Die neuen EU-Empfehlungen zu Altersgrenzen für soziale Medien sind aus Sicht von Medienexperte Florian Buschmann richtig und überfällig. Sie ersetzen jedoch nicht, was Eltern schon heute leisten müssen: Begleitung, Einordnung und klare Grenzen im Alltag.
Seit Kurzem liegt der Bericht der EU-Expertengruppe „Sicherheit von Kindern im Internet“ auf dem Tisch von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Expertinnen und Experten haben am 13. Juli in Brüssel ein gestuftes Altersmodell für die Nutzung sozialer Medien empfohlen. Kinder unter drei Jahren sollen demnach gar keine Bildschirmzeit haben, Kinder zwischen drei und zwölf Jahren digitale Angebote nur begleitet und zeitlich begrenzt nutzen. Erst ab 13 Jahren soll eine zunehmend selbstständige Nutzung möglich sein – allerdings ausschließlich über Angebote, die von Grund auf sicher gestaltet sind.
Buschmann begrüßt die Empfehlungen ausdrücklich. Aus mehr als 1.500 Workshops an Schulen mit über 50.000 Teilnehmenden weiß der Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN, wie wichtig klare Regeln im Umgang mit sozialen Medien sind. Zugleich warnt er vor einem Missverständnis: „Das Wissen dahinter ist nicht neu. Und selbst wenn daraus ein Gesetz wird, ändert das wenig daran, dass Eltern es begleiten und im Alltag umsetzen müssen.“
Warum Kinder Social Media nicht gleich gut steuern können
Dass mit Prof. Jörg Fegert vom Universitätsklinikum Ulm ein Kinder- und Jugendpsychiater an der Spitze der Expertengruppe steht, ist aus Buschmanns Sicht folgerichtig. Die vorgeschlagenen Altersgrenzen orientieren sich daran, was Kinder in den jeweiligen Entwicklungsphasen überhaupt leisten können.
In den ersten Lebensjahren fehlt jede Grundlage, um die schnellen Reize eines digitalen Feeds einzuordnen. Bis in die frühe Pubertät ist der Teil des Gehirns, der Impulse bremst und Belohnung aufschiebt, noch nicht ausgereift. Kinder können einem endlos weiterlaufenden Feed deshalb oft nur wenig entgegensetzen. Und auch mit 13 Jahren ist diese Selbststeuerung nicht abgeschlossen, sondern entwickelt sich noch bis weit in die Zwanzigerjahre hinein. „Ein Zwölfjähriger, der stundenlang scrollt, ist nicht willensschwach“, sagt Buschmann. „Ihm fehlt schlicht noch die Bremse, die Erwachsene für selbstverständlich halten.“
Für Buschmann ist das keine rein fachliche Frage. Als Jugendlicher war er selbst mediensüchtig. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Gehirn den nächsten Reiz verlangt und man selbst keinen Schalter findet, um aufzuhören“, sagt Buschmann.

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Erkenntnis bekommt politisches Gewicht
Was in Brüssel jetzt als Fortschritt diskutiert wird, ist in der Fachwelt seit Jahren bekannt. Bereits 2023 fasste die AWMF-Leitlinie „Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“, getragen von elf medizinischen und psychologischen Fachgesellschaften, den Forschungsstand zusammen. Sie benennt unter anderem Risiken wie Schlafstörungen, Entwicklungsauffälligkeiten und Internetabhängigkeit. Buschmann hat an dieser Leitlinie mitgearbeitet.
„Wir wissen das alles seit Langem“, sagt er. „Der eigentliche Wert der EU-Empfehlung liegt nicht in der Erkenntnis, sondern in dem politischen Gewicht, das sie ihr endlich gibt.“
Warum sich die Sogmechanismen der Plattformen nicht einfach abschalten lassen
Entscheidend ist nach Meinung von Buschmann weniger die reine Bildschirmzeit als die Bauweise der Plattformen. Die EU-Expertengruppe benennt ausdrücklich Mechanismen wie endloses Scrollen und sogenannte Rabbit-Hole-Algorithmen, die Nutzerinnen und Nutzer immer tiefer in ähnliche Inhalte ziehen. Deshalb fordert sie „Safety by Design“ – also Sicherheit als Grundeinstellung digitaler Angebote.
Genau darin liegt ein Kernproblem, so Buschmann. Eltern können diese Sogmechanismen bislang kaum wirksam abschalten. Ein endloser Feed lässt sich in den gängigen Apps in der Regel nicht einfach deaktivieren. „Diese Funktionen sind darauf gebaut, genau die Selbstkontrolle auszuhebeln, die Kinder noch gar nicht haben.“ Solange diese Mechanismen nicht reguliert sind, bleibt eine Lücke, die derzeit vor allem Eltern schließen müssen.
Warum auch ein fertiges Gesetz Eltern nicht ersetzt
Bis aus dem Bericht verbindliche Regeln werden, dürfte es noch dauern. Die EU-Kommission will nach der Sommerpause erste Vorschläge vorlegen, konkrete Termine gibt es bisher nicht. Doch selbst wenn daraus verbindliche Vorgaben entstehen, ersetzen sie laut Buschmann nicht das, worauf es im Alltag ankommt. „Regulierung ordnet die Technik. Begleitung, Einordnung und klare Grenzen im Alltag bleiben aber Aufgabe der Eltern“, sagt der Experte.
Rund 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland nutzen soziale Medien laut der jüngsten DAK-Studie bereits riskant oder abhängig. Für sie zählt nicht nur, was in Brüssel beraten wird, sondern auch, was heute zu Hause geschieht.
Was Eltern schon heute tun können
Buschmanns Appell ist deshalb, die Grundgedanken der EU-Empfehlung nicht abzuwarten, sondern bereits jetzt im Familienalltag umzusetzen. Entscheidend sei dabei nicht der perfekte technische Knopf, sondern verlässliche Begleitung.
Erstens: feste, gemeinsam vereinbarte Bildschirmzeiten statt Dauerzugang. Zweitens: Geräte so einstellen, wie es technisch möglich ist – etwa über Familienfunktionen von Smartphone und Betriebssystem, über Zeitlimits, deaktiviertes Autoplay, Altersangaben und aktivierten Jugendschutz. Drittens: attraktive Offline-Alternativen schaffen und die eigene Nutzung bewusst vorleben, weil Kinder sich stärker am Verhalten der Eltern orientieren als an bloßen Regeln.
„Das Beste an diesen Empfehlungen ist“, sagt Buschmann, „dass Eltern den größten Teil davon nicht erst nach dem nächsten Gesetz beginnen können, sondern heute.“
Über Florian Buschmann
Florian Buschmann (Psychologie B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.
