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Home » Jeder Fleck im Blick – Experten-Interview
Unsere Zukunft

Jeder Fleck im Blick – Experten-Interview

Sarah WetzlmayrVon Sarah WetzlmayrAugust 13, 2019Aktualisiert:März 6, 20263 Minuten Lesezeit
© Sebastian Reich
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„Mehr geht immer“ – Dr. Claudia Schmied-Wagner ist Mitarbeiterin der Fachstelle für tiergerechte Tierhaltung und Tierschutz und erklärt, warum artgerecht nicht immer gleich artgerecht ist.

Immer wieder liest man, dass Kühe so gehalten werden sollen, dass es ihrer Art entspricht. Was ist Ihrer Meinung nach wirklich artgerecht?
Artgerecht ist, wenn die Tiere ihr natürliches Verhalten adäquat ausleben können. Grundlegend ist dabei die Ernährung, also ausreichend Wasser und Futter. Am besten frisches Gras oder Heu. Dazu zählen aber auch Bewegung, artgerechtes Ruhen, Komfortverhalten und, nicht zu vergessen, das Sozialverhalten, denn Kühe sind Herdentiere, die über das „soziale Lecken“ auch soziale Körperpflege betreiben.

Wie weit ist man diesbezüglich in Österreich und sind die gesetzlichen Mindestbestimmungen tatsächlich auch ausreichend?
Österreich ist bezüglich tiergerechter Milchkuhhaltung auf einem guten Weg. Das österreichische Tierschutzgesetz bildet hierfür eine Basis. Gesetze und Verordnungen sind jedoch keine Empfehlungen für eine besonders tiergerechte Haltung, sondern regeln Mindestanforderungen und definieren, was verboten ist. Leider ermöglichen Ausnahmeregelungen immer noch eine Anbindehaltung von Kühen in Österreich. Über die tierschutzrechtlichen Mindeststandards gehen unter anderem diverse Labelprogramme des Lebensmittelhandels hinaus, welche auf mehr „Tierwohl“ ausgerichtet sind. Hier wird den Kühen in der Tierhaltung mehr geboten, als rechtlich vorgeschrieben ist, wie ganzjährig Freilauf oder Weide. Für den Konsumenten oder die Konsumentin besteht also die Möglichkeit, beim Einkauf zu mehr „Tierwohl“ zu greifen.

Es gibt mittlerweile auch Ansätze zum ganzjährigen Auslauf. Wäre das Optimum?
Ganzjähriger Zugang zu einem Auslauf ist sicher positiv für die Haltung von Milchkühen. Sie haben mehr Bewegung und können Umweltreize wie frische Luft undSonnenlicht aufnehmen. Wenn man einen Auslauf attraktiv gestaltet, zum Beispiel mit Außenfütterung, Außenliegeboxen oder einer elektrischen Kuhbürste, wird dieser von den Tieren noch lieber genutzt. Von einem Optimum zu sprechen, ist in der Tierhaltung generell schwierig, denn mehr geht immer. Gute Weidehaltung ist aus meiner Sicht aber nahe am Optimum.

Kühe sind Herdentiere, die über das ‚soziale Lecken‘ auch soziale Körperpflege betreiben.

Dr. Claudia Schmied-Wagner, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachstelle für tiergerechte Tierhaltung und Tierschutz

Liest man von aktuellen Milchleistungen, wirken diese Zahlen meist extrem hoch. Welche Milchleistung liegt noch im Normbereich?
Die Milchleistung von Kühen ist durch züchterische Maßnahmen in den letzten Jahrzehnten extrem gestiegen. Milchkühe geben je nach Rasse heute 10.000 Kilogramm Milch pro Jahr oder noch mehr. Das züchterische Potenzial wird häufig durch Kraftfuttergaben noch maximiert, die Milchleistung also noch weiter nach oben getrieben. Diese Entwicklung hat der Gesundheit unserer Milchkühe nicht gut getan, die Tiere sind nach kurzer Nutzungsdauer „ausgebrannt“. Künftig müssten andere Leistungsparameter wie die Langlebigkeit und Lebensleistung der Kühe wieder in den Vordergrund gestellt werden. Grundsätzlich lässt die Milchleistung aber nicht auf eine tiergerechte Haltung rückschließen.

Ein besonders schwieriges Thema ist die Trennung von Kühen und Kälbern. Wie kann man hier möglichst artgerecht vorgehen?
Die frühe Trennung von Milchkühen und ihren Kälbern kommt in der Milchviehhaltung sehr oft vor. Positiv ist, dass den Kühen für die Geburt heute oftmals eine ruhige und bequeme Abkalbebucht zur Verfügung gestellt wird. Die Mutter wird nach der Geburt aber meistens rasch wieder in die Herde der Kühe integriert und gemolken, die Kälber werden zuerst einzeln und später in Kälbergruppen gehalten. In dieser Hinsicht ist die Milchviehhaltung also nicht artgemäß, weil eine enge Kuh-Kalb-Beziehung der Art entsprechen würde. Es gibt jedoch heute auch Ansätze, Kälber in der Milchviehhaltung wieder artgemäßer aufzuziehen. Bei der sogenannten „Muttergebundenen Aufzucht“ bleiben die Kälber die ganze Zeit oder zumindest zeitweise bei ihren Müttern.

Hier geht’s zum Artikel „Jeder Fleck im Blick“

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Sarah Wetzlmayr

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