Viele Eltern und Lehrkräfte haben den Eindruck, dass der Umgangston unter Kindern und Jugendlichen rauer geworden ist. Teilen Sie diese Beobachtung?
DR. GROSSEGGER Er ist tatsächlich rauer geworden – allerdings insgesamt in der Gesellschaft, weshalb die Ursachen auch nicht primär bei jungen Menschen liegen. Wir erleben zunehmend Aggressionen im öffentlichen Raum, etwa gegenüber Zugbegleiter:innen oder Mitarbeitenden in Krankenhäusern. Kinder und Jugendliche wiederum orientieren sich an dieser Erwachsenenwelt.
Warum ist der generelle Umgang miteinader gereizter und auch aggressiver geworden?
DR. GROSSEGGER Steigende Lebenshaltungskosten, wirtschaftliche Unsicherheit, Pandemie, Ukraine-Krieg oder Konfl ikte im Nahen Osten – viele Menschen spüren die Auswirkungen in einer globalisierten Welt sehr deutlich und sorgen sich um die Zukunft ihrer eigenen Familie. Oft fehlt es dann an psychischen Ressourcen für Solidarität oder Empathie gegenüber anderen. Eltern ermutigen ihre Kinder zum Beispiel zu wenig, über den Tellerrand zu schauen und sich in andere hineinzuversetzen. Missverständnisse können schneller entstehen, Menschen reagieren häufi g mit Rückzug oder Aggression.
Welche Rolle spielen Smartphones und soziale Medien?
DR. GROSSEGGER Durch die Digitalisierung erreichen uns Krisen in Echtzeit, wir reagieren ständig auf Nachrichten und stehen permanent unter Reiz. Diese digitale Hektik lässt uns auf scheinbare Kleinigkeiten schneller ungeduldig oder aggressiv reagieren.Erwachsene sind dabei nicht immer gute Vorbilder. Interessant ist aber auch: Viele Kinder wünschen sich, dass Eltern das Handy öfter weglegen und sich Zeit nehmen zuzuhören. Gerade Jugendliche mit intensiver Social-Media-Nutzung wünschen sich häufi g mehr Digital Detox – innerhalb ihrer Peer Group jedoch kaum umsetzbar.Bei verletzenden Aussagen heißt es schnell: „War doch nur Spaß“.

Warum können die Kids oft schwer einschätzen, was Worte auslösen?
DR. GROSSEGGER Sprache ändert sich ständig und Wörter, die früher selbstverständlich verwendet wurden, gelten heute oft als diskriminierend. Gleichzeitig kann die Bedeutung von Begriffen je nach sozialem oder kulturellem Milieu variieren, Begriffe innerhalb einer Gruppe bedeuten oft etwas anderes als außerhalb. In Bildungsschichten wird sehr viel Wert auf politische Korrektheit gelegt – für manche Jugendliche ein moralisches Diktat, worauf sie mit Abwehr oder Provokation reagieren. Wir sehen, dass Sprache Wirklichkeit nur dann gestaltet, wenn auch entsprechend gehandelt wird. Entscheidend ist also weniger die Sorge, sich stets korrekt auszudrücken, sondern eine stärkere Sensibilisierung für die Wirkung von Sprache und Alltagshandeln auf das Gegenüber.
Wo verläuft die Grenze zwischen jugendtypischem Slang und echter sprachlicher Gewalt – und hat es Beschimpfungen am Schulhof nicht immer schon gegeben?
DR. GROSSEGGER Natürlich gab es immer schon einen rauen Umgangston. In der Jugendkultur herrschten dafür aber ritualisierte Regeln. Das gegenseitige „Dissen“ in der Hip-HopKultur etwa, das auch etwas Spielerisches an sich hat. Heute fehlen solche klaren Rahmen oft und wir beobachten kalte Aggression. Erwachsene und Jugendliche sind einander ähnlicher geworden – damit gibt es heute weniger Generationenkonfl ikte. Die Gesellschaft ist deshalb heute aber nicht unbedingt aufgeschlossener gegenüber jugendkulturellen Ausdrucksformen. Und das, obwohl wir heute sensibler den Generationendialog hochhalten und um Toleranz bemüht sind.
DR. BEATE GROSSEGGER ist Expertin für Jugend und Generationen und seit 1996 in der angewandten Sozialforschung tätig.


