Jedes Kind, das in Österreich die erste Klasse der Unterstufe – ob Mittelschule oder Gymnasium – besucht, erhält einen Laptop oder ein Tablet. Ziel der 2021 gestarteten Geräteinitiative „Digitales Lernen“ war es, allen Schüler:innen gleiche Vorrausetzungen für digitale Bildung zu bieten sowie digitale Kompetenzen zu fördern. Digitale Hilfsmittel wie Lernplattformen, Videos, Podcasts oder Apps eröffnen viele neue Chancen für Lehrende und Schüler:innen. Eine multimediale Aufbereitung des Lernstoffes sowie interaktive und individualisierte Lernprozesse können den Unterricht anschaulicher und praxisorientierter gestalten. Nicht zuletzt bringen die Schultaschen dank digitalisierter Schulbücher ein paar Kilo weniger auf die Waage.
Arbeitsgerät mit Ablenkungspotential
Viele Eltern erleben jedoch auch eine andere Seite der Digitalisierung: Mit dem Schul-Laptop oder Tablet zieht plötzlich auch ein höchst attraktives Entertainment-Gerät ins Kinderzimmer ein. Die Laptops und Tablets sind nämlich nicht nur schulische Arbeitsmittel: Der Bund übernimmt zwar den Großteil der Kosten, Eltern zahlen aber einen Eigenanteil und das Gerät geht ins Eigentum des Kindes über – womit auch eine private Nutzung grundsätzlich möglich ist. Schon mit dem ersten Handy stehen Konflikte rund um Zeitlimits und Bildschirmnutzung in vielen Familien auf der Tagesordnung. Mit den Schulgeräten wird die Sache nicht einfacher: Schließlich verschwimmen damit die Grenzen zwischen Lernen und Freizeit und für Eltern wird es mitunter schwierig, gegen Chatten, Zocken & Co zu argumentieren. Im Zweifelsfall behaupten die Kinder eben, dass sie „noch etwas für die Schule machen müssen“. Kein Wunder, dass sich bei Eltern irgendwann die Frage einschleicht, ob Laptop & Co dem Lernen tatsächlich dienlich sind – oder mitunter nicht sogar mehr schaden als nutzen. Eine Frage, die auch Pädagogik und Wissenschaft beschäftigt.
Denn während die Bildschirmzeit von Kindern und Jugendlichen insgesamt ziemlich hoch ist, fällt die qualitative Bildschirmzeit eher niedrig aus. Entscheidend ist weniger das Gerät selbst als vielmehr,wann, wie und wofür es eingesetzt wird.

Lieber bewusster, als zu früh
Darauf reagiert nun auch die bundesweite Geräteinitiative: Schüler:innen sollen künftig erst im zweiten Semester der sechsten Schulstufe ihre Notebooks oder Tablets erhalten. „Dass die Geräte bisher gleich zu Beginn der 5. Schulstufe gekommen sind, war auch aus pragmatischen Gründen nicht ideal: Die Schüler kommen in eine neue Schule, müssen dort erst ankommen, haben viele neue Fächer und Lernstrukturen. Da wurde im ersten Semester zusätzliche Unruhe hineingebracht“, sagt Klaus Himpsl-Gutermann, Medienpädagoge und Leiter des Kompetenzzentrums MINT und Digitalität an der Pädagogischen Hochschule Wien. „Tatsache ist auch, dass Soziale Medien sehr viel Aufmerksamkeit erzeugen und sich Kinder bis zum Alter von 13 oder 14 Jahren selbst nicht so einfach regulieren können, weshalb sie Unterstützung von Lehrkräften und Eltern brauchen“, so der Hochschulprofessor. Wobei es generell nicht einfach sei, das richtige Alter für den Einsatz von digitalen Endgeräten in Schulen festzumachen, weil nicht das Gerät die Lerneffekte erzeugt, sondern die Gesamtkonzepte der Schulen dahinter. „Ich finde es jedenfalls sinnvoll, langsam zu beginnen, etwa mit einem behutsamen Einsatz in der Volksschule mit PC-Stationen, und erst später zu einer 1:1-Ausstattung überzugehen“, meint Himpsl-Gutermann.
Eltern oder Schule – wer trägt die Verantwortung?
Entsprechend der „Mischlösung“ bei der Geräteinitiative – also der Bund finanziert Endgeräte für alle Schüler:innen, die Geräte gehen aber ins Eigentum der Eltern über – gibt es auch eine geteilte Verantwortung. „Die Schule kann Software verwalten, Systeme installieren und Apps sperren oder freigeben. Gleichzeitig müssen Schüler:innen Eigenverantwortung lernen – und hier sind natürlich auch die Familien gefragt“, versichert Klaus Himpsl-Gutermann.
Viele Erziehungsberechtigte haben aber oft weder die Zeit noch das nötige Know-How, um ihre Kinder im Umgang mit den Geräten bestmöglich zu begleiten. „Es kann eine Entlastung sein, wenn Lehrkräfte Medienbildung übernehmen und die Schüler:innen dabei begleiten. Wie gut und intensiv das gemacht wird, hängt allerdings von der Schule und den Lehrkräften ab“, bekräftigt der Experte für Digitale Grundbildung. Eine hundertprozentige Kontrolle wird laut Klaus Himpsl-Gutermann ohnedies nicht möglich sein – aber man könne an einzelnen Stellen schrauben. „Etwa gerätefreie Wochenenden oder keine Hausübungen am Laptop am Wochenende.
Es können Randzeiten festgelegt werden, in denen das Gerät für die Hausübung genutzt wird, wobei es nach den Lernzeiten aus dem Kinderzimmer geholt werden kann, damit es nicht ständig in Griffweite ist“. Himpsl-Gutermann plädiert jedenfalls für schlüssige Gesamtkonzepte und gemeinsame Vereinbarungen zwischen Lehrkräften und Eltern. Für die schulische Nutzung sind die Schulen verantwortlich, Gütesiegel für Lern-Apps und entsprechende Qualitätssicherung können Orientierungshilfen für daheim darstellen.

Wissensaneignung, Schreiben & Co – alles digital oder was?
Angesichts der leidigen Diskussionen rund um Bildschirmzeiten gibt es aber auch immer mehr Eltern, die sich wünschen, dass die digitalen Arbeitsgeräte vermehrt in der Schule bleiben. Manche sehnen gar den guten alten EDV-Raum herbei: mit digitalem Lernen in der Schule, unter pädagogischer Begleitung – und danach den Laptop auch einmal zuklappen. „Wenn die Geräte nur in der Schule bleiben, hat das auch Nachteile. Beim „Seamless Learning“ geht es darum, dass sich Lernprozesse über unterschiedliche Lernumgebungen hinweg fortsetzen. Schüler:innen gewöhnen sich an ihr Gerät und entwickeln damit Routinen. Bleibt es ausschließlich in der Schule, geht ein Teil dieses positiven Effekts verloren“, versichert Himpsl-Gutermann.
Von der Aufnahme und Verarbeitung von Lerninhalten bis hin zur Handschrift stellt sich dennoch die Frage, welche Lernprozesse möglicherweise analog besser funktionieren und inwieweit informatisches Denken gerade bei jüngeren Kindern überhaupt vor Bildschirmen stattfinden muss. „Beim Schreibenlernen wissen wir, dass die Verarbeitungstiefe durch die Verbindung von Motorik und Kognition eine ganz andere ist. Deshalb lernen Kinder in der Volksschule auch mit der Füllfeder zu schreiben. Dinge handschriftlich aufzuschreiben, hat erwiesenermaßen Lernvorteile“, erklärt Himpsl-Gutermann.
Informatisches Denken lasse sich durchaus auch ohne Bildschirm vermitteln. Coding Unplugged im Zusammenhang mit Sortieralgorithmen zum Beispiel. Gerade zu Beginn der Unterstufe könne man in der Digitalen Grundbildung vorerst Grundwissen vermitteln und mit Unplugged-Ansätzen arbeiten, um dann im Jahr darauf mit den Geräten fortzusetzen. Wir brauchen gute, altersgemäße Übergänge“, ist Himpsl-Gutermann überzeugt. „Führerscheinlösungen“ können ein guter Ansatz sein, sie dürfen aber nicht zum reinen Trockentraining werden, denn Kinder müssen den praktischen Umgang mit digitalen Medien lernen.“

Fit für die digitale Zukunft
Das Erlernen von Medienkompetenz setzt freilich voraus, dass Geräte so genutzt werden, dass digitale Kompetenzen tatsächlich gefördert werden. Internationale Untersuchungen, wie die ICILS-Studie, die auch in Österreich alle fünf Jahre die digitalen Kompetenzen von Schüler:innen der 8. Schulstufe untersucht, zeigen leider eklatante Defizite. „Diese sind größer, wenn digitale Kompetenzen nicht systematisch in der Schule vermittelt werden – und zwar nicht nur in der Digitalen Grundbildung, sondern quer durch alle Fächer. Lerneffekte sind nämlich umso besser, je mehr Lehrkräfte digitale Medien in verschiedenen Fächern gezielt einsetzen“, weiß Pädagogikprofessor Himpsl-Gutermann. Auch wenn das Ablenkungspotenzial insgesamt groß ist: Zum Analogen zurückzukehren, kann nicht die Lösung sein. „Gerade für komplexere Anwendungen brauche ich ein Endgerät und muss die Technologie dahinter verstehen, wie beispielsweise bei speziell entwickelten Mathematik-Apps, entsprechenden Anwendungen im Sprachenbereich oder auch im Zusammenhang mit interaktiven Lösungen in der Wissensvermittlung, etwa interaktiven Schulbüchern mit integrierten Anwendungen“. Pädagogik-Professor Himpsl-Gutermann verweist darauf, dass künftig etwa bei Leistungsüberprüfungen stärker der gesamte Lernprozess berücksichtigt werden sollte. Ein Ansatz dafür ist die 3-P-Methode: Produkt, Prozess und Präsentation. Auch „Flipped Classroom“-Modelle könnten wichtiger werden: „Wissen wird etwa über Podcasts, Videos oder Bücher bereits vor dem Unterricht erworben, während in der Schule Anwendung, Diskussion und das gemeinsame Arbeiten unter Aufsicht der Lehrkraft im Mittelpunkt stehen“, erkärt Himpsl-Gutermann.
Weg von der reinen Reproduktion von Wissen hin zu kritischer Reflexion – das wird künftig auch bei Hausaufgaben vermehrt das Gebot der Stunde sein. Besonders im Hinblick auf die KI, die eine neue Dimension in die Thematik bringt – im positiven wie im negativen Sinn. „Bei KI müssen wir sicherstellen, dass sie sinnvoll eingesetzt wird: Fehler analysieren,
zusätzlich recherchieren und Ergebnisse hinterfragen“, ist Himpsl-Gutermann überzeugt. Damit steht die Schule vor großen Herausforderungen, genau wie wir als Gesellschaft insgesamt: Es geht darum, aus dem passiven Konsum herauszukommen – hin zu einem aktiven, kritischen Medienumgang.


