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Home » „Das Schreien ist oft ein Spiegel für die Unruhe und Angst der Eltern!“
Gesund bleiben

„Das Schreien ist oft ein Spiegel für die Unruhe und Angst der Eltern!“

Daniela JaschVon Daniela JaschJuli 1, 2021Aktualisiert:Feber 24, 20263 Minuten Lesezeit
© iStock Images
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Bei einer sicheren Bindung stellen Eltern einen sicheren Hafen dar, wo das Kind zur Ruhe kommt, wo es auftankt und Kräfte sammelt. Eltern fällt es dabei deutlich leichter, die Bedürfnisse des Kindes zu lesen und einen intuitiven Zugang zum Baby aufzubauen.

Inwiefern hängt eine gute Bindung mit Themen wie Schreien oder Schlafen zusammen?
Thomas Harms: In meiner Praxis erlebe ich tagtäglich, dass viele Paare in eine Art Stressspirale geraten. Der Stress, der durch Ängste und Unsicherheit entsteht, bekommt Überhand und nimmt so viel Raum ein, dass es für die Betroffenen immer schwieriger wird, intuitiv einen Zugang zur emotionalen Ebene ihres Kindes zu bekommen. Die chronische Anspannung und Belastung der Eltern überträgt sich dann auch auf das Kind. Die Babys antworten darauf oft mit untröstlichem Schreien, haben Schlaf- oder Fütterungsprobleme. Gelingt es den Eltern hingegen, die Gefühle und Körperzustände ihres Babys intuitiv zu „lesen“ und zu beantworten, fällt es dem Baby leichter, sich körperlich zu entspannen und fallen zu lassen.

Was sind die möglichen Folgen einer unsicheren Bindung für die kindliche Entwicklung?
Wir dürfen nicht vergessen: Babys sind Beziehungswesen, sie sind auf Gedeih und Verderb von ihren erwachsenen Begleitern abhängig. Eltern sind emotionale „Kühlsysteme“ für ihre Babys und wenn diese ausfallen, befinden diese sich in großer Not. Eine Antwort darauf ist, dass das Kind in Stresssituationen den Job der Eltern übernimmt. Es beruhigt sich selbst, indem es lernt seine Gefühle zu unterdrücken, auf die es in seiner Umwelt keine positive Antwort erhält. Menschen mit diesen Erfahrungen haben später oftmals Probleme, sich und ihre Gefühle zu spüren und diese aus eigener Kraft zu regulieren.

Wie überträgt sich der Gefühlszustand der Eltern tatsächlich auf das Baby?
Beim so genannten Resonanzweinen stimmen sich Säuglinge auf die emotionalen und körperlichen Unlust- und Spannungszustände ihrer Begleiter ein. Die Babys verfügen nämlich über feine Antennen, mit denen sie alles in ihrer unmittelbaren Umgebung aufnehmen und beantworten können. Insofern können wir negative Gefühle vor unseren Kindern kaum verbergen. Babys sind da wie Lügendetektoren und das Schreien sozusagen ein Spiegel für den Unruhe und Angst der Eltern.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es beim Schreien sehr selten um körperliche Bedürnisse, also zum Beispiel um die viel zitierten Koliken geht…
Genau. Neben dem oben beschriebenen Resonanzweinen unterscheiden wir zwei weitere Formen des Babyschreiens. Mit dem Bedürfnisweinen drückt der Säugling aus, dass er müde ist, dass er Ruhe benötigt oder hungrig ist. Aber oftmals weinen die Babys, weil sie erfahrene Entwicklungs- und Beziehungsverletzungen in ihrer ersten Lebenszeit verarbeiten müssen. Wir sprechen dabei vom Erinnerungsweinen und dies bedeutet, dass das Baby mit Schreien seine ganz persönliche Geschichte über den erfahrenen Stress während oder nach seiner Geburt „erzählt“ und verarbeitet. Die angesprochenen Verdauungsprobleme sind ganz selten Ursache, sondern in der Regel Folge solcher Prozesse.

Warum fehlt Eltern häufig ein „dickes Fell“, um Unzufriedenheit und Frust ihres Kindes besser auszuhalten?
Zunächst muss klar sein: alle Eltern sind zu Beginn unerfahren und entsprechend unsicher. Es ist vollkommen normal, dass Eltern Lernende sind. Eltern haben heute jedoch oft sehr hohe Erwartungen an sich selbst. Oftmals löst das Schreien und die Unzufriedenheit des Kindes bei den Eltern intensive Enttäuschungsreaktionen und Erschütterungen ihres Selbstwerterlebens aus. Die Folge ist, dass viele Eltern komplett „außer sich“ geraten und dünnhäutiger werden. Die Beobachtung in der Praxis zeigt, dass die Eltern die Gefühle ihrer Kinder besser begleiten und aushalten können, wenn sie sich mit ihrem eigenen Körper verbinden.

© privat
© Psychosozial-Verlag

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