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Home » „Selbstverletzungen sind immer ein Hilferuf!“
Gesund bleiben

„Selbstverletzungen sind immer ein Hilferuf!“

Sabine StandenatVon Sabine StandenatNovember 8, 2019Aktualisiert:März 5, 20263 Minuten Lesezeit
© Pixabay
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Claudia Rupp, klinische Psychologin und Psychotherapeutin in Wien, über Ritzen als Alarmruf der Seele von betroffenen Kindern und Jugendlichen und wie Eltern diesen beistehen können.

Warum verletzten schon kleine Kinder sich selbst?
Es gibt zum Beispiel DreiJährige, die mit dem Kopf gegen die Wand oder auf den Boden schlagen, weil sie sich über etwas ärgern, frustriert sind oder mit bestimmten Gegebenheiten nicht zurechtkommen. Auch Kinder im Volksschulalter können sich kratzen oder beißen, bis sie bluten, oder kleine Wunden wie Abschürfungen und Insektenstiche immer wieder aufkratzen, so dass sie über Monate nicht verheilen. Dieses Verhalten ist immer Ausdruck der Not des Kindes.

Warum „ritzen“ sich Jugendliche?
Die Ursachen können unerträglicher Druck, Anspannung, Frustration, traumatische Erfahrungen wie Gewalt, sexueller Missbrauch, Mobbing, Verlusterlebnisse, Selbstbestrafungswünsche bis hin zu allgemeinen Gefühlen der Überforderung, Verzweiflung oder Hilflosigkeit sein. Das nicht ertragen Können dieser inneren Spannung führt dazu, dass die Jugendlichen versuchen, sich über den äußerlich zugefügten Schmerz von den inneren Qualen abzulenken. Meist erleben sie durch das „Ritzen“ eine unmittelbare, wenn auch oft nur sehr kurze „Entspannung“. Das führt dazu, dass dieses Verhalten immer wiederholt wird. Gleichzeitig treten aber auch Schuldgefühle auf, die mit Scham verbunden sind. Die Folge davon ist, dass Jugendliche versuchen, ihre Selbstverletzungen zu verstecken. So tragen sie lange Ärmel im Sommer, wollen keine Badekleidung anziehen oder verweigern das Entkleiden im Turnunterricht.

Wann beginnt dieses Verhalten in der Regel?
Am häufigsten tritt selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen am Beginn und während der Pubertät auf. Sie ritzen sich mit Rasierklingen, Scheren, Zirkeln, Nadeln oder Glasscherben, meist an den (Unter-)Armen, fallweise aber auch an den Beinen oder anderen Stellen des Körpers.

Vermitteln Sie Ihrem Kind „Sprich mit mir. Ich bin da!“ Aber bedrängen Sie es nicht.

Mag.a Claudia Rupp, www.psychnet.at/claudiarupp

Wie können Eltern helfen?
Auch wenn Jugendliche und Kinder versuchen, ihre Wunden zu verbergen, so sind sie doch immer als Hilferuf im Sinne von „Schau her, mir geht’s nicht gut“ zu werten. Oft sind Eltern, die bemerken, dass ihr Kind sich „ritzt“, selbst massiv überfordert. Trotzdem ist es ganz wichtig, dass sie möglichst ruhig und verständnisvoll reagieren. Sprechen Sie Ihr Kind auf die Verletzungen an und versuchen Sie, seine Beweggründe zu verstehen. Bieten Sie ihm ein offenes Ohr, ohne es zu bedrängen. Und vermitteln Sie immer „Ich bin für dich da“. Bitten sie es, mit Ihnen darüber zu reden, wenn es wieder das Gefühl hat, sich etwas „antun zu müssen“. Vielleicht können Sie gemeinsam nach Alternativen suchen. Selbstverletzung geht mit dem Wunsch, „sich zu spüren“ oder etwas „nicht mehr zu spüren“, einher. Oft hilft es, in Situationen, in denen der Wunsch nach Ritzen oder Schneiden sehr groß wird, sich andere intensive Körpersensationen wie Geruchs-, Geschmacks- oder Spürerlebnisse zuzuführen, die weniger selbstschädigend sind: einen Eiswürfel halten oder über den Unterarm streifen, sich mit einem Gummiringerl „schnalzen“, ein sehr scharfes Zuckerl essen, kurz an einer Chilischote lutschen oder an einem Riechfläschchen mit intensivem Duftinhalt riechen.

Was sollten Eltern nicht tun?
Machen Sie dem Kind auf keinen Fall Vorwürfe und ringen Sie ihm auch kein Versprechen ab, das „nie wieder“ zu tun.

Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es?
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie und Ihr Kind zusätzliche Unterstützung brauchen, sollten sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Oft reicht es nicht, Veränderungen auf der Handlungsebene herbeizuführen, sondern die dahinter liegenden Ursachen müssen bearbeitet werden. Klinische Psychologen und Psychotherapeuten können hier sowohl für Eltern als auch für Kinder und Jugendliche gute Unterstützungsangebote zur Verfügung stellen.

RAT UND HILFE

Helpline des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen
01-5048000
Rat auf Draht 147
Sozialpsychiatrischer Notdienst 01-31 330

Weitere Infos zu Gesundheitsthemen finden Sie auf

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Sabine Standenat

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