Bald sind alle Sommervögel, die es über den Winter in mildere Gefilde zieht, weg. Doch auch lange bevor Amsel, Drossel, Fink und Star im Frühling wiederkehren, lässt sich im Garten, im Park oder am Vogelhaus vor dem Fenster einiges beobachten. Mancherorts sogar mehr als im restlichen Jahr – zum Beispiel am Wiener Zentralfriedhof. Dort gibt es die Wintermonate über besonders viele Vögel zu sehen. Das ist kein subjektiver Eindruck, sondern das Ergebnis einer umfangreichen Studie über das 250 Hektar große Areal. Das Team um den Biologen Thomas Filek bestätigte, dass es sich beim Zentralfriedhof um ein „Refugium der Vogelwelt“ handelt (so auch der Titel der Studie). Eines, das durchaus repräsentativ für viele andere, kleinere Friedhöfe sein dürfte. Für Familien sind Friedhöfe damit überraschend ergiebig, um Natur und vor allem auch Tiere beobachten zu können. Voraussetzung bleibt natürlich, dass Friedhöfe nicht zu Abenteuerspielplätzen umfunktionalisiert, sondern mit Respekt gegenüber den Trauernden – und der Natur – betreten werden.
Alte Bäume, viele Höhlen
Zwar ist der Wiener Zentralfriedhof das ganze Jahr über ein Vogelparadies. Zwischen März 2021 und Februar 2025 haben die Forscher*innen dort 106 Vogelarten nachgewiesen, von denen 53 Arten auch dort brüten. Im Winter allerdings beherbergt das Areal sogar mehr Vogelindividuen als während der Brutzeit. Vermutlich liegt das daran, dass sich hier sowohl Zugvögel aus Nordeuropa oder höheren Lagen niederlassen als auch Vögel aus der unmittelbaren Umgebung, die gezielt herkommen und vom hohen Nahrungsangebot profitieren. Wer den herbstlichen Zentralfriedhof kennt, weiß: Hier tragen viele Bäume und Sträucher Früchte, und auch Gräser liefern Samen, die außerhalb der Friedhofsmauern vielfach fehlen. Auffällig außerdem: Besonders Vögel, die in Höhlen brüten, fühlen sich auf dem Areal wohl. Das liegt am alten Baumbestand und an den vielen leeren Hohlräumen und Spechthöhlen.
Man braucht kein*e Vogelkundler*in zu sein, um am Zentralfriedhof – aber auch auf vielen anderen Friedhöfen – im Herbst und im Winter allerlei Vögel zu Gesicht zu bekommen. Denn nur ein kleiner Teil der Vogelwelt verbringt die kalte Zeit im Süden. „Meisen bleiben und sind immer da“, sagt Thomas Filek. „Es kommen jetzt auch viele Wintervögel zu uns, zum Beispiel Saatkrähen.“

Ein Ort, an dem die Natur noch natürlich ist
Friedhöfe hält der Biologielehrer für besonders geeignet, um die heimische Artenvielfalt kennenzulernen, weit über unsere gefiederten Freunde hinaus. „Friedhöfe sind nicht nur Orte der Trauer, sondern auch Orte, an denen wir das Leben genießen und seine Vielfalt kennenlernen können“, sagt er. Gerade Stadtfriedhöfe seien wichtig, weil jungen Generationen dort sonst der Zugang zu biologisch natürlichen Flächen fehle: „Friedhöfe sind naheliegende Orte, weil dort die Natur noch natürlich ist.“
Kaum wo sind der Weg alles Irdischen, die unbändige Kraft und der Kreislauf des Lebens offensichtlicher als auf unseren mitteleuropäischen »Gottesäckern«. Friedhöfe – die meisten sind zwischen 100 und 200 Jahre alt – sind besondere Kulturlandschaften. Wir haben es bei ihnen nicht mit Wildnis zu tun, sondern mit vom Menschen geschaffenen Landschaften, die sich letztlich durch eine »achtsame« Nutzung auszeichnen. Sie müssen keinen Ertrag abwerfen, weshalb kaum einmal Pestizide zum Einsatz kommen. Auf vielen Friedhöfen sind sie mittlerweile sogar verboten.
Während rundum entweder hektisches Stadttreiben oder ausgeräumte Agrarmonokulturen dominieren, gibt es hier noch eine naturnahe Vielfalt, herrscht Ruhe. Mit ihrem Mosaik an Mikrohabitaten sind Friedhöfe deshalb ökologisch besonders bedeutsam. Denn: »Der Friedhof lebt!« So lautet auch der Titel eines Buchs (2021 im Pala Verlag erschienen), das konkrete Tipps gibt, wie der nächstgelegene Friedhof oder das Familiengrab zum Hort der Artenvielfalt wird. Darin erklärt die deutsche Umweltjournalistin Sigrid Tinz außerdem, warum fortschrittliche Städte und Kommunen die Alleen, Hecken, Wiesen und alten Baumbestände ihrer Friedhöfe längst hegen und pflegen – als Naherholungsräume und urbane Klimaanlagen – und zudem weitgehend entsiegeln.
Auch die Friedhöfe Wien, wo das Projekt „Biodiversität am Friedhof“ seinen Ausgang nahm, unterstützen nicht nur aktiv die Artenvielfalt, sondern entfernen auf ihren 46 Friedhöfen mittlerweile Schritt für Schritt Asphalt und Beton von Nebenwegen.

Feldhamster, Reh, Fuchs und Fledermaus
Es sind bei Weitem nicht nur Vögel, die sich auf Friedhöfen wohlfühlen. In den vielfältigen, reich strukturierten Lebensräumen eines Friedhofs finden viele Tiere Unterschlupf. Unterirdisch tummeln sich Würmer, Insekten, Spinnentiere, aber auch Säugetiere wie Maulwürfe oder Mäuse. Bis zum ersten Frost sind in der Luft Fledermäuse unterwegs. Beim Renovieren von Gebäuden oder alten Grüften ist es deshalb angewandter Naturschutz, dafür zu sorgen, dass Hohl- und Zwischenräume erhalten bleiben – als Versteck und Möglichkeit zum Überwintern.
„Die Feldhamster ziehen sich im Herbst jetzt dann langsam in ihre Baue zurück“, sagt Biologe Thomas Filek. Mancherorts – etwa am Meidlinger Friedhof, einem typisch innerstädtischen Friedhof, der an das Bahnhofsareal grenzt – sieht man sie aber noch häufig. Was der Tierbeobachtung entgegenkommt: „Tiere, die Menschen in einem ruhigen Setting begegnen, sind mit den Jahren merkbar weniger scheu als an Orten mit ständigem Lärm und viel Bewegung.“
Bekannte und beliebte Motive für Naturfotograf*innen sind deshalb neben den Feldhamstern, die das fette Wachs von Grabkerzen hamstern, die Rehe am Wiener Zentralfriedhof. Auch Eichhörnchen lassen sich gern beobachten. „Andere Säugetiere sind eher dämmerungsaktiv“, weiß Daria Filek. Gerade zu Allerheiligen und Allerseelen herrsche auf Friedhöfen eine höhere Frequenz und ein erhöhtes Besucher*innenaufkommen. „Aber wenn man sich auf die Lauer legt, sieht man immer wieder Füchse – und manchmal sogar einen Dachs.“

3 Tipps für den Besuch am Familiengrab
1. Augen schließen.
„Trauern Sie beim Besuch eines Angehörigen nicht nur“, rät Biologe Thomas Filek. „Schließen Sie die Augen und achten Sie darauf, was Sie alles an Geräuschen wahrnehmen. Sie werden staunen und Vogelstimmen und vielleicht auch ein Rascheln in den Büschen hören.“
2. Verweilen und zeichnen.
„Wenn man Zeit hat, setzt man sich am besten auf eine Bank und beobachtet“, sagt Filek. Der Biologielehrer weiß, dass auch Zeichnen die Sinne schärft: „Friedhöfe bieten stimmungsvolle Motive. Beim Zeichnen kann man sich überlegen, wie sich das eigene Grab und der Platz rund um den Grabstein tierfreundlicher machen lassen.“
3. Mauern entlanggehen.
Gerade Kinder erfreuen sich daran, wenn nicht nur das Grab besucht wird – und entdecken vieles. „Ich empfehle, an Mauern entlangzugehen“, sagt Thomas Filek. Dort entdecke man häufig Spuren, Schneckenschalen, aufgeknackte Nüsse, alte Nester oder Schlupflöcher und Wildwechsel. Es spricht absolut nichts dagegen, auch eine Becherlupe mit auf den Friedhof zu nehmen.
Projekt Biodiversität am Friedhof
2021 hat Thomas Filek das Projekt „Biodiversität am Friedhof“ gestartet. Der studierte Biologe arbeitet als Unilektor, unterrichtet als Lehrer an einem Wiener Gymnasium und ist davon überzeugt, dass ein Friedhof besonders in Ballungszentren ein idealer Ort ist, um die heimische Biodiversität kennenzulernen. Gerade für Kinder, die sonst schwer Zugang zu naturnahen Lebensräumen haben. Mittlerweile betreibt Filek das ehrenamtliche Forschungsprojekt gemeinsam mit seiner Frau Daria Filek, ebenfalls Biologin und Lehrerin. Auch Laien melden der Plattform Tierbeobachtungen von unterschiedlichen Friedhöfen. Mittlerweile sind 115 Friedhöfen erfasst.


