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Home » Kinder brauchen Märchen
Erwachsen werden

Kinder brauchen Märchen

Sandra WobrazekVon Sandra WobrazekDezember 22, 2017Aktualisiert:Feber 27, 20266 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Märchen pendeln heute zwischen zeitgemäßer Lebenshilfe und antiquierten Schockgeschichten.

Welche Bedeutung Rotkäppchen, die sieben Zwerge und der böse Wolf heute noch haben. Und warum Märchen die Basis für alle guten Kindergeschichten sind.

Wer kennt sie nicht? Die zahlreichen Abende in der Kindheit, in denen Mutter, Vater, Großmutter oder Großvater von den Geschwistern Hänsel und Gretel, der heimtückischen Hexe, Rotkäppchen und dem bösen Wolf oder den sieben Geißlein vorlasen und
man voller Anspannung und gebannt den Klassikern der Gebrüder Grimm und Hans Christian Andersens lauschte. Auch heute noch erscheinen Jahr für Jahr zig Neuauflagen der klassischen deutschsprachigen Märchen, Bilderbücher für die Kleinsten sind ebenso
darunter wie umfassende Erzählungen zum Lesen und Vorlesen für ältere Kinder. Die Geschichtensammlung der Gebrüder Grimm zum Beispiel gehört längt zu den bekanntesten literarischen Überlieferungen der Welt. Sie wurde bereits in 170 Sprachen übersetzt, wird in Japan ebenso allabendlich vorgelesen wie in österreichischen oder südamerikanischen Kinderzimmern.

Sind Märchen noch zeitgemäß?

Doch nicht alle Eltern sind damit einverstanden, dem Nachwuchs 200 Jahre alte Geschichten zu erzählen, in denen Mädchen und Buben im Wald ausgesetzt, alte Frauen bei lebendigem Leib verbrannt und junge, schöne Frauen vergiftet werden – und stellen sich
mitunter die Frage, ob die Schauermärchen von einst noch zeitgemäß und pädagogisch wert- und sinnvoll sind. Sie fordern eine Adaption der alten Geschichten sowie eine zeitgemäße Sprache. So wie Alexander Kleinszig. Er ist Vater eines zehnjährigen
Buben und zweier Mädchen im Alter von 14 und 15 Jahren – und auch er erinnert sich an so manche Abende aus seiner Kindheit, die ihm ob der brutalen Geschichten Angst einflößten. „In Zeiten, sagt der Regisseur, „in denen die Kindererziehung weit strenger war und man den Vater noch mit Sie angesprochen hat, mögen diese Märchen nicht so schlimm empfunden worden sein und hatten sicher
auch eine erzieherische Maßnahme. Doch die heutige Pädagogik ist eine vollkommen andere – und arbeitet nicht mit Bestrafung und dem Erzeugen von Angst bei Kindern. Das muss sich auch nicht unbedingt in den Geschichten fortsetzen, die wir dann unseren
Kindern überliefern.“ Kleinszig plädiert dafür, dass die positiven Elemente der Märchen erhalten bleiben, sie aber zeitgemäßer und weit weniger drastisch erzählt werden sollten.


Umschreiben als No-Go

Anders hingegen sieht das Schriftsteller Franzobel – für ihn ist es eine „furchtbare Vorstellung“, Märchen umzuschreiben, seien sie doch wertvolles Kulturgut. Den erhobenen Zeigefinger findet der Literat, selber Vater zweier Buben, nicht so gefährlich, denn „die
meisten Märchen sind gar nicht eindeutig zu interpretieren und das heutige Fernsehprogramm ist viel schlimmer. Märchen haben mich immer interessiert, auch solche von anderen Kontinenten, weil sie die Erfahrungen von Generationen speichern. Ich will schon lange selbst einmal Märchen schreiben, bin aber erst zu einem gekommen: ,Phantastasia‘, eine Geschichte vom Erwachsenwerden.“ Märchen hat der Autor zwar bislang erst eines verfasst, dafür aber mehrere Kinderbücher mit märchenhaften Elementen wie „Die Nase“ und „Moni und der Monsteraffe“. In seinem Buch „Der fliegende Zobel“ etwa wird die Reise eines Mädchens durch ein Land voller Abenteuer und ungewöhnlicher Wesen erzählt. Kinder sollen mit Franzobels Büchern Spaß haben, wie auch die Vorleser, und in ihrer Kreativität und Anarchie bestärkt werden, wie der Autor sagt: „Mir ist die Liebe zum spielerischen Umgang mit der Sprache wichtig. Ich habe meine Kinderbücher aber nicht für den Kinderbuchmarkt, sondern immer für meine Söhne geschrieben, wenn sie mittlerweile, was ich öfter höre, auch Lieblingsbücher anderer Kinder sind, freut es mich sehr. Die Zeichnungen spielen eine enorm wichtige Rolle. Gerade Kinder sind da sehr genau. Sie sind zwar bereit, sprechende Kühe, dicke Schmetterlinge oder eine Fitness treibende Fliege zu
akzeptieren, wenn aber eine Socke auf dem einen Bild grün und am nächsten blau ist, geht das gar nicht.“

Der Märchenerzähler aus dem Almtal

Welche Wirkung Märchen haben können, weiß Helmut Wittmann. Er möchte die klassische Erzähltradition neu beleben und ist seit fast 30 Jahren Märchenerzähler, für Kinder ebenso wie für Erwachsene. An bis zu 150 Tagen im Jahr ist der fünffache Vater aus Grünau im Almtal unterwegs, um aus seinem Repertoire von Hunderten verschiedenen Märchen und Sagen, jüngeren ebenso wie  jahrhundertealten, vorzutragen, von Liebe, Hoffnung, Angst, Rache, Verlust und Glück zu berichten. Wittmann tritt mit seinen Märchenabenden und Erzählnachmittagen in Vereinslokalen ebenso auf wie in Schulen oder großen Firmen und renommierten Kultureinrichtungen wie dem Wiener Konzerthaus. Seine Reisen führten ihn schon quer durch Österreich und Deutschland, aber auch in den Iran und nach Indien, Russland und in die Türkei. Seine Liebe gilt den österreichischen Volksmärchen, weil sie mit ihrer uns vertrauten Symbolik am besten verständlich seien. Im Jahr 2010 hat Helmut Wittmann deshalb beantragt, dass das Märchenerzählen
zum UNESCO-Kulturerbe ernannt wird – mit Erfolg, sind doch viele der Geschichten heutzutage kaum noch bekannt und werden einzig durch mündliche Überlieferung vor dem Aussterben bewahrt. In Radio Oberösterreich und Radio Salzburg gestaltet er deshalb
auch seit 23 Jahren jeden ersten Samstag im Monat die Erzählstunde in „Bei uns dahoam“. „Märchen“, sagt Helmut Wittmann, „sind etwas Wunderbares. Sie erzählen von den wirklich wesentlichen Dingen des Lebens – und liefern Kindern und Jugendlichen Lösungen für ihre persönlichen Probleme.“

Kinder brauchen Märchen

Dass Märchen, einst als Volkserzählungen für Erwachsene gedacht, eine psychologische Bedeutung haben, propagierte bereits 1977  Kinderpsychiater Bruno Bettelheim in „Kinder brauchen Märchen“. Diese seien nicht nur Geschichten, sondern Metaphern für das kindliche Heranwachsen. So stünde der Wolf für die animalischen Tendenzen des Menschen, Rotkäppchens Gefährdung durch den
Wolf für ihre aufkeimende Sexualität, während Zwerge frühkindliche Phasen symbolisieren. Mit seiner Forderung, antiquiert wirkende
Geschichten in die damals schon liberale Erziehung aufzunehmen, rief Bettelheim zwar auch viele Kritiker auf den Plan, dennoch werden seine Forderungen bis heute von vielen Experten unterstützt.
Auch Hollywood erkannte früh, welche großen Erfolge man mit Märchen haben kann: Walt Disney wurde über viele Jahrzehnte zum führenden Märchenerzähler der Kinoleinwände. Klassiker wie „Bambi“, „Schneewittchen“ und „Aschenputtel“ prägten ganze  Generationen. Auch schon die oftmals ob ihrer Brutalität gescholtenen Gebrüder Grimm wussten, dass die Menschen sich nach einem versöhnlichen Finale sehnen. Die französische Urversion des „Rotkäppchens“ von Charles Perrault etwa endet damit, dass der Wolf das Mädchen und seine Großmutter frisst. Die Grimms hingegen adaptierten in der zweiten Auflage ihrer „Kinder- und Hausmärchen“
diese Geschichte und ließen den Jäger den Bauch des Wolfes aufschneiden und so Großmutter und Rotkäppchen retten – eines der ersten Happy Ends der Kinderliteratur war geschaffen.

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Sandra Wobrazek

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