Es gibt keine schönere Aufgabe im Leben, als Mama oder Papa zu sein. Es gibt aber auch keine schwierigere. Da ist es nicht immer einfach, die Ruhe zu bewahren. Egal, ob man morgens schon spät dran ist, der Nachwuchs aber unbedingt den einen Pullover anziehen will, der in der Wäsche ist, oder ob das Kind im Supermarkt vor allen Leuten vor dem Süßigkeitenregal einen Wutanfall hat, weil es keinen Schokoriegel bekommt, an manchen Tagen sind die Nerven der Eltern sehr dünn und die Zündschnur ist extrem kurz. Doch was tun, damit man nicht explodiert?
In seinem Buch „Eltern Survival Guide“ stellt Paarund Familientherapeut Sebastian Reisinger 7 Gewohnheiten vor, die es Eltern erlauben, ruhig und gelassen mit allen Herausforderungen der Erziehung umzugehen. Basis ist dabei das Prinzip der sicheren Bindung, denn sie ermöglicht es Kindern, zu gesunden und selbstbewussten Menschen zu reifen. Sebastian Reisinger: „Dein Kind kann seine Ruhe nicht allein finden. Es braucht deine Ruhe, um sich daran zu orientieren.“
Sein wichtigster Rat: Bindung bedeutet nicht Perfektion. Bindung wächst auch und gerade dadurch, dass Eltern Fehler machen. Denn das Entscheidende ist, dass sie dann die Bindung zu ihrem Kind wieder reparieren. So lernen Kinder auch, dass sie Fehler wiedergutmachen können.

Die 7 Gewohnheiten starker Eltern
Basis für ein erfolgreiches und stressfreies Miteinander sind für Reisinger 7 Gewohnheiten, die starke Eltern verinnerlichen sollten:
- Nimm es nicht persönlich
- Bewahre die Ruhe
- Halte alle Gefühle aus
- Setze Grenzen
- Mach es spielerisch
- Rück die Welt wieder gerade
- Sorge gut für dich
Wer mit diesen 7 Gewohnheiten lebt, hat beste Chancen, die Elternzeit positiv und wertschätzend zu gestalten.

Der erste Schritt ist das Verständnis dafür, wie Kinder denken. Denn vieles, was Eltern vor allem in der Kleinkindphase an die Grenze des Erträglichen treibt, ist entwicklungsbedingt. Kleinkinder denken noch nicht mit dem präfrontalen Cortex, sondern ausschließlich mit dem limbischen System, das die wesentlichen Körperfunktionen steuert. Wenn einem Kleinkind kalt ist, schreit es, damit sich der Zustand ändert. Eltern sollten daher immer bedenken, dass sich ihr Kind in diesem Alter nicht anders äußern kann. Das eigentliche Denken beginnt mit dem Verstehen und dauert lange. Erst Mitte 20 ist das Oberstübchen fertig eingerichtet. Bis es so weit ist, stolpert der kindliche Verstand über so manches lose Möbel. Folge sind Reaktionen, die Eltern dann manchmal zur Weißglut treiben können.
Ruhe bewahren und die Fähigkeit zur Selbstregulation auch in besonders herausfordernden Situationen sind daher, so Reisinger, erste Elternpflicht. „Ausrasten ist in solchen Situationen genau die falsche Reaktion“, schreibt er in seinem Survival-Guide für Eltern. „Besser ist es, einen Schritt zurückzutreten, die Situation zu überdenken und einen inneren Kommentar zu sprechen, der zu dem Verhalten passt, das Eltern vorleben möchten.“ Eltern können aber auch die Pausetaste drücken. Sätze wie „Lass mich kurz nachdenken“ verschaffen Zeit, die eigene Wut zu beruhigen. So lernen Kinder Emotionsregulierung auch durch Beobachtung.
Kinder lernen oft, negative Gefühle einfach wegzuwischen. Blöd nur, dass man sie so nicht aus dem Unterbewusstsein bekommt. Daher poppen sie immer wieder auf. Für Eltern ist es wichtig, die Gefühle ihrer Kinder auszuhalten und darauf einzugehen, auch wenn sie manchmal extrem sind. So zeigen sie, dass ihnen die Gefühle ihrer Kinder wichtig sind.
Grenzen setzen ist wichtig
Trotzdem ist es für Eltern wichtig, klare Grenzen liebevoll zu setzen, denn Kinder brauchen Regeln, um sich gesund zu entwickeln. Wenn Kinder diese Grenzen erkennen, werden sie auch nicht ständig testen, ob sie noch gelten.
Eltern sollten sich bei Kindern im Alter zwischen zwei und vier Jahren klarmachen, dass diese absolut im Moment leben. Wenn sie nicht mehr Lego spielen dürfen, weil der Nachmittagsspaziergang ansteht, glauben sie felsenfest, dass es nie wieder Lego gibt. Dementsprechend reagieren sie. Daher ist es für Eltern wichtig, den Wechsel spielerisch zu gestalten.
Statt des Befehls „Zieh deine Jacke an!“ ist es oft zielführender, Kinder in ein Spiel zu verwickeln, etwa so: „Ich wette, du kannst deine Jacke nicht anziehen, bis ich bis zehn gezählt habe.“ Reisinger: „So bauen Eltern Brücken, über die ihre Kinder von einer Aufgabe zur anderen gelangen, ohne gleich loszubrüllen.

Es gibt keine perfekten Eltern
Es ist nur zu verständlich, dass auch Eltern einmal überreagieren und laut werden, wenn das Kind wieder einmal seine Grenzen auslotet. Da Kinder Beziehungswesen sind, ist es wichtig, dass Eltern nach einem Ausraster rasch wieder die Verbindung zum Kind herstellen und ihm zeigen, dass sie es lieben und dass es bei ihnen Sicherheit und Geborgenheit findet. Reisinger: „Eltern sollten dabei ganz ruhig und sachlich bleiben. Es braucht keine Vorwürfe und keine Erklärung, warum es etwa ein Nein zum Fernsehen war.“ Wichtig ist, dass Eltern dabei auch über ihre Gefühle reden und dem Kind zeigen, dass sie nach wie vor für es da sind.
Eltern sollten sich wichtig nehmen
Die vielleicht wichtigste Gewohnheit für coole Eltern: Nimm dich wichtig. Heldenmamas, die alles ohne Gefühlsregung überstehen, niemals ausrasten und immer perfekt funktionieren, sterben seelisch irgendwann den Heldinnentod. Es ist auch für Kinder wichtig, dass sie mitbekommen, dass Mama und Papa auch mal auf sich selbst schauen und für sich Zeit benötigen. Denn nur, wer sein Körperbudget regelmäßig auffüllt, ist stark genug für den Elternalltag. Reisinger: „Gerade Mütter haben oft aus den Augen verloren, was sie selbst brauchen. Sie haben sich zu oft an den Bedürfnissen anderer orientiert – an den Kindern, am Partner, am Chef. Sie sollten daher dringend daran denken, was ihnen selbst Energie gibt, sich vom Perfektionismus verabschieden und Rituale oder Routinen schaffen, die ihnen guttun. Davon profitieren letztendlich auch die Kinder.“


