Lukas drückt am letzten Schultag sein Zeugnis fest an die Brust. Die Ferien stehen vor der Tür – eigentlich. Doch neben seinem Angst-Fach Mathe steht ein dickes, fettes „Nicht genügend“. Während seine Freunde schon die Koffer für den Sommerurlaub packen, herrscht bei Lukas zu Hause Krisenstimmung. Darf der Zwölfjährige trotzdem aufsteigen oder muss er eine Ehrenrunde drehen?
Tatsächlich betrifft diese Frage viele Familien. Werfen wir dazu einen Blick auf die Zahlen der jährlich von der Statistik Austria erscheinenden Publikation „Bildung in Zahlen“: Von den insgesamt 1,1 Millionen Schüler*innen starteten im Sommer 2025 rund 80.000 mit zumindest einem Fünfer in die Ferien, etwa 14.000 durften dennoch in die nächste Schulstufe aufsteigen.
Aufsteigen trotz Fünfer?
Ein Fetzen im Jahreszeugnis bedeutet nämlich nicht automatisch, dass das Jahr wiederholt werden muss. „Wer sonst gute Leistungen hat, kann von der Klassenkonferenz eine Aufstiegsklausel erhalten. Damit ist das Schuljahr gerettet“, erklärt Angela Schmidt vom Lernquadrat. Gibt es keine Klausel, folgt meist eine Nachprüfung. Auch hier sieht Schmidt Chancen: „Zwei Nachprüfungen sind machbar, wenn man in den Ferien intensiv lernt und dabei ein paar einfache Lerntipps befolgt.“ So rät sie etwa fünf Wochen fürs Lernen einzuplanen, einen realistischen Lernplan aufzustellen und sich den Stoff gut einzuteilen. Wichtig sind außerdem ausreichend Pausen und gegebenenfalls Unterstützung von außen, denn „mit Hilfe gelingt das Lernen noch besser und man ist schneller und effizienter.“
Erst wenn mehrere Pflichtgegenstände negativ sind oder die Wiederholungsprüfung nicht gelingt, muss die Schulstufe tatsächlich wiederholt werden – für manche Schüler*innen und deren Eltern ein harter Schlag, die Wiener Bildungsdirektion betont jedoch: „In manchen Fällen stellt das Wiederholen einer Schulstufe eine gezielte pädagogische Maßnahme dar, die den Lernfortschritt sichern soll und damit nicht automatisch negativ zu bewerten ist“, sagt Pressesprecherin Leonie Duty-Knez.
Und Schmidt gibt betroffenen Eltern noch einen Rat mit auf den Weg: „Kein Kind hat gerne schlechte Noten. Daher ist es jetzt wichtig, Verständnis zu zeigen und zu trösten. Zuneigung und Liebe sollten nicht von guten oder schlechten Noten abhängen.
Besser: Loben Sie stattdessen die Erfolge und Begabungen Ihres Kindes, blicken Sie positiv in die Zukunft und schauen Sie, dass das Lernen nächstes Jahr besser gelingt.“ Denn natürlich kann das Wiederholen eines Schuljahres auch eine Chance sein. Vielleicht braucht das Kind nur einen zweiten Anlauf, um den Lernstoff noch einmal in Ruhe zu festigen und darf sich dann über gute Noten freuen.

Wenn Wiederholen belastet
Einer, der das Sitzenbleiben kritisch sieht, ist der Bildungspsychologe Marko Lüftenegger von der Universität Wien. Er zweifelt daran, dass das Wiederholen einer Klasse sinnvoll ist und verweist in einem Gespräch mit der Tageszeitung „Der Standard“ auf internationale Studien, wonach Sitzengebliebene langfristig kaum bessere Leistungen zeigen.
„Wenn es positive Effekte gibt, dann sind sie sehr klein“, sagt Lüftenegger, „und sie sind auch schnell wieder weg.“ Hinzu kommen die psychosozialen Folgen einer Klassenwiederholung: Oft sinkt die Lernmotivation, betroffene Schüler*innen haben mit starkem Druck und Stigmatisierung zu kämpfen, das Selbstwertgefühl leidet.
Das bestätigt auch Susanne Leiter vom Bundesministerium für Bildung: „Einschlägige Forschungsergebnisse legen nahe, dass das Wiederholen einer Schulstufe zwar im Einzelfall sinnvoll sein kann, der längerfristige Nutzen hält sich gesamthaft betrachtet jedoch in Grenzen.“ Aus ihrer Sicht sei das Wiederholen von Schulstufen daher nur als ultima ratio zu sehen. Stattdessen müsse man sich viel mehr mit der Frage beschäftigen, wie das Sitzenbleiben zu vermeiden sei. Das Ministerium setze hier vor allem auf Frühwarnsysteme, Förderunterricht, individuelle Lernbegleitung sowie die Sommerschule.
Schule neu denken
Für einen anderen Weg hat sich Georg Röblreiter, Direktor am Wiener Gymnasium Draschestraße, entschieden, er verfolgt mit dem modularen Schulmodell „MOST 2.0“ einen neuen Ansatz. Ab der sechsten Klasse werden alle Gegenstände nach Semestern beurteilt, wodurch deutlich kleinere Lernportionen, sogenannte Module, entstehen. „Geht in einem davon etwas schief, muss der/die Schüler*in nur dieses Modul in Form einer Prüfung oder einem erneuten Unterrichtsbesuch ausbessern, in allen anderen Fächern darf er oder sie aufsteigen“, erklärt Röblreiter.
Der große Vorteil: Die betreffenden Kinder bleiben im Klassenverband eingebunden.Begleitend können Schüler*innen zusätzliche Fördermodule in jenen Fächern belegen, in denen sie Aufholbedarf haben. „So arbeiten sie selbstständig präventiv an ihren Problemfächern“, so Röblreiter, „wobei sie von speziell ausgebildeten Beratungslehrer*innen individuell begleitet werden.“ Die besonders niedrige Drop-out-Rate, also die Anzahl der Schüler*innen, die ohne Abschluss die Schule verlassen, sowie die guten Maturaergebnisse im bundes- und landesweiten Vergleich bestätigen den Erfolg dieses Modells.

Was Eltern jetzt tun können
Zurück zu Lukas: Ob er aufsteigt oder nicht, entscheidet sich erst nach Konferenz oder Nachprüfung. Wiederholen kann im Individualfall helfen, ist aber längst nicht immer die beste Lösung. Entscheidend ist der Blick auf das einzelne Kind: Wo liegen die Lücken? Welche Unterstützung braucht es?
Mit rechtzeitiger Förderung, realistischen Lernplänen und etwas Gelassenheit lässt sich manche Ehrenrunde vermeiden. Und wenn sie doch nötig wird, gilt: Ein Umweg ist noch lange kein falscher Weg.
