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Home » „Beim Erziehen geht es vor allem ums Vorleben…“
Erwachsen werden

„Beim Erziehen geht es vor allem ums Vorleben…“

Daniela JaschVon Daniela JaschNovember 29, 2019Aktualisiert:Feber 26, 20263 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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„…Und dazu gehört auch konstruktiver Umgang mit Streit und Konflikten!“ – Interview zum Thema „Rügen und Rüffel von Fremden“.

Psychiater Hans-Otto Thomashoff spricht über die unabdingbare Vorbildfunktion der Eltern, unangemessenes Maßregeln fremder Kinder und warnt vor einer idealisierten Erziehung.

Inwiefern ist es generelle Aufgabe von Erwachsenen, sich auch fremden Kindern gegenüber erzieherisch zu betätigen?
Hans-Otto Thomashoff: Ich bin der Ansicht, dass sich grundsätzlich niemand in die Erziehung anderer einzumischen hat. Eltern haben ein Recht darauf, das Vorbild für ihre Kinder zu sein, das sie eben gerne abgeben möchten.

Haben aber nicht alle Erwachsene per se Vorbildfunktion, weil sie die Gesellschaft idealerweise auf verantwortliche Weise mitgestalten?
Thomashoff: In früheren Zeiten hat es generell – und so auch in Erziehungsbelange – einen breiteren Konsens darüber gegeben, was richtig oder falsch ist. Kollektives Erziehen kommt etwa in Gesellschaften, in denen Großfamilien noch eine größere Rolle spielen, bei manchen Naturvölkern etwa, mehr Bedeutung zu. Unsere westlichen Gesellschaften stellen jedoch das Individuum in den Vordergrund, und damit ist auch die Freiheit verbunden, Lebensentwürfe verschieden zu gestalten. Insofern ist es folgerichtig, dass es jedem selbst überlassen ist, seine Kinder nach eigenem Gutdünken zu erziehen.

Wo liegen die Grenzen für allfälliges Zurechtweisen fremder Kinder?
Thomashoff: Aggressive Beschimpfungen sind auf jeden Fall unangemessen, und natürlich auch Handgreiflichkeiten. Im Endeffekt geht es beim Erziehen immer ums Vorleben. Dazu gehört auch das konstruktive Lösen von Konflikten. Zum Beispiel, indem wir klare Worte dafür finden, dass wir zwar anderer Ansicht sind, aber dennoch das Recht des anderen auf seine eigene Erziehungsvorstellungen respektieren.

Erziehung ist keine Leistungsshow!

Hans-Otto Thomashoff, Psychoanalytiker und Autor, www.thomashoff.de

Was gilt denn, wenn Kinder bei anderen zu Besuch sind?
Thomashoff: In meinem Haus gelten meine Regeln. Also auch für Gästekinder. Am Spielplatz oder im Park gilt ebenfalls mein Erziehungsmaßstab, wenn ich gerade Aufsichtsperson für andere Kinder bin.

Ist unser Hirn darauf programmiert, eigene Kinder grundsätzlich in Schutz zu nehmen – sogar dann, wenn wir deren Verhalten insgeheim selbst nicht gut heißen?
Thomashoff: Möglicherweise schon. Aber das soll uns nicht von der eigentlichen Erziehungsfrage abhalten, und die lautet: Was möchte ich vorleben? Indem wir Verantwortung für unser Handeln übernehmen, entwickeln Kinder ein Gefühl dafür, nach welchen Wertmaßstäben wir die Dinge einordnen. Und das bedeutet auch: Natürlich darf mein Kind nicht alles machen. Es gibt Eltern, die stets danach trachten, alle Bedürfnisse ihrer Kinder unmittelbar zu befriedigen und sich für ihre Kinder ständig aufopfern. Am Ende tanzen diese Eltern dann nur noch nach der Pfeife der Kinder. Und diese wiederum lernen nicht, mit Frust umzugehen oder die eigenen Bedürfnisse einmal hintanzustellen. Gefühle kann man nicht verbieten – insofern sollten Wut und Aggression nicht verleugnet werden, sondern gelernt werden, wie wir konstruktiv damit umgehen. Sollen Kinder lernen, wie wir zivilisiert miteinander umgehen, müssen wir es ihnen vorleben.

Eltern sind bei Kritik an den Kindern schnell eingeschnappt. Inwieweit könnte das auch mit Tendenzen hin zur Idealisierung des eigenen Erziehungsstils zu tun haben?
Thomashoff: Leider sehen viele Eltern ihre Kinder als narzisstische Aufwertung, als persönliche Aushängeschilder. Deshalb fühlen sie sich durch die Kritik an ihren Kindern selbst angegriffen. Schlechte Stimmung darf es nicht geben, den Kindern muss immer alles recht gemacht werden. Dabei gehören gerade unterschiedliche Bedürfnisse und Auseinandersetzungen zum Leben dazu.

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Daniela Jasch

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