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Home » Schulschließungen können Corona nicht ausbremsen
Bildung

Schulschließungen können Corona nicht ausbremsen

adminVon adminNovember 11, 20204 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Laut aktuellen Daten des Gesundheitsministeriums haben Schulschließungen weniger Auswirkungen auf die Corona-Pandemie als angenommen. Jetzt äußern sich auch Kinderärzte kritisch zu aktuellen Plänen zur Schulschließung.

Der Widerstand geht quer durch alle Bevölkerungsschichten. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte in der Vorwoche eine Verschäftung der Coronamaßnahmen angekündigt. Seither brodelt die Gerüchteküche rund um die erneute Schließung von Kindergärten und Schulen. Derzeit sind nur die Schülerinnen und Schüler der Oberstufen im Homeschooling. Möglicherweise werden ab kommender Woche wieder alle Schüler im Heimunterricht sein. Dagegen laufen Eltern, Psychologen und Kinderärzte aber auch Ökonomen Sturm.

Die Umstellung auf Fernunterricht in der Oberstufe hat an der rasanten Verbreitung von Covid-19 nichts geändert. Das zeigen Zahlen aus dem Bildungministerium. Zwar ist die Zahl der an Corona erkrankten Schülern etwa in Salzburg und Tirol nach der Umstellung auf Homeschooling zurückgegangen, aber gleichzeitig ist die Zahl der von Covid-19 betroffenen Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 14 Jahren noch stärker rückläufig. Und diese Gruppe hatte weiterhin Präsenzunterricht.

Und während der Herbstferien gab es bei den Oberstufenschülerinnen und -schülern in den beiden genannten Bundesländern  einen deutlichen Anstieg der Corona-Positiven. Dieser fiel unter den Unterstufenschülern deutlich geringer aus. Laut Bildungsministerium bliebt er „deutlich unter dem Durchschnitt“.

Diese Zahlen haben Österreichs Kinderärzte aktiv werden lassen. „Es gibt derzeit keinen Hinweis, dass die Umstellung auf Distance-Learning etwas bringt“, sagt Volker Strenger von der Grazer Uniklinik für Kinder- und Jugendheilkunde. „Kontakte von Kindern und Jugendlichen finden ja nicht nur in den Schulen statt,“ Und bei Freizeitaktivitäten, so der Mediziner, gebe es im Gegensatz zur Schule keinen kontrolllierten Ablauf, der das Ansteckungsrisiko senken kann. Der Leiter der Arbeitsgruppe Infektologie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) verwies in diesem Zusammenhang auf Daten aus Kärnten, wo die Zahl der Freizeitcluster unter Jugendlichen während der Herbstferien deutlich angestiegen sei.

Strenger betonte bei einer Online-Pressekonferenz am vergangenen Dienstag erneut, dass sich Kinder und Jugendliche deutlich seltener mit dem Coronavirua anstecken würden als Erwachsene. So liege etwa die Wahrscheinlichkein einer Infektion bei unter 14-Jährigen bei 50 Prozent. Kinder und Jugendliche würden laut Metastudien das Virus auch viel seltener und an weniger Personen weitergeben als Erwachsene.

Eine Schulschließung, so Strenger, habe aber negative Auswirkungen auf die Bildung der Kinder, auf deren psychosoziale Gesundheit, auf ihre Familien und die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft. Geschlossene Kindergärten und Schulen würden auch dazu führen, dass Eltern betreffend der Kinderbetreuung zusätzlich unter Stress geraten und trotz des nachgewiesenen Risikos für ältere Personen auf die Hilfe der Großeltern zurückgreifen müssen.

Ein weiteres Problem würde dadurch entstehen, dass Angehörige des Gesundheitsdienstes, die wegen ihrer Kinder zuhause bleiben müssten, in den Spitälern zur Behandlung der Covi-19-Patienten fehlen und sich so die Situation dort weiter verschärfen würde. ÖGKJ-Generalsekretär Reinhold Kerbl geht sogar davon aus, dass dadurch die Mortalität steigen könnte. Es habe sich daher eine „Allianz der Besorgten“ gebildet, die die Schließung der Schulen im Kampf gegen das Coronavirus als letzte Möglichkeit betrachte. „Das ist ein Experiment, für das es keine wissenschaftliche Grundlage gibt“, sagte er.

Das Institut für Höhere Studien (IHS) wies am vergangenen Dienstag auch auf die enormen volkswirtschaftlichen Kosten von Schulschließungen hin. Laut Martin Koch und Mario Steiner vom IHS droht den betroffenen Schülern ein Erwerbseinkommensverlust von bis zu 200 Euro pro Monat, dazu kommt ein erheblicher Produktivitätsverlust, der durch die Betreuungspflicht der Eltern entsteht.

Kurz- und mittelfristig rechnen die Ökonomen durch die Umstellung auf Fernunterricht mit „massiv negativen Effekten auf den Kompetenz- und Wissenserwerb“, und das vor allem bei jüngeren und benachteiligten Schülern, deren Eltern sie zuhause nicht so gut beim Lernen unterstützen können. Schulschließungen würden auch die soziale Ungleichheit verstärken.

Viele Eltern unterstützen die Allianz gegen Schulschließungen. Der Dachverband der Elternvereine für die Pflichtschulen forderte, dass alle Schulen, die Hygienevorschriften einhalten können, alle Möglichkeiten des Präsenzunterrichts ausschöpfen sollten. Das könne etwa durch die Erhöhung der Mindestabstände in den Klassen und die Nutzung zusätzlicher Räume erfolgen, wie ergänzend dazu der Familienverband verlangte. Beide Elternverbände fordern auch Lösungen, die überfüllte Schulbusse vermeiden helfen.

Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag des Bildungsministeriums ist die Mehrheit der Eltern gegen eine Schulschließung. Zwei Drittel der Eltern in Österreich sind für ein Offenhalten. Zwar machen sich die Eltern auch Sorgen um die Gesundheit der Kinder, so Meinungsforscher Peter Hajek, der die Befragung durchgeführt hat, aber die Sorge um Nachteile infolge einer Schulschließung überwiege.

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