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Home » Einmal dick – immer dick?
Gesund bleiben

Einmal dick – immer dick?

Christian Neuhold und DGPVon Christian Neuhold und DGPOktober 22, 2018Aktualisiert:März 6, 20266 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Eine Analyse aus Deutschland zeigt, dass bei adipösen Jugendlichen die größte Gewichtszunahme im Alter von 2 bis 6 Jahren stattfand. Waren Kinder bereits im Kleinkindalter adipös, entwickelten sie sich sehr häufig auch zu adipösen Jugendlichen.

Kinder müssen vor Übergewicht geschützt werden – daran besteht kein Zweifel. Deutsche Forscher aus Leipzig wollten mit ihrer Studie herausfinden, ob Kinder in einem gewissen Alter besonders gefährdet dafür sind, anhaltendes starkes Übergewicht (Adipositas) zu entwickeln. Die Forscher nutzen für ihre Analyse Daten von 51505 Kindern, von denen aufeinanderfolgende Messungen der Körperzusammensetzung im Alter von 0 bis 14 Jahren (Kindheit) und von 15 bis 18 Jahren (Jugend) vorlagen. In einer weiteren Analyse von 34196 Kindern ermittelten die Forscher, wie stark sich der Body Mass Index (BMI) jährlich veränderte. Der BMI ist ein Maß zur Einschätzung des Körpergewichts einer Person im Verhältnis zu seiner Körpergröße.

Die Forscher fanden heraus, dass die meisten Jugendlichen mit Normalgewicht auch während ihrer gesamten Kindheit normalgewichtig gewesen waren. Fast die Hälfte (53 %) der adipösen Jugendlichen war ab dem 5. Lebensjahr übergewichtig oder adipös. Weitere Analysen zeigten, dass fast 90 % der Kinder, die im Alter von 3 Jahren adipös waren, sich zu übergewichtigen oder adipösen Jugendlichen entwickelten. Unter den adipösen Jugendlichen kam es im Alter zwischen 2 und 6 Jahren zu dem größten Anstieg des jährlichen BMIs.

Die Analysen deckten weiterhin auf, dass es einen Einfluss des Geburtsgewichts auf das spätere Übergewichtsrisiko gab. Kinder, die bei der Geburt mehr wiegen als 90 % der anderen Kinder, werden als LGA-Kinder bezeichnet (aus dem Englischen von large for gestational age). Die LGA-Kinder waren in der Jugend eher übergewichtig oder adipös als Kinder, die bei der Geburt ein normales oder eher geringeres Gewicht aufwiesen.

Schlussfolgernd zeigte die Analyse der deutschen Forscher, dass bei Jugendlichen mit Adipositas der größte Anstieg des Gewichts zwischen dem Alter von 2 und 6 Jahren stattfand. Die meisten Kinder, die in diesem Alter adipös waren, entwickelten sich auch zu adipösen Jugendlichen.

Die Zunahme von Adipositas in allen Altersgruppen ist auch in Österreich zu bemerken. „In Österreich ist jede dritte Frau und jeder zweite Mann übergewichtig – jede zehnte Frau und jeder siebente Mann sogar adipös, also krankhaft übergewichtig. Besonders bedenklich ist der beträchtliche Anstieg von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Aufgrund der zunehmenden Verbreitung und ihrer Relevanz für zahlreiche Folgeerkrankungen muss die Bekämpfung von Adipositas ein vorrangiges Ziel der Gesundheitspolitik sein“, betont Prim. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Hoppichler. Der Internist ist Präsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft (ÖAG), Vorstand des vorsorgemedizinischen Instituts SIPCAN sowie ärztlicher Direktor des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Salzburg.

Hoppichler weist auf eine besondere Problematik hin: „Die Suche nach einer Therapieeinrichtung stellt Betroffene oft vor Probleme. Wer sich in Österreich nach einer passenden Behandlungsmöglichkeit für Adipositas umschaut, wird schnell feststellen, dass die Angebote in ihrer Struktur und Finanzierung sehr unterschiedlich und nur schwer zu überschauen sind. Das erhöht die Zugangsschwelle und schwächt die Motivation, eine Therapie zu beginnen.“ Um für alle Hilfesuchenden mehr Transparenz zu schaffen und die Qualität der Angebote zu ergründen, analysiert SIPCAN regelmäßig das Adipositas-Therapieangebot in Österreich. Aufbauend auf der im Jahr 2015 durchgeführten letzten Erhebung, wurden 2018 die Behandlungsangebote neuerlich durchleuchtet. Die Daten wurden aktualisiert und neue Einrichtungen erfasst.

Insgesamt konnten bei der Erhebung, die von der ÖAG unterstützt wurde, 202 Institutionen in ganz Österreich mittels Online-Befragung zu quantitativen Eckpunkten und qualitativen Aspekten befragt werden. Wer ein Therapie-Angebot in Anspruch nehmen möchte, findet auf www.sipcan.at zwei kostenlose Broschüren mit einer Übersicht zu den aktuellen Therapieangeboten in ganz Österreich. Eine Broschüre informiert speziell über die Adipositas-Therapieangebote für Kinder und Jugendliche, die andere über entsprechende Angebote für Erwachsene.

Die SIPCAN-Untersuchung zeigt, dass das Angebot an Adipositas-Therapieplätzen im Steigen begriffen ist. Dies spiegelt sich auch darin, dass ein Drittel (32,3 Prozent) aller Einrichtungen erst innerhalb der letzten fünf Jahre begonnen haben, Therapien bei Adipositas anzubieten. 31 Prozent aller Einrichtungen bieten Therapien für Kinder, 56,9 Prozent für Jugendliche und 82,4 Prozent für Erwachsene an.

Angebote zur Adipositas-Therapie sind in Österreich am häufigsten in privaten Praxen (42,9 Prozent) zu finden, gefolgt von ambulanten Angeboten in Kliniken (25,9 Prozent) und bei niedergelassenen Diätologen (24,9 Prozent). Angebote von Gemeinden (6,8 Prozent), Reha-Zentren (4,4 Prozent) oder Kuranstalten (3,9 Prozent) spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Bei der Finanzierung konnte eine Tendenz zu einer steigenden privaten Kostenübernahme beobachtet werden. 71,7 Prozent der befragten Institutionen gaben an, dass die Patienten zumindest einen Teil der Therapiekosten privat zahlen. Eine gänzliche Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen wurde von 39,1 Prozent der Einrichtungen genannt. Beide Werte liegen dabei klar über (private Kostenübernahme) beziehungsweise unter (Kostenübernahme durch Krankenkassen) jenen Ergebnissen der vergangenen Jahre.

Aus verschiedenen Studien ist bekannt, dass die Verbreitung von Adipositas stark mit sozioökonomischen Faktoren korreliert. In Ländern mit westlichem Lebensstil sind Männer, Frauen und Kinder aus den niedrigen Bildungs-, Berufsstatus- und Einkommensgruppen weitaus häufiger adipös als diejenigen aus den sozial bessergestellten Gruppen. „Vor dem Hintergrund, dass ein niedriger Sozialstatus mit einem erhöhten Adipositas-Risiko einhergeht, ist der Anstieg von privatfinanzierten Behandlungsangeboten mit Sorge zu beobachten“, warnt Hoppichler, „Der ÖAG ist wichtig, dass niemand auf der Strecke bleibt und jeder unabhängig von seinem Einkommen ein therapeutisches Angebot finden kann, das zu seiner persönlichen Problemstellung passt.“

Hoppichler führt aus: „Es ist relevant, dass allen Betroffenen individuell geeignete und leistbare Therapieangebote offenstehen. Die möglichen Folgen von Übergewicht und Adipositas müssen dabei bedacht werden. Begleiterkrankungen wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Mellitus, Gelenksbeschwerden oder Depressionen stellen mit ihren hohen Kosten eine weit größere Belastung für das Gesundheitswesen dar. Wer also seine Adipositas behandeln lässt und behandeln lassen kann, hilft auch dem System zu sparen.“

Ein Ergebnis der Studie von SIPCAN ist, dass vor allem die Einzeltherapie (an 89,5 Prozent der Einrichtungen) im Trend liegt. Gleichzeitig wird die klassische Gruppentherapie, nur mehr an 45 Prozent der Einrichtungen angeboten. Auch hinsichtlich der Flexibilität richten sich immer mehr Einrichtungen nach den Kundenwünschen. So ist es aktuell an 89 Prozent der Einrichtungen möglich, jederzeit in das Therapieprogramm einzusteigen.

Die Untersuchung zeigte auch, dass die Ernährungstherapie nach wie vor die Hauptrolle in der Adipositas-Therapie spielt. 73,7 Prozent der untersuchten Institutionen bieten diese derzeit an. „Es ist bedenklich, dass neben der Ernährungstherapie die Bewegungstherapie nur in 30,7 Prozent aller befragten Einrichtungen und die Verhaltenstherapie nur in 31,2 Prozent angeboten werden“ erklärt Hoppichler. Dies spiegelt sich auch in der unterrepräsentierten Beteiligung von Psychologen (47,8 Prozent) und Psychotherapeuten (20 Prozent) wider. „Dennoch ist es erfreulich, dass bereits an 74,6 Prozent der Institutionen interdisziplinär gearbeitet wird und an 44,4 Prozent der teilnehmenden Einrichtungen auch zusätzlich Präventionsmaßnahmen angeboten werden“ sagt Hoppichler weiter.

Die Tatsache, dass nur zwei von drei Therapieeinrichtungen (68,8 Prozent) nach evidenzbasierten Leitlinien arbeiten, sollte nachdenklich stimmen. Bei genauer Nachfrage wurde die S3-Leitlinie (Evidenzbasierte Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas) mit 84,8 Prozent am häufigsten genannt. „Die Arbeit nach evidenzbasierten Vorgaben ist für eine bestmögliche Behandlung unumgänglich. Diese stehen für die Qualität der Behandlung. Jeder Hilfesuchende sollte als erstes danach fragen, ob nach evidenzbasierten Leitlinien gearbeitet wird, um nicht irgendeinen Therapieversuch angeboten zu bekommen“ betont Hoppichler.

Mehr Informationen zu SIPCAN

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Christian Neuhold und DGP

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