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Unsere Zukunft

(Ur-)Großeltern als Nachhaltigkeits-Coaches

Wie lebten unsere (Ur-)Großeltern, wie definieren sie Nachhaltigkeit und was möchten sie ihren Nachkommen mitgeben? "familiii " hat sich umgehört.
Malu WinklerVon Malu WinklerSeptember 10, 20268 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Text: Barbara Fohringer & Thomas Weber

Von (Ur-)Großeltern lässt sich viel lernen, mitunter auch, wie man nachhaltiger leben kann: Ob bewusstes einkaufen, Produkte selbst reparieren statt gleich wegzuwerfen oder Strom bzw. Wasser sparen. Für familiii plaudern zwei Omas, ein Opa und eine Uroma aus dem Nähkästchen, erzählen von besonderen Speisen aus ihrer Kindheit und Jugend, welche Arbeiten früher aufwendig waren und welche nachhaltigen Einstellungen sich wieder etablieren sollten. 

Vroni Köberl, 64 – zwei Enkelkinder, 4 und 6

„In meiner Kindheit und Jugend wurden Lebensmittel niemals weggeworfen, es wurde alles verwendet – das mache ich noch heute so“, sagt Vroni Köberl. Die 64-Jährige lebt am Rande St. Pöltens und hat zwei Enkelkinder, Felix (4) und Sarah (6). Sparsam ist Vroni Köberl nicht nur in der Küche: „Ich kann nichts wegschmeißen, erst wenn ein Stück schon kaputt ist, dann wird es weggeworfen.“ In ihrer Kindheit und Jugend lernte sie, bescheiden und zugleich nachhaltig zu leben. „Habe ich früher neue Kleidung bekommen, etwa einen Mantel, hat dieser anfangs oft gar nicht gepasst, sondern erst nach zwei oder drei Jahren.“ Einkaufen sah früher anders aus: „Es wurde stückweise gekauft. Lebensmittel wie Wurst und Käse wurden in Papier eingeschlagen, heute ist alles doppelt und dreifach verpackt.“ Sie erinnert sich ebenso daran, dass bestimmte Lebensmittel nur zu besonderen Anlässen gekauft und verwendet wurden: „Schlagobers war etwas Besonderes, heute kauft man ihn einfach so zum Kochen“. Während Vroni Köberl ein Hochbeet besitzt und Gemüse mit ihren Nachbar*innen tauscht, hatte ihr eigene Mutter einen Gemüsegarten: „Wir hatten viel Gemüse und Äpfel sowie Kartoffeln im Keller.“ Sauerkraut wurde in ihrer Familie selbst gemacht, Milch holte man vom Bauern mit einer Kanne. Darüber hinaus war Do-it-yourself kein Slogan, sondern Alltag: „In der Schule habe ich stricken und nähen gelernt. Ich nähe weiterhin sehr gerne, wobei man früher genäht hat, weil man Kleidung brauchte, nun steht mehr der Spaß im Vordergrund.“ Eine langwierige Notwendigkeit war früher ebenso das Wäschewaschen: „Als wir noch keine Waschmaschine hatten, benötigte meine Mutter einen ganzen Tag, um die Wäsche zu waschen.“ Heutige Haushaltsgeräte machen es uns da schon leichter und sparen Zeit, wie etwa der Thermomix. „Das hätte es früher nicht gegeben. Selbst mein erstes Handy hatte ich erst mit 35. In meiner Kindheit gab es zudem keinen Fernseher und später waren TV-Bilder schwarzweiß, es gab anfangs nur zwei Programme. Einen eigenen Telefonanschluss hatten wir erst, als ich die Hauptschule besuchte. Davor teilten sich vier Häuser einen Telefonanschluss.“

Wenn Vroni Köberl an ihre Kindheit und Jugend denkt, sieht sie ein Leben, das unbeschwerter, ruhiger und weniger stressig war als das Leben heutzutage. „Man hat sich früher über jede Kleinigkeit gefreut, heute ist alles selbstverständlich. Früher war es ein Highlight, wenn alle zwei Wochen der Obsthändler kam und wir uns freuten, Bananen zu kaufen.“ Die Freude über Kleinigkeiten und sich zu fragen, welche Produkte man wirklich braucht, sollte wieder selbstverständlich werden, so die St. Pöltnerin. Nur auf ihr Auto kann sie nicht verzichten. „Sicher könnte man vieles mit den Öffi s oder dem Rad erledigen, aber mit dem Auto ist es einfacher.“ Aktuelle Debatten über Nachhaltigkeit sieht Vroni Köberl differenziert: „Ich denke, oft ist der Begriff Nachhaltigkeit zu einem neuen Modewort verkommen. Es gibt weiterhin viel Müll, Produkte halten weniger lange und man sieht so viele Flugzeuge. Zugleich wird heutzutage mehr Wert auf korrekte Mülltrennung gelegt und es gibt Initiativen wie zum Beispiel Reparaturcafés. Es sollte bei den einzelnen Menschen ankommen, nachhaltiger zu leben.“ Ob junge Familien das tun, lässt sich für Vroni Köberl nicht eindeutig beantworten: „Manche sind sicher sehr umweltbewusst, aber bei manchen geht das total vorbei. Mich stört es zum Beispiel, wenn ich eine junge Familie in einem Lokal sehe, die ihre Speisen und Getränke nicht vollständig konsumiert und nicht mit nach Hause nimmt.“ Ihren eigenen zwei Enkelkindern Felix und Sarah bringt Vroni Köberl nachhaltige Handlungen bei: „Ich erklären ihnen, dass man Licht nur dort aufdreht, wo man sich gerade aufhält, dass man sparsam mit Wasser umgehen soll, weil auch die Natur Wasser braucht.“

© Shutterstock

Michaela Aigner, 68 & Johann Aigner, 72 – ein Enkelkind, 6

Nach zwölf Jahren haben sich Michaela Aigner (68) und Johann Aigner (72) eine neue Kaffeemaschine gekauft. „Wir hatten unsere zuvor zweimal repariert, aber dann mussten wir uns schweren Herzens eine neue holen“, so Johann Aigner. Das Ehepaar ist in Pension, lebt in St. Pölten und hat ein Enkelkind, Maria (6). Ein nachhaltiges Leben wurde ihnen in die Wiege gelegt. Johann Aigner: „Wir stammen beide aus Bauernfamilien, da wurde alles verwertet.“ Seine Frau Michaela ergänzt: „Auch heute kaufen wir so ein, dass wir alles verwenden. Hart gewordenes Brot kommt zum Beispiel in die Suppe. Wir kaufen nur das, was wir wirklich brauchen und frieren vieles ein.“ Sie beziehen ihr Gemüse und Kräuter mitunter aus dem eigenen Garten, und kochen Tomaten ein. Michaela Aigner erinnert sich daran, wie Lebensmittel früher gekauft wurden: „Das Brot gab es beim Bäcker und weitere Lebensmittel in einem kleinen Geschäft in der Nähe. Man ging mit der eigenen Tasche einkaufen und ließ sich alles in Papier einwickeln. Supermärkte wie damals gab es lange nicht. Heute sieht man überall viele Fertigprodukte, sogar gekochte Palatschinken und Erdäpfel.“

Bei Familie Aigner werden die Palatschinken selbst gekocht – und das Enkelkind hilft mit. Michaela Aigner: „Maria will ihre Palatschinken oder Knödel selbst machen, da ist sie ganz in ihrem Element. Ich mache den Teig und sie hilft mit. Sie ist unsere Knödelköchin.“ IhrerEnkeltochter hilft ebenso bei der Ernte von Gemüse im eigenen Garten. Johann Aigner. „Sie ist fasziniert von den kleinen Knollen.“ Michaela Aigner: „Wir pfl ücken gemeinsam Blumen und machen einen Strauß für ihre Mutter.“ Kleidung flicken die Aigners mittlerweile weniger, das erledigt im Bedarfsfall eine Nachbarin, jedoch kaufen sie selten Neues, weil aktuelle Mode wenig langlebig ist. Johann Aigner: „Ich trage meine Kleidung lange auf, früher waren die Stoffe viel besser, heute ist die Qualität nicht mehr da.“ Das Ehepaar erinnert sich, welche Aufgaben im Haushalt früher viel aufwändiger waren. Michaela Aigner: „Heizen war früher ein großer Aufwand, dafür musste eigens der Ofen befeuert wurden.“ Johann Aigner: „Als wir dann älter waren, haben wir fünf Jahre ohne Gas gelebt und einen Kachelofen genutzt, da haben wir nach der Arbeit eingeheizt und es hat eine Weile gedauert, bis es warm wurde.“ Wenn die beiden an früher denken, erinnern sie sich an ein sparsames Leben und große Bescheidenheit. Johann Aigner: „Das haben wir uns bewahrt, wir versuchen, nachhaltig zu leben, und vermissen nicht viel.“ Michaela Aigner: „In unserer Kindheit und Jugend gab es zudem wenige Urlaube.“ Die beiden plädieren für mehr Sparsamkeit und dafür, bewusst einzukaufen. Johann Aigner: „Viele Produkte sind nicht notwendig und werden oft weggeschmissen, das stört mich massiv.“ Aufs Auto würde beide dennoch nicht verzichten wollen, alleine schon, weil sie es brauchen, um ihre Enkeltochter abzuholen. Über das Thema Nachhaltigkeit sagt Johann Aigner weiters: „Ich bin Jäger, meine Aufgabe ist es auch hier, langfristig zu denken und so zu handeln, dass der Wildbestand bewahrt wird. Dieses nachhaltige Denken und Handeln würde ich mir auch in der Politik mehr wünschen.“ Innerhalb der eigenen Familie haben Johann und Michaela Aigner diese Nachhaltigkeit jedenfalls vorgelebt: Ihre Tochter Stefanie (39) lebt mit ihrer Familie bewusst in der Nähe des Bahnhofs, um so mit dem Fahrrad bzw. den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Wien in die Arbeit pendeln zu können.

© Shutterstock

Herta Fröis, 100 – zwei Urenkel, 4 und 1

Es gibt Gepflogenheiten der Gegenwart, mit denen wird sich Herta Fröis nicht mehr anfreunden. Will sie auch gar nicht. Dass so viel weggeworfen und kaum noch etwas repariert wird, zum Beispiel, das stört die Hohenemserin, Jahrgang 1926. „Alles wird zu schnell weggeworfen – ob Lebensmittel oder Kleidung!“, sagt sie. Auch an Einwegverpackung – „das abgefüllte Nylonzeug“ – will sie sich nicht gewöhnen. Was ihre beiden Urenkel Philipp (4) und Nicholas (1) nie anders kannten, läuft für die Hundertjährige völlig falsch. Die Welt, in der die „Uri“-Oma der beiden ihre Kindheit und Jugend verbracht hat – manchmal scheint es, als würden Jahrhunderte dazwischen liegen. Dabei wurden die Exzesse der Konsum- und Wegwerfgesellschaft erst in den vergangenen paar Jahrzehnte wirklich „normal“. 

Weshalb sich von der alten Dame viel lernen lässt: übers Haushalten, über Sparsamkeit, über einen achtsamen Umgang mit endlichen Ressourcen. Über Nachhaltigkeit. Früher habe man alles geflickt, ob Strümpfe oder Kleider. Alles, was man selbst machen konnte, sei repariert worden. Und wenn man etwas ausnahmsweise einmal nicht selbst reparieren konnte, dann kannte man jemanden, der es wieder in Stand zu setzen schaffte. „Jeder konnte etwas, war irgendwie spezialisiert“, erzählt sie. 

Oder, wie sie im tiefsten Vorarlbergerisch sagt: „Alles, was no ganz und ned kaputt gsi is, wurde verwendet! Man hat nix fortgworfen!“ Brot schon gar nicht. Aus altem Brot wurden Knödel oder Brösel, Roggenbrot half dabei, überschüssige Säure aus der Milch zu ziehen. Speisereste wurden weiterverarbeitet, Gemüseabfälle und Kartoffelschalen an das Schwein verfüttert. Wegwerfen war keine Option, sondern Verschwendung. Dass heute guter Stoff oft teurer ist als ein fertiges Kleidungsstück, versteht Herta Fröis nicht. In ihrer Jugend war Selbermachen selbstverständlich. Sie besuchte mit Freundinnen einen Nähkurs, nähte ihre Hosen selbst. Wolle kaufte man günstig in der Schweiz. Auch ihr längst verstorbener Mann war Handwerker und fertigte kunstvolle Möbel. Fast jeder konnte etwas reparieren oder herstellen. Überhaupt war die Nachbarschaft für Herta Fröis ein Stück Lebensversicherung. Fast jedes Haus besaß einen kleinen Stall mit ein oder zwei Kühen, oft auch einem Schwein. Gemüse wurde im Garten gezogen. Als breite Bevölkerungsgruppen arbeitslos waren, erhielten alle, die keinen Grund hatten, von der Gemeinde eine Schrebergartenparzelle. Kartoffeln für den ganzen Winter lagerten im Erdkeller, Kraut wurde zu Sauerkraut vergoren, Rüben fermentiert. Kühlschränke gab es nicht – dafür wusste jeder, wie Lebensmittel haltbar gemacht werden. Auch eingekauft wurde anders – und völlig plastikfrei. Zum Geschäft nahm man Körbe, Stoffbeutel oder Papiersäcke mit. Manche Mehlsäcke waren so gewebt, dass daraus später Geschirrtücher oder Taschentücher wurden. Spielzeug gab es kaum, als Einzelkind baute sie sich ihre Kugelbahn aus Holzresten selbst. Doch manch moderne Errungenschaft möchte sie nicht missen: Ein Kühlschrank, Tiefkühlfach, frisches Gemüse im Winter oder die Spülmaschine. Ebenso, dass die Menschen heute Arbeit haben und hoffentlich in Frieden leben können. Sorgen bereitet Herta Fröis weniger der technische Fortschritt als der leichtfertige Umgang mit Wohlstand. Sie wundere sich, wie viele Dinge heute gekauft werden, „die man gar nicht braucht“. Ihre wichtigste Botschaft an ihre Urenkel lautet deshalb: sparen, sorgsam mit Dingen umgehen und fleißig sein. Oder wie sie es formuliert: „Ohne Arbeit und Fleiß gibt’s keinen Preis.“ 

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Malu Winkler

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