Demokratisches Engagement beginnt für Natascha Sagorski bereits in der Familie. Gerade in Zeiten, in denen Populisten Feindbilder aufbauen und die demokratischen Prinzipien untergraben, ist es für sie besonders wichtig, bereits Kindern zu erklären, wie man Populisten erkennt und sich ihnen wirksam entgegenstellt, sei es am Schulhof oder im täglichen politischen Diskurs. Die Aktivistin weiß, wovon sie spricht, denn durch ihren Einsatz gibt es in Deutschland trotz zahlreicher Widerstände heute einen gestaffelten Mutterschutz nach Fehlgeburten. „familiii“ sprach mit ihr über ihre Motive, Kinder und Jugendliche zum selber denken zu motivieren.
Wie groß ist die Gefahr durch Populisten, denen demokratische Staaten heute ausgesetzt sind?
SAGORSKI: Die Gefahr ist extrem groß, viel größer, als sich das jeder von uns vorstellen kann. Die Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen von allen Seiten wird immer heftiger und sie beginnt immer früher. Das hat sehr negative Auswirkungen. Laut der aktuellen Bertelsmann-Studie haben die Menschen kaum mehr Vertrauen in das Funktionieren der Demokratie.
Gilt das auch für Kinder und Jugendliche?
SAGORSKI: Gerade Kinder und Jugendliche sind leicht zu manipulieren. Das beginnt schon zuhause am Küchentisch. Wenn Mama und Papa ständig über die unfähige Regierung wettern, glauben die Kinder automatisch, dass sie schlecht ist. Dazu kommen die sozialen Medien, die es Populisten unglaublich leicht machen, ihre Botschaften vor allem an die Jungen zu transportieren. Da bekommen Achtjährige mit, dass Populismus auf TikTok Spaß macht und einfache Antworten und vermeintliche Lösungen auf die großen Probleme unserer Zeit liefert. Auf die Idee, dass das gar nicht stimmt, kommen sie, übrigens so wie viele Erwachsene, gar nicht.

Was war Ihre Motivation, ein Kinderbuch zum Thema Populismus zu schreiben?
SAGORKSI (LACHT): Eigentlich sollte es in meinem ersten Kinderbuch eher um Einhörner gehen. Doch dann war da dieses Thema, das mich einfach nicht mehr losgelassen hat. Wir müssen unsere Kinder auf die gefährliche Welt des Populismus vorbereiten. Sie dürfen in einer Welt voll KI und „einfachen“ Lösungen nicht darauf vergessen, selbst zu denken und nicht alles für bare Münze zu nehmen, was ihnen Algorithmen vorspiegeln.
Dazu braucht es aber auch Eltern, die wollen, dass ihre Kinder selbständig denken lernen. Das ist auch für Eltern ein wichtiger Lernprozess, denn der Elternsprech ist nicht immer der sprachliche Goldstandard.
Was ist das Entscheidende, um Kindern eigenständiges Denken und Handeln schmackhaft zu machen?
SAGORSKI: Man muss die Kinder laufend animieren, dass sie zu allem was sie wahrnehmen ihre eigene Meinung haben und dazu auch stehen.
Wie kann man Kinder vor den Gefahren der sozialen Medien schützen? Wären da Verbote nicht ein sinnvoller Weg?
SAGORSKI: Man kann sein Kind nicht vor dem Weltgeschehen fernhalten. Es ist wie mit der Sonne: Kinder brauchen Licht, aber wir können sie entsprechend eincremen, um sie zu schützen. Die Creme gegen Populismus ist das selbständige Denken, nur das bietet wirklich dauerhaften Schutz.

Wäre es nicht die Aufgabe der Schule, Kinder zum selber denken anzuhalten?
SAGORSKI: Die Erziehung zu selbständigem Denken und Handeln kann man nicht alleine der Schule überlassen. Die hört nämlich irgendwann auf und dann sind die Eltern am Zug. Dazu kommt, dass Demokratiebildung und die Schulung für den richtigen Umgang mit sozialen Medien in unseren Schulsystemen viel zu spät beginnt, nämlich erst in der 5. Schulstufe. In den Volksschulen werden diese Themen absolut stiefmütterlich behandelt, dabei findet in dieser Altergruppe meistens der Erstkontakt mit digitalen Medien, und damit auch mit Populismus, statt. Es gibt mit Sicherheit viele engagierte Lehrer und Lehrerinnen an den Volksschulen, die von sich aus diese Themen in den Unterricht einbauen, aber in Wirklichkeit passen diese nicht in die derzeit aktuellen Lehrpläne. Deren Umstellung dauert leider sehr lange, denn Schulen sind sehr träge Systeme.
Sind Eltern heute mehrheitlich in der Lage, ihren Kindern Demokratie näherzubringen?
SAGORSKI: Viele Eltern sind sehr engagiert, aber noch mehr stehen derzeit unter extremen Druck am Arbeitsplatz oder in anderen Bereichen. Dazu kommt, dass diese Generation keine umfassende Demokratiebildung in der Schule erlebt hat. Es wäre daher enorm wichtig, dass auch Eltern Demokratiebildung erhalten. Denn Demokratie darf niemals zu einem Elitending werden. Daher muss der Staat auch die bildungsfernen Schichten erreichen, sonst haben wir ein großes Problem. Denn wo Existenzängste herrschen, feiert der Populismus Party.
Wäre es da nicht einfacher, soziale Medien rechtlich zu begrenzen und viel stärker zu kontrollieren?
SAGORSKI: Es braucht sicherlich schärfere Regularien für die US-Plattformen. Dazu kommt, dass die Algorithmen, die den Plattformen zugrunde liegen, viel schärfer von staatlicher Seite aus kontrolliert werden müssen, denn derzeit liefern sie bei Konsumation von populistischen Inhalten ganz gezielt weitere derartige Inhalte an die Nutzer aus. Von einem Verbot sozialer Medien halte ich allerdings gar nichts. Alles, was verboten ist, übt bekanntlich einen ganz besonderen Reiz aus. Eltern und Schulen müssen daher die Medienkompetenz der Kinder schulen, etwa indem einmal am Tag gemeinsam die Nachrichten geschaut oder Zeitungen gelesen werden und dann über die Inhalte diskutiert wird. Schulen sind angehalten, den Kindern beizubringen, Fake News zu erkennen. Hier hinkt der Lehrplan wieder einmal der Lebensrealität der Kinder nach.
Was ist im Kampf für Demokratie für Kinder das Wichtigste?
SAGORSKI: Das Wichtigste sind Eltern, die sich mit ihren Kindern beschäftigen und ihnen Demokratie und selbst denken vorleben.


