Sie steht seit mehr als 30 Jahren im Klassenzimmer. Zunächst in einer Volksschule, später in einer Mittelschule in Wien-Favoriten. In ihrem 2018 veröffentlichen Buch „Klassenkampf im Klassenzimmer“ hat sie darüber geschrieben, wie Zuwanderung und Islam die Schulen verändern – und damit die Gemüter gespalten. Im August ist nun ihr zweites Buch „Gebt unseren Kindern eine Chance“ erschienen. Erneut berichtet die Lehrerin über einen Schulalltag, in dem Gewalt, Sprachprobleme, kulturelle Konflikte und fehlende Ressourcen den Unterricht zunehmend bestimmen. Ihre ernüchternde Bilanz: Die Lage an den Schulen habe sich verschlimmert.
Was ist so aus dem Ruder geraten?
„Ob Konflikte schlichten, Regeln erklären, Grenzen setzen, sprachliche Defizite ausgleichen – vielfach ist man mit Deeskalation oft weit mehr beschäftigt als mit der Vermittlung des Lehrstoffs“, behauptet Wiesinger. Die wesentlichen Ursachen für die Probleme, vor denen Lehrkräfte in Schulen mit besonderen sozialen und integrativen Herausforderungen stehen, sieht die Lehrerin und Buchautorin hauptsächlich in der mangelnden Integration vieler zugewanderter Familien. „Abgesehen davon, dass selbst in Industriestädten wie Wels, Bludenz oder Kapfenberg viel zu viele Kinder zu schlecht Deutsch sprechen oder verstehen, gibt es auch in Schulen kleinerer Städte ähnliche Probleme mit Familien, die sich selbst in der dritten Generation immer noch nicht integriert haben“, kritisert Wiesinger.
Fehlende Integration, veränderte Schülerschaft?
Dass sich die Zusammensetzung der Schülerschaft in Österreich in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat, zeigen auch die Zahlen: Im Schuljahr 2024/25 hatten rund 21 Prozent der Schülerinnen und Schüler keine österreichische Staatsangehörigkeit – 2006/07 waren es noch 9,2 Prozent. In Wien lag der Anteil zuletzt bei 38,1 Prozent. Nochaussagekräftiger für den Schulalltag ist jedoch die Sprache: Österreichweit sprachen 26 Prozent der Schüler:innen im Alltag eine andere Sprache als Deutsch, in Wien waren es 48,9 Prozent. Was den Deutschförderbedarf betrifft, gibt es ebenso deutliche Unterschiede zwischen Wien und den übrigen Bundesländern: 2024/25 waren österreichweit rund 11 Prozent der Volksschüler:innen wegen unzureichender Deutschkenntnisse als außerordentliche Schüler:innen eingestuft, in Wien waren es rund 20 Prozent. Bei den Wiener Erstklässler:innen lag der Anteil sogar bei 44,6 Prozent.
Auch zur Religionszugehörigkeit gibt es inzwischen Daten, allerdings nicht aus der regulären Schulstatistik der Statistik Austria. Eine Sonderauswertung für öffentliche Wiener Pflichtschulen weist für 2024/25 einen Anteil von 41,2 Prozent Schüler:innen mit islamischem Religionsbekenntnis aus. 34,5 Prozent hatten ein christliches und 23 Prozent kein religiöses Bekenntnis.

Bedingungen für Bildungschancen verbessern
Während auf gesellschaftspolitischer Ebene zuletzt viel über das mit dem neuen Schuljahr eingeführte Kopftuchverbot für Mädchen diskutiert wurde, geht es für Susanne Wiesinger um eine weiterreichendere Frage: Wie können Schulen mit den Herausforderungen des täglichen Zusammenlebens und Lernens umgehen? „Ich habe dieses Buch geschrieben, nicht nur um auf die verschäften Probleme hinzuweisen. Mir geht es um die Kinder – und GEMEINSAM WEITERKOMMEN. Ziehen Eltern und Schule an einem Strang, profitieren vor allem die Kinder – und bekommen bessere Chancen für ihren Bildungsweg.darum, wie wir ihre Bildungschancen konkret verbessern können“, bekräftigt Wiesinger. Dafür sieht die Lehrerin und Bildungsexpertin mehrere Hebel. Stichwort Integration: Eltern müssten stärker in die Verantwortung genommen werden, wenn es um die Bildung ihrer Kinder geht. Wo notwendige Fördermaßnahmen nicht mitgetragen werden, brauche es aus ihrer Sicht auch Konsequenzen – bis hin zu finanziellen Sanktionen. Gleichzeitig fordert sie mehr Handlungsspielraum für Schulen und Sozialarbeiter:innen, wenn Kinder wiederholt Grenzen überschreiten. Statt zusätzlicher bürokratischer Hürden wünscht sie sich zum Beispiel eine intensivere Begleitung betroffener Familien. „Ich würde mir da auch mehr Handhabe gegenüber Kindern wünschen, die klar Grenzen überschreiten: Sozialarbeiter:innen sollten etwa auch polizeiliche Anzeigen machen dürfen“, sagt Wiesinger. Mehr Durchmischung ist für die Lehrerin inzwischen kein brauchbarer Lösungsansatz mehr: „Ich glaube, dass der Zug dafür bereits abgefahren ist. Dafür hätte man die Zuwanderung früher einschränken müssen“. Was hingegen helfen würde: kleinere Gruppen in den Schulklassen und Kindergärten, eine engmaschigere Begleitung betroffener Familien, niederschwellige und qualitative Förder- und Freizeitabgebote – und vor allem mehr Verbindlichkeit. Eltern sollten mehr in die Pflicht genommen werden, denn „wer Teil dieser Gesellschaft ist, hat nicht nur Rechte, sondern auch Verantwortung“, meint Wiesinger. Allen voran aber brauche es eine Bildungsreform, die langfristig angelegt ist und von allen Beteiligten gemeinsam getragen wird. „Sonst wird man überstimmt“


