Kurz vorm Aufbrechen in den Kindergarten: Die Schuhe sind angezogen, der kleine Rucksack steht bereit, fehlen noch Jacke und Haube. „Draußen ist es kalt!“, sagt die Mama und beginnt die Arme des Dreijährigen in die Jackenärmel zu wurschteln. Doch der weigert sich. Es ist spät, die Mama überredet, argumentiert, wird ungeduldig – und schwitzt in ihrem Mantel. Wie kriegt sie ihr Kindergartenkind jetzt dazu, sich ordentlich anzuziehen?
Martina Wolf berät Eltern in Erziehungsfragen und kennt Situationen wie diese aus ihrer Praxis. Eltern, die mit ihren Kindern häufig im Jacken-Hauben-Konflikt stecken, rät sie innerlich einen Schritt zurück zu machen. „Denn manchmal wird daraus ein Kampf, als würde es um Leben und Tod gehen. Eine gewisse Lockerheit hilft hier.“ Man dürfe sich ruhig vor Augen halten, worum es wirklich geht, nämlich um eine Jacke an einem ganz bestimmten Tag.
Heißt das, Eltern sollten ihr Kind bestimmen lassen, ob es bei Nieselwetter und 5 Grad mit Pulli aus dem Haus geht – ob es nun zwei, acht oder zwölf Jahre alt ist?
Eltern sind verantwortlich
Martina Wolf stellt klar: Die Verantwortung liege immer bei den Eltern, das gelte besonders für kleine Kinder. „Gerade Kinder unter vier Jahren können die Folgen ihrer Entscheidung nicht einschätzen.“ Eine Dreijährige kann noch nicht antizipieren, dass ihr nach ein paar Minuten im Freien kalt sein könnte und dass sie sich deswegen möglicherweise verkühlt. Woran sie denkt: Dass sie ihr Lieblingsshirt am liebsten der ganzen Welt zeigen möchte – und dass die blöde Jacke dabei hinderlich ist. Eltern, die nicht autoritär über ihr Kind drüberfahren wollen, hätten im Prinzip zwei Möglichkeiten: Sie können dem Bedürfnis ihres Kindes empathisch begegnen, etwa wenn sie Sätze sagen wie ‚Ich weiß, du magst die Jacke nicht – und stimmt:
Dein Shirt ist wirklich toll! Alle sollen es sehen!‘ Und trotzdem können sie auf die Jacke bestehen. Ein Kind, das sich in seinem Bedürfnis gesehen fühlt, ist eher zur Kooperation bereit.

Argumente helfen nicht
Die zweite Möglichkeit: Sie erlauben ihrem Kind, seine Erfahrungen zu machen. Es darf also ohne Jacke rausgehen und spüren, ob und wie schnell ihm kalt wird. Der Papa packt die Jacke ein und reicht sie dem Kind, wenn es sie braucht. Ohne ein eingeschnapptes ‚Ich hab’s dir ja gesagt.‘, dafür mit wohlwollendem Blick auf das Kind, das jetzt eine Erfahrung gemacht hat. Vor allem in der Autonomiephase zwischen zwei und vier Jahren kann das ein passender Weg sein, weil das Bedürfnis nach Selbstbestimmung des Kindes gewahrt bleibt. „Der einzige Nachteil für die Eltern: Sie müssen die Jacke tragen.“ Zumutbar, findet Wolf.
Viele Eltern wollen ihr Kind mit logischen Argumenten überzeugen. Indem sie ihm erklären, dass es krank werden könnte oder dass es Ohrenschmerzen kriegt, wenn die Ohren nicht durch eine Haube geschützt sind. Und dass es dann am Wochenende nicht zu Oma und Opa fahren kann. „Ein Kind, das unter vier ist, kann sich das alles nicht wirklich vorstellen“, erklärt Martina Wolf. Ein paar Jahre später, wenn das Gehirn schon weiter gereift ist, könne ein Kind auch mit solchen Argumenten etwas anfangen und lasse sich eher davon überzeugen.
Erbitterte Machtkämpfe
Bei Eltern sitzen oft Glaubenssätze aus der Kindheit sehr tief, und es fällt ihnen schwer, sich in banalen Alltagssituationen davon nicht leiten zu lassen. Das kann die Vorstellung sein, dass ein Dreijähriger seiner Mama doch zu folgen hat! Dass es nicht sein kann, dass er dem Papa auf der Nase herumtanzt! Als Folge können erbitterte Machtkämpfe entstehen, aus denen alle Beteiligten als Verlierer herausgehen. Das Kind weinend und die Eltern erschöpft und meist schweißgebadet.
Mehr Leichtigkeit kann sich einstellen, wenn man sich diese Fragen ehrlich beantwortet: Verkühlt sich mein Kind wirklich, wenn es sich nicht fest einpackt? Könnte es sein, dass es ein anderes Kälteempfinden hat als ich? Geht es gar nicht ums Kind, sondern um mich, weil ich mich als schlechte Mutter oder schlechter Vater fühle, wenn die anderen Kinder auf dem Spielplatz kleidungstechnisch besser ausgerüstet sind als mein Kind?

Je älter, desto mehr Autonomie
Bis zu welchem Alter sollen Eltern ihr Kind morgens an die Haube oder Jacke erinnern? Im Laufe des Schulalters könne man dem Kind die Entscheidung immer mehr ihm selbst überlassen, mit etwa zehn bis zwölf Jahren könne ein gesundes Kind viele solcher Entscheidungen selbst fällen, und ab vierzehn seien Eltern ohnehin eher Berater als Führungskräfte. Wobei Martina Wolf einschränkt: „Es kommt immer auch darauf an, wer die Folgen trägt. Wenn ich als Mutter bei meinem kranken Kind zu Hause sein muss und wieder eine Pflegefreistellung brauche, werde ich mehr darauf bestehen, dass es sich dem Wetter entsprechend anzieht.“
Drei Dinge, die den Hauben-Jacken-Kampf entschärfen können
Gut vorbereiten
Es kann die Kooperation des Kindes fördern, wenn man Jacke und Haube am Abend zuvor bereitlegt. Garantie, dass das Kind die Kleidungsstücke am nächsten Tag auch tragen wird, ist das aber keine. Denn besonders kleinere Kinder sind oft noch sprunghaft.
Aus den Augen, aus dem Sinn
Die Sandalen oder die dünne Jacke, die das Kind auf keinen Fall anziehen soll, am besten gleich wegräumen. Wenn es die Kleidungsstücke nicht zu Gesicht bekommt, stehen die Chancen gut, dass es gar nicht auf die Idee kommt, sie anzuziehen.
Unterschiedliches Kälteempfinden
Die einen frieren schnell, anderen ist immer warm. Was für Erwachsene gilt, trifft auch auf Kinder zu: Es gibt unterschiedliches Kälteempfinden! Nur weil Mama oder Papa kalt ist, friert nicht automatisch auch das Kind. Was Eltern oft nicht bedenken:
Während sie am Spielplatzrand stehen und den Kindern beim Spielen zusehen, rennen, toben und klettern diese wie wild und schwitzen.

„Manchmal wird aus dem JackenHauben-Konflikt ein Kampf, als würde es um Leben und Tod gehen. Eine gewisse Lockerheit hilft hier.“
MARTINA WOLF
Elternberaterin
www.martinawolf.at


