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Home » Zu Dank verpflichtet?
Erwachsen werden

Zu Dank verpflichtet?

Sandra LobnigVon Sandra LobnigMai 8, 2023Aktualisiert:Feber 25, 20264 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Eltern erwarten von ihren Kindern in Sachen Dankbarkeit oft zu viel. Dabei sind Kinder ihren Eltern nichts schuldig, auch keine Dankbarkeit.

Diesbezüglich sind sich wohl alle einig: Die Mama nur am Muttertag zu herzen, und ihr zu zeigen, wie lieb man sie hat, ist zu wenig. Über eine Extraportion an Liebesbekundungen am Muttertag freuen sich die meisten Mütter aber schon. Über ein Dankeschön auch. Soll es nicht so sein? Mütter – genauso wie Väter – tun so viel für ihre Kinder, ist da nicht hin und wieder ein Dankeschön mehr als angebracht? „Unsere Kinder schulden uns nichts, auch keine Dankbarkeit“, sagt die Elternberaterin Sandra Teml. So schön es ist, wenn sich Kinder direkt oder indirekt dankbar zeigen: Ein Recht darauf haben Eltern nicht. Auch wenn sie sich für ihr Kind über Gebühr abmühen, steht dieses nicht in ihrer Schuld, weder für den besonderen Ausflug, die liebevoll bestückte Jausenbox oder das aufwendige Mittagessen. „Das Dasein der Kinder allein ist ihr Geschenk an uns. Ihr Gedeihen, ihr nach vorwärtsgelebtes Leben ist unser Lohn.“ Kindern das zukommen zu lassen, was sie zum Großwerden brauchen – Fürsorge, Geborgenheit, Erziehung – ist ohnehin nicht optional. Es ist elterliche Pflicht.

Auch ein Blick in die Entwicklungspsychologie zeigt, dass Eltern in Sachen Dankbarkeit oft zu viel von ihren Kindern erwarten. „Im Kindesalter ist es für den Nachwuchs nicht überblickbar, was Eltern alles leisten und wo sie zurückstecken“, sagt die Psychologin Elke Prochazka. „Kinder müssen erst lernen, sich empathisch in andere einzufühlen.“ Genau das sei jedoch eine Grundvoraussetzung dafür, um dankbar sein zu können. Ein Vierjähriger sieht nicht, dass seine Mutter zwar erschöpft ist und trotzdem noch eine Runde Memory mit ihm spielt. Einer Achtjährigen ist nicht bewusst, dass es ihren Vater Mühe kostet, ihr Fahrrad zu reparieren. Erst viel später würden Kinder begreifen, was ihre Eltern alles für sie gemacht haben, dann, wenn sie ihre eigene Familie mit anderen vergleichen oder wenn sie selbst erwachsen werden. Doch selbst wenn man weiß, dass man sich von Kindern keine Dankbarkeit erwarten darf, ist es manchmal schwer auszuhalten, wenn das eigene Bemühen scheinbar gar nicht gesehen wird. „Da hilft es, sich auf die Momente zu besinnen, in denen Kinder – in ihrem möglichen Rahmen – etwa durch eine Umarmung oder ein selbstgemaltes Bild Dankbarkeit und Wertschätzung ausdrücken“, sagt Prochazka.

© Shutterstock

Habe ich meine eigenen Grenzen gewahrt? Diese Frage sollten sich laut Elternberaterin Sandra Teml Eltern stellen, bevor sie in die Frustfalle tappen, weil sie von ihren Kindern nicht das zurückbekommen, was sie sich (insgeheim) erwarten. Auch Mütter und Väter dürfen Nein zu ihrem Kind sagen. „Ich empfehle, mindestens einmal in der Woche zu sagen: ‚Das ist mir zu viel‘. Kinder lieben einen dann am meisten, wenn man gut für sich sorgt, nicht wenn man sich für sie aufopfert.“ Kindliche Unzufriedenheit könne man so besser aushalten. Streit zwischen den Geschwistern im Urlaub, Gemecker über das gekochte Essen oder den Frust des Kindes, wenn es zum Geburtstag nicht das Geschenk gibt, das es sich gewünscht hat: „Eltern, die ihre Grenzen wahren, reagieren in solchen Situationen nicht ungehalten, sondern mit einem ‚Schade, dass es nicht so gelaufen ist, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Und Kinder würden an ihren Eltern lernen, dass man höflich und wohlwollend bleiben kann, auch wenn man enttäuscht ist. Auf diese Weise entstehe eine Atmosphäre der Wertschätzung in der Familie. Nicht aber, wenn man von den Kindern Dankbarkeit einfordert und trotzig reagiert, wenn diese nicht kommt.

„Wertschätzung kann man natürlich auch fördern, indem man für Selbstverständliches Danke sagt“, betont Sandra Teml. Danke fürs Ausräumen des Geschirrspülers an die Kinder. Danke fürs Rasenmähen an den Partner. „Freude und Entlastung, die man durch die Hilfe der anderen erfährt, werden dadurch spürbar und der andere fühlt, wie wertvoll er und sein Beitrag ist.“ Kindern zu helfen, eine Haltung der Dankbarkeit zu entwickeln, hat übrigens wenig damit zu tun, ihnen beizubringen, immer artig Danke zu sagen. Es geht darum, einen
Blick für all das Schöne und Gute zu entwickeln, das einem widerfährt. Und das lernen Kinder vor allem durch das Vorbild der Eltern, sagt Elke Prochazka. „Eltern können Sätze sagen wie:
‚Es ist so schön, dass wir an meinem Geburtstag alle gesund sind.‘ oder ‚Wie besonders, dass gerade uns dieses Eichhörnchen besucht hat‘. Auf diese Weise würden Kinder für die großen und kleinen Geschenke, die das Leben ihnen bereitet, sensibilisiert und der Fokus weg von rein Materiellem gelenkt. Denn dankbar kann man zwar auch für das neue Skateboard oder Computerspiel sein, aber eben nicht nur. „Es ist wichtig, dass Kinder Freude und Dankbarkeit unabhängig von Materiellem lernen. Damit werden sie unabhängiger vom Überfluss an all den Dingen, denen sie ausgesetzt sind.“

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Sandra Lobnig

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