffpunkte, als „dritte Orte“ neben Wohnung und Arbeitsplatz sind.

Gibt es ein spezielles Angebot der ÖNB für Volksschüler, Kinder, Jugendliche?
Für die Benutzung der Bibliothekseinrichtungen gibt es eine in der Benutzungsordnung festgelegte Altersgrenze von 15 Jahren. Aber wir bieten unter dem Titel „Wissenswelten“ spezifische Vermittlungsangebote für Schulklassen verschiedener Schultypen an, außerdem ein umfangreiches Kinderprogramm in unseren Museen.

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Johanna Rachinger

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