Warum sind Freundschaften gerade zum Schulstart so wichtig?
Der Umstieg vom Kindergarten zur Schule ist für viele Kinder eine sehr große Umstellung und Herausforderung, die mit Unsicherheit und Ängsten einhergeht. Da kann ein vertrautes Kind wie ein „sicherer“ Hafen wirken und Halt geben. In den ersten Wochen, in denen sich langsam das soziale Gefüge in der Klasse bildet, ist es noch leichter, Freundschaften zu bilden, als in einer bestehenden sozialen Gruppe.
Viele Kinder sind schüchtern. Wie können Eltern sie unterstützen, ohne sie zu drängen?
Schüchterne Kinder brauchen einfach oft länger, um Freundschaften zu bilden, und fühlen sich mit einzelnen Kindern oft wohler als in Gruppen. Am wichtigsten ist es, das Kind in seinem Selbstwert zu fördern und seine sozialen Qualitäten zu betonen.
Ab wann sollten Eltern aufmerksam werden, wenn ihr Kind keinen Anschluss findet?
Kinder können noch nicht so klar artikulieren, was ihnen fehlt und körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen haben. Es kann sich auch die Stimmung oder das Essverhalten ändern. Manche Kinder ziehen sich zurück, andere werden aggressiv oder wollen ständig Aufmerksamkeit. Spätestens dann sollte man aufmerksam werden und sowohl mit dem Kind reden als auch den Kontakt zur Lehrkraft suchen.
Was können Eltern ganz konkret tun, damit ihr Kind leichter Kontakte knüpft?
Je jünger das Kind ist, desto mehr müssen die Eltern die Treffen und Gelegenheiten noch in die Hand nehmen. Sie können beispielsweise ein anderes Kind zum Spielen einladen oder gemeinsame Aktivitäten organisieren. Für schüchterne Kinder sind Treffen zu zweit oft leichter als große Gruppen.

Wie viel sollten Eltern sich einmischen und wann ist es besser, das Kind eigene Erfahrungen machen zu lassen?
Das hängt stark davon ab, wie viel man dem Kind zutraut. Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie selbst in der Lage sind, Kontakte herzustellen, Enttäuschungen auszuhalten und kleinere Konfl ikte zu lösen. Wenn ein Kind wiederholt körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen zeigt, sich zurückzieht, gereizt oder aggressiv wird – dann ist es Zeit, einzugreifen.
Laden Sie ein Kind zum Spielen ein und fördern Sie gemeinsame Aktivitäten.
MAG.A BARBARA
SANDNER, Psychotherapeutin und Dipl. Psychologin in freier Praxis in Wien. barbara-sandner.at
Streit unter Kindern gehört dazu. Woran erkennen Eltern, ob es ein normaler Konfl ikt oder schon Ausgrenzung ist?
Eingreifen soll Eltern, wenn körperliche oder psychische Grenzen wiederholt überschritten werden und das Kind sich nicht wehren kann, es ausgegrenzt oder sogar gemobbt wird. Für die Kinder ist es enorm wichtig, dass Erwachsene helfen und nicht hilflos zusehen.
Immer mehr Kinder haben Angst, nicht dazuzugehören. Woran liegt das?
Dazuzugehören ist ein menschliches Grundbedürfnis. Heute verstärken die sozialen Medien die Bedeutung der Beliebtheit und der Wirkung auf andere. Es gibt also eine virtuelle Welt, die häufig ein Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt, obwohl diese nicht unbedingt echt oder verlässlich ist. Gleichzeitig können sich viele Kinder an einem Ausschluss beteiligen. Das kann für betroffene Kinder bedrohlich und überfordernd sein.

Schon Volksschulkinder erleben Gruppendruck. Wie können Eltern ihr Kind stärken, damit es auch einmal Nein sagen kann?
Wie sehr eigene Grenzen respektiert werden und ein „Nein“ Platz hat, lernt ein Kind vor dem Schuleintritt in der Familie. Es wird sein Verhalten in neuen sozialen Situationen wiederholen. Wichtig ist es auch in diesem Punkt, dass Eltern dabei ein gutes Vorbild sind und respektvolle, soziale Beziehungen pflegen.
Was hilft Kindern, selbstbewusst auf andere zuzugehen?
Es hängt natürlich von der Persönlichkeit des Kindes ab, wie selbstbewusst es auf andere zugehen kann. Selbstbewusstsein entsteht vor allem durch Erfahrungen von Selbstwirksamkeit: Eltern können dafür viele kleine Gelegenheiten schaffen – das Kind selbst etwas bestellen lassen, jemanden nach dem Weg fragen lassen oder ermutigen, ein anderes Kind anzusprechen.


