Ein Viertel aller österreichischen Jugendlichen weist ein niedriges Wohlbefinden auf, jede:r Zehnte zeigt eindeutig Anzeichen psychischer Probleme, betontpro mente Austria 2025. Besonders betroffen: junge Mädchen. Über deren Lebensrealität hat nun auch Jana Frey ein Sachbuch geschrieben. In „Wir verlieren unsere Töchter“ resümiert die Kinder- und Jugendbuchautorin, die auch als Familiencoach tätigist, welche Themen Mädchen heute beschäftigen: Jana Frey schreibt vor allem über deren Druck, schön, schlank und beliebt zu sein, und wie Eltern mit ihrem Nachwuchs kommunizieren sollen. Im Interview mit „familiii“ spricht sie über Jugendliche, denen die Gedanken fehlen, wie sich Mädchensein in den letzten Jahrzehnten verändert hat und welche Tipps sie für Eltern im Umgang mit deren Kindern – und vor allem Töchtern – hat.
Ihr neues Buch heißt „Wir verlieren unsere Töchter“. An wen verlieren wir sie?
FREY Wir verlieren sie an eine Leere, an ein immer größer werdendes Drama, an eine unheimliche Stille. Sie posten zwar alle online, sind aber sonst leise. Ich arbeite schon sehr lange mit Jugendlichen und selten habe ich so stille Jugendliche gesehen. Sie finden oft keine eigenen Worte mehr– egal, ob zu Politik oder Gedanken zu ihrem Leben.

Warum fehlen die Gedanken?
FREY Wir haben uns als Gesellschaft zurückentwickelt. Echte Wissensvermittlung findet immer seltener statt. Die Lehrkräfte an den Schulen sind am Limit, sie sollen mittlerweile auch erziehen und tausend andere Aufgaben absolvieren, das können sie längst nicht mehr. Viele Schüler*innen haben zwar einen besseren Notendurchschnitt als das früher der Fall war, aber fragt man nach, dann sieht man schnell, wie wackelig ihr Wissenist. Zudem führen die Eltern immer weniger Gespräche mit ihren Kindern – der Austausch fehlt.
Wie hat sich Mädchensein in den letzten Jahrzehnten verändert?
FREY In den 1950er Jahren hatten Mädchen weniger Rechte und weniger Möglichkeiten auf Bildung als Jungen. Sie waren nicht frei, sie durften nicht selbstständig arbeiten und kaum Fragen stellen. Sie hatten ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen und mussten häufig ihre vom Krieg schwer traumatisierten Ehemänner aushalten. Ab den 1970er Jahren gab es einen Aufstieg und in den 1980er Jahren große Freiheiten. Ab den 1990ern und den 2000ern Jahren merkt man einen Umschwung: Durch das Privatfernsehen, Konsumkultur und Social Media verschob sich der Fokus auf das Aussehen, Beliebtheit und Konsum
Und wie hat sich die Beziehung zwischen Eltern und ihren Töchtern verändert?
FREY Eltern sind immer mehr mit sich selbst beschäftigt und sehen ihre Kinder wenig so wie diese sind. Es liegt zwar ein großer Fokus auf Schwanger schaft und Geburt, aber sind die Kinder da, werden sie bald „ruhig gestellt“. Das führt dazu, dass immer mehr Kinder auffällig werden. Wenn die elterliche Fürsorge abnimmt, sollen oft die „Profis“ ran. Jugendliche kommen viel zu rasch in Kliniken und ihre Eltern beruhigen sich oft mit dem fälschlichen Gedanken, dass sie nun nicht mehr zuständig sind. Fürsorge, Beachtung und Wertschätzung gehen verloren – zulasten der Kinder und Jugendlichen.

Sie schreiben, dass Eltern ihre Kinder seit geraumer Zeit weniger streng erziehen und beziehen sich dabei auf die Begriffe mütterliche und väterliche Liebe von Erich Fromm.
FREY Erich Fromm unterschied zwischen der mütterlichen und der väterlichen Liebe, wobei es keine Rolle spielt, wer welche Liebe gibt. Die mütterliche Liebe beschreibt die Tatsache, dass das Kind geliebt wird, einfach weil es da ist. Die väterliche Liebe ist an Bedingungen geknüpft, etwa daran, dass ein Kind auch Ziele erreichen und in der Gesellschaft ‚klarkommen‘ muss, diese Form der Liebe existiert heute viel weniger.
Heutzutage leben viele Eltern getrennt und die Kinder werden so oft in Patchwork-Familien groß. Die leiblichen Väter sind oft abwesend und die neuen Partner halten sich bei der Erziehung eher heraus. Niemand will mehr den Posten des „strengen“ Erziehers/der strengen Erzieherin haben.
Wie setzt man Grenzen?
FREY Ich schimpfe nicht und bin nicht böse, aber ich sage deutlich ‚Stopp‘. Man muss kindgerecht erläutern, welches Verhalten man sich vom Nachwuchs erwünscht. Kinder spüren, wenn Eltern genervt und überfordert sind. Es ist also besser, Grenzen zu setzen. Keine Strenge wie in den 1950er Jahren, aber kindgerechte, transparente Infos dazu, welches Verhalten die Basis ist.
Mädchen müssen heutzutage Druck standhalten – besonders hinsichtlich ihres Aussehens.
FREY Das finde ich ganz schlimm. Die Zeit der Jugend war immer anstrengend, auch ich hatte Akne und trug eine Zahnspange, aber so viele Jugendliche, die sich hässlich finden, die bestimmte Kleidung nicht tragen wollen, weil sie sich darin dick finden, das hatten wir bisher nie. Jugendliche zerlegen sich heute in Einzelteile – sie betrachten ‚besorgt‘ ihre Nase, ihre Haare, ihr Gewicht, ihre einzelnen Körperteile. Sie haben wenig Sorglosigkeit. Sie gehen in Fitnessstudio, trinken Proteinshakes und wollen Muskeln aufbauen.

Kann man diesen Druck entgegenwirken?
FREY Wir müssen auf uns selbst und unsere Sprache achten. Aussagen wie ‚Schau dir die dicke Nachbarin’ an sind nicht okay. Eltern sollten ihre Kinder nicht zu sehr für Äußerlichkeiten loben und lieber anderen Themen mehr Raum geben; ebenso ist es wichtig, wie man seinen eigenen Körper kommentiert. Auch Diäten sollten nicht mit Kindern besprochen werden. Wir müssen unseren Kindern vermitteln, froh zu sein, wenn man gesund ist, gut zu seinem Körper zu sein. Wir sollen ihnen sagen: ‚Du bist schön so wie du bist‘.
Manche Punkte, die sie beschreiben betreffen alle Kinder. Wo sehen sie Probleme, die vor allem Mädchen betreffen?
FREY Sehr früh ‚erlauben‘ Eltern Mädchen, sich ‚schickzumachen‘, schon 10-jährige Mädchen schminken sich, glätten ihre Haare, sind auf Äußerlichkeiten fixiert. Viel zu oft werden Mädchen über ihr Aussehen defi niert und Mädchen werden zu früh in ‚schicke‘ Anziehsachen gezwängt. Man kauft in Geschäften wie H&M, bei denen schon Kleinkinder die gleiche Kleidung und die gleichen Accessoires wie Jugendliche oder Erwachsene tragen. Kindliche (neutrale) Kleidung ist ‚out‘.
Schönheitsideale sind geprägt von Medien und auch von Pornografie. Was raten Sie Eltern, wenn Kinder mit Pornografie in Berührung kommen?
FREY Solche Aufnahmen erschrecken Kinder, man muss sie davor schützen und ihnen erklären, was daran schlecht ist. Man muss das Gespräch suchen und kindgerecht erklären. Sexualität ist nichts Schlimmes, aber Pornos oder Dark-Romance-Romane vermitteln ein völlig falsches Bild. Bei Dark Romance geht es um Gewalt, Besitztum und unterwürfi ge Frauen. Das ist problematisch und Kinder bzw. Jugendliche sollten solche Bücher nicht lesen. Meinen Kindern habe ich sie verboten.
Wie sollten Eltern mit dem Thema Essstörung umgehen?
FREY Ich finde es wichtig, gemeinsam zu essen und dabei fröhliche Gespräche zu führen. Das Essen soll nicht der einzige Grund sein, warum man zusammenkommt. Man sollte natürlich weitestgehend gesunde Speisen zubereiten, aber es sollte sich nicht alles nur ums Essen drehen. Sagt ein Kind, dass es bereits nach ein paar Bissen satt sei, müssen die Eltern genauer hingucken, die Situation beobachten oder erklären, wie viel Essen in den ‚Bauch passt’ und dass der Körper Nahrung braucht, um gesund zu bleiben. Dabei Begriffl ichkeiten wie ‚Essstörung‘ und ‚Magersucht‘ bewusst vermeiden und versuchen, in der Fröhlichkeit zu bleiben. Unbedingt selbst ‚gut essen‘.

Sehen Sie auch positive Entwicklungen in den letzten 20 Jahren?
FREY Eine großartige, wirklich mutmachende Entwicklung ist die neue Offenheit beim Umgang mit der Periode. Mädchen können heutzutage weitgehend schamfrei darüber kommunizieren. Oft hört man Mädchenstimmen, die vor Unterrichtsbeginn durch den Klassenraum rufen: ‚Hat jemand einen Tampon (eine Binde) dabei?’ Das ist eine schöne Entwicklung.
Wie können Eltern den Kontakt zu ihren Kindern aufrechterhalten?
FREY Mein größter Rat ist, sich Zeit zu nehmen. Bücher vorzulesen statt Kinder vor einem Bildschirm zu setzen. Selbst wenn der Kontakt zu den eigenen Kindern schwieriger geworden ist, ist es nie zu spät, um ihn verbessern zu wollen. Genauso kann man dem Kind das Smartphone wieder entziehen oder eine smartphone-freie Zeit einführen. Kinder sollen merken, wie wichtig sie für die Eltern sind. Eltern sollen aus ihrem Leben erzählen, ihnen Neues zeigen, sich Zeit nehmen. Zudem sollte man keine Angst vor Konfl ikten haben, aber zugleich den Respekt voreinander wahren.
Welche Tipps haben Sie für Eltern von Teenagern, um den Kontakt mit diesen zu bewahren?
FREY Man kann Vorlesen durchaus lange anbieten, auch ‚Fehlerlesen’ ist lustig: Man wählt ein Buch und alle lesen der Reihe nach – bis man sich verliest, dann ist der Nächste dran. Auch Buchrätsel sind spannend: Wahlweise wechselt man zwischen den Zimmern und am Bücherregal der Eltern wählt man ein Buch der Eltern, das diese nicht sehen. Man liest wahllos an einer zufälligen Stelle daraus vor, lässt aber alle Namen weg. Die Eltern versuchen zu erraten, um was für ein Buch es sich handelt. Dasselbe macht man anschließend im Zimmer der Kinder. Man kann auch Spieleabende etablieren – einen Werwölfe-Abend, ein Krimidinner, einen Pokerabend oder Karaoke singen mit abwechselnden Liedern aus der Eltern und der Kindergeneration. Aus der eigenen Jugend erzählen ist ebenfalls sehr gut: schlimme Streiche, Sorgen, spannende Erlebnisse – all das eignet sich, um mit den Kindern in einen guten, innigen Austausch zu kommen.


