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Erwachsen werden

Endlich fad!

Sommerferien – die schönste Zeit des Jahres. Zumindest theoretisch. Praktisch sitzen viele Eltern schon nach wenigen Tagen vor ihrem Nachwuchs, der mit leidendem Blick verkündet: „Mir ist sooo fad!“ Während manche sofort hektisch nach Ausflugszielen, Bastelideen oder dem Tablet greifen, sagen Expertinnen und Experten: Moment mal. Vielleicht ist Langeweile gar nicht das Problem, sondern die Lösung.
Malu WinklerVon Malu WinklerJuli 15, 2026Aktualisiert:Juli 21, 20264 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Text: Angelika Kraft

Lukas, neun Jahre alt, hat Sommerferien. Sein Kalender sieht beeindruckender aus als der eines Managers: Fußball-Trainingslager, Schwimmkurs, Oma-Woche, Wandertag mit der Jungschargruppe, Kindergeburtstag, Kletterpark, Mathe-Sommercamp, …

Doch heute passiert etwas Unerhörtes: nichts. Keine Termine, keine Pläne, keine Animation. Lukas hängt zunächst gelangweilt über dem Küchentisch und jammert. Nach einer halben Stunde baut er aus Kartons eine Ritterburg. Kurz darauf veranstaltet er mit seiner kleinen Schwester ein Fußballturnier im Garten. Und als wäre das noch nicht genug, kramt er schließlich seine Wasserfarben hervor und malt Unterwasserbilder, die er am Abend stolz im Rahmen einer selbst kuratierten Vernissage im Hausflur präsentiert. Was wie ein unspektakulärer Ferientag aussieht, ist in Wahrheit ein kleines Entwicklungsprogramm für das Gehirn.

© Shutterstock

Die Kunst des Nichtstuns

„Langeweile bedeutet, dass Kinder unstrukturierte Zeit für sich haben. Genau dann können aus ihrem Inneren eigene Impulse entstehen“, erklärt die Wiener Psychotherapeutin Dr. Martina Leibovici-Mühlberger. Aus dem scheinbaren Nichtstun entstehe etwas, das früher ganz selbstverständlich war: Muße. Wenn Kinder nicht permanent beschäftigt werden, tauchen plötzlich Ideen auf, es zeigen sich Neigungen und Interessen. Sie möchten zeichnen, basteln, lesen oder etwas bauen. Vielleicht erfinden sie ein Spiel oder verlieren sich stundenlang in einer Fantasiewelt. Was für Erwachsene mitunter wie Zeitverschwendung aussieht, ist für Kinder wertvolle Entwicklungsarbeit.

Der entscheidende Punkt aus psychologischer Sicht: Kinder erleben dabei Selbstwirksamkeit. Sie merken, dass sie selbst etwas erschaffen, verändern und bewirken können. „Diese Erfahrungen sind unglaublich wichtig für den Selbstwert und die Selbstsicherheit“, ist die Expertin überzeugt. Kinder lernen dabei: Ich kann etwas. Ich finde Lösungen. Ich komme selbst auf Ideen. Genau hier liegt auch ein weitverbreitetes Missverständnis. Viele Eltern glauben, Selbstwert entstehe vor allem durch Lob. Tatsächlich entwickelt sich ein stabiles Selbstbewusstsein viel stärker durch eigene Erfahrungen. Wenn ein Kind selbst eine Geschichte schreibt, einen Turm baut oder eine schwierige Situation meistert, spürt es unmittelbar: Ich kann mich auf mich verlassen. Dieses Gefühl kann kein Lob der Welt ersetzen.Das Problem unserer Zeit ist, dass echte Langeweile meist keine Chance mehr bekommt. 

Kaum wird es still, wartet bereits die nächste Beschäftigung. Smartphone, Fernsehen und Spielekonsolen liefern rund um die Uhr Unterhaltung auf Knopfdruck. Das Gehirn wird permanent beschäftigt, aber selten kreativ gefordert. „Natürlich dürfen Kinder auch einmal fernsehen oder ein Computerspiel spielen“, beschwichtigt Leibovici-Mühlberger, „problematisch wird es aber dann, wenn Bildschirme zur Standardantwort auf jede freie Minute werden.“

© Shutterstock

Ferien ohne Dauerprogramm

Die Sommerferien bieten eine besondere Chance: Die Zeit, die Kinder sonst in der Schule verbringen, darf mit schönen Dingen gefüllt werden – aber ohne jeden Ferientag komplett durchzuplanen. Das kann ein Museumsbesuch sein, bei dem Kinder selbst aktiv werden. Oder gemeinsames Musizieren. Oder das Malen eines Bildes – ohne Anspruch auf Perfektion! Oder etwas viel Einfacheres: „Man kann mit seinem Kind auch ganz bewusst das scheinbar Langweilige zelebrieren“, so die Psychotherapeutin. Ein Sommertag auf einer Wiese oder am Badesee. Eine Decke im Gras. Keine Agenda. Kein Programm. Einfach in den Himmel schauen, die Wolken beobachten und warten, was passiert. Denn oft entstehen gerade dann die schönsten Momente. Ein spontanes Spiel. Eine verrückte Idee. Eine Wasserschlacht. Ein Wettlauf. Oder einfach ein langes Gespräch. Dinge, die man nicht planen kann und die gerade deshalb in Erinnerung bleiben.

Unverplante Stunden sind wichtig

Natürlich können sich die wenigsten Eltern neun Wochen lang rund um die Uhr mit ihren Kindern beschäftigen. Viele müssen arbeiten und jonglieren Ferienbetreuung, Großeltern und Homeoffice. Aber auch wenn Mama oder Papa nicht dabei sind, können Kinder solche Freiräume erleben. 

Ein Nachmittag bei Oma und Opa, freies Spielen mit den Nachbarskindern, Zeit im Garten oder einfach ein paar unverplante Stunden nach dem Frühstück bieten genug Raum für eigene Ideen. Denn Langeweile braucht keine aufwendige Inszenierung, sie braucht vor allem Zeit und die Erlaubnis, nicht ständig beschäftigt zu werden. 

Am Ende sind die Sommerferien vielleicht gar nicht dazu da, möglichst viel zu erleben, sondern dazu, wieder zu entdecken, wie gut es tut, einfach einmal nichts vor zu haben. Wenn Kinder lernen, mit Langeweile umzugehen, gewinnen sie weit mehr als Zeitvertreib: Kreativität, Selbstvertrauen und die Fähigkeit, echte Erholung zu finden. Und das ist vermutlich eines der wertvollsten Feriengeschenke überhaupt.

© Shutterstock

So wird aus Langeweile eine Chance

• Nicht sofort eingreifen, wenn Ihr Kind sagt: „Mir ist fad.“ Ein wenig Leerlauf darf sein.

• Smartphone, Fernseher und Spielkonsole nicht zur Standardlösung für freie Zeit machen.

• Freie Zeit bewusst einplanen – nicht jeden Ferientag komplett durchorganisieren.

• Kreative Materialien griffbereit haben: Papier, Stifte, Kartons, Bastelsachen oder Bücher.

• Bewegung ermöglichen: draußen spielen, Rad fahren, klettern, laufen oder einfach herumtoben.

• Gemeinsame Erlebnisse schaffen, ohne Leistungsdruck und Perfektionsanspruch.

• Dem Kind zutrauen, selbst Ideen zu entwickeln und Beschäftigungen zu finden.

• Das scheinbar Langweilige zulassen: auf einer Decke liegen, Wolken beobachten, am Badesee sitzen oder einfach nichts vorhaben.

• Geduldig bleiben: Kreative Einfälle entstehen oft erst nach einer Phase des „Nichtwissens“.

• Wichtig: Langeweile ist kein Zeichen schlechter Elternschaft, sondern oft der Beginn von Fantasie, Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit.

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Malu Winkler

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